Patient als Melkkuh

Von Ulrike Henning

Einen Parforce-Ritt durch das deutsche Gesundheitswesen bietet das Büchlein von Wolfgang Albers. Der Autor, selbst Chirurg, einige Jahre Delegierter der Berliner Ärztekammer und Gesundheitspolitiker, streift viele bedenkliche Entwicklungen der Gegenwart. Eingangs zeigt er, wie die heutigen Strukturen im Kern schon lange vor dem 2. Weltkrieg entstanden, darunter die ärztlichen Organisationen. Mit den Positionen des Hartmann-Bundes in der Weimarer Republik lassen sich bis heute immer wieder recht feindselige Äußerungen gegenüber den Krankenkassen besser einordnen. En passant wird die Gründung von Ambulanzen in deutschen Großstädten als Antwort der Versicherungen auf Forderungen niedergelassener Ärzte in den 20er Jahren beleuchtet.

Der Kampf um die Pfründe im Gesundheitswesen spielt sich heute in vielen Bereichen ab, rankt sich oftmals um Begrifflichkeiten, die Versicherten und Patienten nicht mehr verständlich sind. Albers zählt eine ganze Reihe davon auf und erklärt sie, die Positivliste als Modell für eine Begrenzung verschreibungsfähiger, sinnvoller Medikamente, die Fallpauschalen und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Krankenhäuser, die Rolle von Leitlinien und Mindestmengen. Auch von den Zumutungen für die Ärzte berichtet der Mediziner, die weiter wachsende Bürokratisierung ihrer Tätigkeit, der zunehmende ökonomische Druck auf therapeutische Entscheidungen. Bei alldem, so macht Alber deutlich, haben die Patienten nichts mehr zu sagen, sie bleiben die Melkkühe des Systems.

Ein Exkurs ist der Privatisierung der kommunalen Krankenhäuser in Berlin gewidmet, die einige Jahre zurück liegt. Es wäre interessant zu erfahren, wie sich seitdem alles entwickelt hat.

Albers, Wolfgang: Zur Kasse, bitte! Gesundheit als Geschäftsmodell. Verlag Das Neue Berlin 2016. 224 Seiten, brosch., 14,99 €.

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