Von Ingolf Bossenz
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Wahre Kunst statt Ware Kunst

Joost Zwagerman bringt ein 30-Millionen-Euro-Bild unter die Menschen

Dass Kopien und Fälschungen, gut gemachte zumal, beste Chancen haben, ein wohlwollend konsumierendes Publikum zu finden, bezeugen alljährlich Tonnen beschlagnahmter Markenprodukte. Mehr denn je gilt Immanuel Kants Einschätzung, es sei »ein starker Grund, das für wahr zu halten, was andre dafür ausgegeben haben«.


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* Joost Zwagerman: Duell. Roman. A. d. Niederl. u. Nachw. v.Gregor Seferens. Weidle Verlag. 160 S., br., 17 €.


Doch während es sich bei Luxusuhren, Teuertaschen oder Designerkleidung in aller Regel um minderwertige Imitate handelt, sieht das in der bildenden Kunst anders aus. Die Kopie des Werks eines namhaften Künstlers kann in ihrer Perfektion die Urkreation durchaus überstrahlen. Von diesem Ehrgeiz besessen ist Emma Duiker. Für eine Ausstellung junger Künstler im Amsterdamer Hollands Museum hat sich die perfektionistische Kopistin ein Werk des abstrakten Expressionisten Mark Rothko (1903-1970) aus den Beständen des Museums »vorgenommen« und nach akribischer Analyse von Maltechnik und Farbkomposition einen »Zwilling« gefertigt.

Nachdem die Ausstellungsbesucher Rothkos (fiktives) Farbwunderwerk »Untitled No. 18« im Doppelpack bestaunen durften, die Exponate in den Depots verstaut sind und das Museum wegen Totalumbaus geschlossen wurde, schlägt die schlimmste Stunde von Jelmer Verhoof, dem ambitionierten Direktor der Sammlung. Denn der Rothko, der nach Trennung der attraktiven »Zwillinge« im Hause blieb, ist mitnichten das Original. Dieses nämlich wurde von Emma Duiker auf eine Reise in die Welt geschickt, gleichsam befreit von den Fesseln künstlicher Kunstbezeugungen hinter Museumsmauern. Unbefangen und unbeeinflusst begegnen Menschen an alltäglichen Orten nun einem Kleinod der Kunst des 20. Jahrhunderts, spüren das Wirken des Wesentlichen solcher Schöpferkraft ohne Kontext ballastigen Hintergrundwissens. Ein merkwürdiges würdiges Zusammentreffen. »Gerade die Tatsache, dass Untitled wirklich anonym zu sehen ist, ermöglicht dem Betrachter eine authentische Erfahrung«, versucht die kongeniale Kopistin den seines Glanzstücks beraubten Kunstverwalter zu begeistern.

Da es bei dem Rothko-Opus allerdings um einen geschätzten Marktwert von 30 Millionen Euro geht, entwickelt Jelmer Verhoof nur wenig Sympathie für den unkonventionellen Kreativitätsschub, den Emma Duiker dem eingefahrenen Kunstbetrieb verschaffen will. Gemeinsam mit seinem Restaurator Olde Husink begibt sich der Museumsleiter auf eine abenteuerliche Tor-Tour, um das abtrünnige Artefakt möglichst geräuschlos wieder heimischen Gefilden zuzuführen. Aber dann trifft der Schlag. Nicht den dualen Suchtrupp, sondern das Millionenbild - in Form der Faust des Direktors ...

Joost Zwagermans Novelle »Duell« hat manches von den Bildern Mark Rothkos: Es wird dick aufgetragen, und wer sich damit und darauf einlässt, wird in einen artifiziellen Kosmos gezogen, der Fantasie und Emotionen fordert und fördert. Dem niederländischen Schriftsteller ist ein ebenso bizarres wie bewegendes Abbild der kapitalistischen Kunstszenerie gelungen. Es geht um die oft schwer erkennbare Differenz zwischen wahrer Kunst und Ware Kunst.

Die meisterhafte Mischung eines unprätentiösen, gleichwohl quellreinen Sprachstils (Dank auch dem Übersetzer Gregor Seferens) mit grotesken Handlungselementen, die sich dann ohne akute Eskalation wieder zerstreuen, um sich am Ende zu einem ebenso frappanten wie faszinierenden Finale zu vereinen - das ist ganz große Kunst im kleinen literarischen Format. Allein die angezeichnete, aber »abgebrochene« Erotik zwischen Duiker und Verhoof wäre Ausweis der überragenden dichterischen Berufung Zwagermans.

Es ist schwer vorstellbar, dass der Autor dieses sprühenden, tiefsinnigen, leichthinnigen und sinnfälligen Erzählstücks von schweren Depressionen heimgesucht war und im September 2015, mit nur 51 Jahren, den Freitod wählte. Dass er so sein eigenes finales Schicksal mit dem von Mark Rothko teilte, ist eine traurige Pointe. Ob Zwagerman das Rothko-Bild schon seinerzeit (die Novelle erschien 2010 in den Niederlanden) als Metapher für sein eigenes Leben und Leiden verwendete?

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