Von René Heilig
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Wenn Recherchen enden

Harald Lüders: Ein Polit-Thriller über den NSU und eine finstere Republik

Ein Thriller über den NSU, gewürzt mit Fiktionen über den »tiefen Staat« - aus der Sicht eines Journalisten kommt das irgendwie einer Kapitulation vor der unaufgeklärten Wirklichkeit gleich. Doch Harald Lüders, der Autor des Bandes, ist Journalist. Er hat bei politischen TV-Magazinen gearbeitet und mit seinem Buch einfach Gefühle aufgegriffen, die uns, seine Kollegen, die seit Jahren zum Thema NSU recherchieren, mehrfach ergriffen haben: Ohnmacht und Wut.


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* Harald Lüders: Dunkelmacht. Thriller. Westend Verlag. 352 S., br., 15 €.


Kaum einer glaubt die Erzählungen über das Ende des NSU. Das, was zum angeblich freiwilligen Ableben der mutmaßlichen NSU-Mörder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Wohnmobil vor nunmehr über fünf Jahren offiziell »ermittelt« wurde, ignoriert Realitäten. Kritische Nachfragen von Journalisten und Parlamentariern aus NSU-Untersuchungsausschüssen bleiben unbeantwortet. Die Anklage, mit der der Generalbundesanwalt den Kreis der in die Hassmorde Verwickelten klein halten will, erzeugt zwangsläufig Kopfschütteln. Recherchen fallen in eine politisch gewollte und perfekt aufgestellte Leere.

Also erzählt Lüders das, was fehlt, so wie es hätte gewesen sein können. Er bastelt Puzzle-Teile, um das von vielen - so oder ähnlich - geahnte Bild fertig legen zu können. Er erfindet dazu Mitch Berger, einen Journalisten, der ein Alkoholproblem hat und als Mitarbeiter einer anspruchslosen Zulieferfirma für TV-Boulevard-Sendungen auf eine zweite Karrierechance wartet. Dem Medienmann wird eine DVD zugespielt, auf der zu sehen ist, wie und von wem die mutmaßlichen NSU-Killer Böhnhardt und Mundlos in ihrem Wohnmobil umgelegt werden. Klar ist: Der NSU wurde geführt, aber von wem und wozu?

Hinter allem steckt zunächst ein Dr. Werner Dickmann. Der Witwer ist ein maßgebender Beamter des Bundesamtes für Verfassungsschutz, der mit einem Geheimbund, in dem BND- und MAD-Kollegen mittun, Deutschland vor drohender »Überfremdung« und einer muslimischen Übermacht schützen will. Im zweiten Jahr des ungebremsten Flüchtlingszuzugs regt sich nicht nur verbaler Widerstand gegen die Politik der Kanzlerin. Dickmann, der die Verfassung schützen soll, legt Dossiers über unliebsame Mitarbeiter an, lenkt V-Leute nach Gutdünken, erteilt Mordaufträge, lässt Akten schreddern. Und dann will er ein Asylbewerberheim in die Luft sprengen. Aktion »Kaserne«. Bleibt weg, ihr seid nicht willkommen, soll die Botschaft heißen, die per Medien in alle Welt gelangen soll. Für diesen perfiden Plan heuert er einen ehemaligen US-Elitesoldaten an und weist ihm einen Nazi-Zuträger als Helfer und Opfer zu.

Die DVD mit dem wahren NSU-Ende in Eisenach stammt gleichfalls aus dem Hause des Dienstes. Ein junger Regierungsrat will Dickmann und dessen Seilschaften ein Bein stellen. Er zahlt das mit dem Leben. Die Spuren seiner Mörder weisen zum Rechten Sektor in die Ukraine.

Der Autor ist Fernsehmann, schnelle Schnitte sind seine Methode. Er will auch den Leser ständig in Atem halten, erzählt in vielen Ebenen, mixt Realität mit Fantasien, die ihn nach Syrien, auf die Balkan-Route und nach Thailand tragen. Man hat den Eindruck, dass alles, was er morgens in der Zeitung über Deutschlands kritische Verfasstheit las, am Abend Teil seines Thrillers wurde. Der Vorteil? Das Buch liest sich schnell, eventuell fehlendes Hintergrundwissen kann weiter in der »Tagesschau« aktualisiert werden.

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