Von Lilian-Astrid Geese
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Der Banker und der Romancier

Paul Murray hat einen intelligenten, unterhaltsamen Roman vor dem Hintergrund der globalen Finanzkrise geschrieben

Endlich ein neuer Roman von Paul Murray! Es herrschte eine lange Pause zwischen seiner amüsant-prägnanten Gesellschaftsstudie »Skippy stirbt« (2011) und dem aktuellen Porträt der modernen Finanzwelt.


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* Paul Murray: Der gute Banker. Roman. A. d. Engl. v. Wolfgang Müller. Kunstmann. 526 S., geb., 25 €.


Murray hat gründlich recherchiert, was die komplexen Mechanismen der Finanzkrise 2008 betrifft. So erklären sich die romanlosen Jahre des Autors vermutlich mit dem Sujet seines neuen Buches, dessen Protagonisten der französische Investmentbanker Claude Martingale und der gescheiterte irische Romancier Paul sind.

Ihre Geschichte spielt in Dublin in den Jahren nach dem Boom. Die Lehman Brothers Bank ist bereits bankrott, und Claudes Arbeitgeber, die ominöse Bank von Torabundo, ist Teil eines undurchsichtigen Geflechts von Finanzinstituten, die nur noch durch staatliche Geldspritzen und schräge Transaktionen am Leben gehalten werden. Doch die Volten der Wirtschaft, die Murray so detailliert nacherzählt, als wolle er mit einem Tutorial der Financial Times konkurrieren, sind - zum Glück - nur ein Teil der Story.

Auf den 526 Seiten der Erzählung geht es auch um die (unerfüllte) Liebe zwischen Claude und Ariadne, einer künstlerisch begabten Kellnerin in einem Lifestyle-Café neben der Bank. Erzählt wird ebenso von der chaotisch-leidenschaftliche Ehe des obskuren Romanciers Paul mit der nicht weniger obskuren osteuropäischen Ex-Table-Dancerin Clizia und deren gemeinsamem Sohn Remington. Diskutiert wird die Frage, ob Literatur heute noch lohnt respektive wichtig ist. Ein indischer Autor spielt eine Rolle - Bimal Banerjee, dessen Roman »The Clowns of Sorrow« einen ähnlichen Titel trägt wie Pauls gleichzeitig erschienenes Debüt »For Love of a Clown«, ihm im Gegensatz zu Letzterem aber Weltruhm und viel Geld einbrachte.

Es gibt ein Camp der Occupy-Bewegung vor der Bank von Torabundo, eine sinkende Pazifikinsel gleichen Namens, jede Menge Anspielungen und Ableitungen, sowie erstaunliche und witzige Charaktere: Igor, zum Beispiel, ein von Paul als Literaturkenner präsentierter Russe, der mit ihm an seinem neuen Projekt hotswaitresses.com arbeitet, und zynische Verleger, die eine zu Pop verkommene Literaturszene beklagen. Ein ganzes Literatendinner widmet sich dem philosophischen Diskurs über Kunst und die monetäre Moderne.

All das präsentiert Murray ernsthaft und exakt. Der Plot hat einige nicht ganz überraschende Wendungen, ist jedoch so unterhaltsam, dass man gern weiterliest. Hin und wieder - leider zu selten - blitzt auch Murrays großartiger Humor auf.

Für die wenigen Passagen, die zum Querlesen verlocken, entschädigt die subtile, dabei unüberlesbare Kritik an einem korrupten Finanzkapitalismus, der einigen wenigen skrupellosen Bankern gigantischen Reichtum beschert, den Rest der Welt jedoch in desaströse Armut stürzt oder in dieser hält.

Ein ewig brisantes, stets aktuelles Thema - auch für die Literatur.

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