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Weiß sie es, oder weiß sie es nicht?

Im Kino: »Florence Foster Jenkins« setzt einem Original ein Denkmal

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Wer die singende Meryl Streep in »Mamma Mia!« mochte (oder in Robert Altmans »Last Radio Show«), wird vielleicht auch an »Florence Foster Jenkins« seinen Spaß haben. Vielleicht. Denn wieder singt Streep. Und das macht sie sonst ganz ordentlich. Aber diesmal singt sie falsch. Mit derselben Verve wie die Abba-Songs in »Mamma Mia!«, aber immer ein bisschen mehr als nur haarscharf daneben. In grausigen Kostümen noch dazu - von ihrer Titelheldin selbst entworfen -, die immer ein wenig zu jung sind, ein wenig zu neckisch, ein wenig überladen. Aber natürlich hat das alles seinen Grund: Es ist ganz einfach die historische Wahrheit.

Der Gesang von Florence Foster Jenkins war unerträglich. Ihre Selbsteinschätzung war von der Realität so weit entfernt wie der Mars von der Erde. Ihre Entourage war finanziell von ihr abhängig und redete ihr nach dem Mund. »Florence Foster Jenkins« ist ein Film über einen Selbstbetrug, der von eifrigen Opportunisten liebedienernd mitgetragen wird.

Doch dieser Betrug hatte Gründe. Florence Foster Jenkins, das war die legendäre New Yorker Society-Lady, die es sich in den Kopf gesetzt hatte, die Welt mit ihrer Stimme zu beglücken - bis hin zu einem krönenden Konzert in der New Yorker Carnegie Hall am 25. Oktober 1944. Es war ihr erstes öffentlich zugängliches Konzert nach einer langen Reihe kleinerer Veranstaltungen in privatem Rahmen, oft vor den Mitgliedern eines selbst gegründeten musikalischen Clubs. Und das Konzert führte zu genau der Art von Kritiken, die Sängerin und Entourage bis dahin sorgfältig vermieden hatten. Mit vernichtenden Folgen für die Sängerin.

»Florence Foster Jenkins« ist bereits der zweite Film in kurzer Folge, der der Dame und ihren exzentrischen Darbietungen ein Denkmal setzt. Der französische Streifen »Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne« von Xavier Giannoli, mit Catherine Frot in der Hauptrolle, verlegte die Handlung ein paar Dekaden vor und benannte seine Heldin anders, aber die Geschichte war doch die selbe. Was der Brite Stephen Frears nun aus der seltsamen Selbsttäuschung macht, ist sanfter, liebevoller, weicher. Weniger soziale Kritik als persönliches Drama, weniger komische Oper als tragische Verkettung.

Hugh Grant spielt St. Clair Bayfield, Florence Foster Jenkins’ zweiten Ehemann (oder war er’s gar nicht?), einen gescheiterten Schauspieler, englisch, aristokratisch und arm. Abhängig von der reichen Frau, die er mit einer Jüngeren betrügt, aber zu einem erheblichen Grad doch genuin interessiert, ihr Leben leichter zu machen. Seine Beweggründe sind edel und selbstsüchtig zugleich, und Hugh Grant hält die Balance so gut, dass schon von einer Oscar-Nominierung die Rede ist.

Was Cosmé McMoon (Simon Helberg) bei der Stange hält, den ständigen Pianisten und Begleiter der Sängerin, ist eine abgemilderte Mischung ganz derselben Gründe: Erst kauft man ihn, dann nimmt er wirklich Anteil, dann fürchtet er um seinen guten Ruf, und am Ende macht er schließlich doch mit, weil er’s nicht über’s Herz bringt, sie zu enttäuschen. Sein großäugiges Entsetzen, seine mühsam unterdrückten Kicheranfälle, seine ganze Körpersprache bei der allerersten Begegnung mit der hohen »Kunst« der Gönnerin machen ihn zum perfekten Platzhalter für den Zuschauer. Wie sehr die jeder möglichen tröstenden Hilfe bedarf, auch daraus macht der Film kein Hehl: Ihre spät aufgedeckte Vorgeschichte ist tragisch genug, um jede Exzentrizität nicht nur zu erklären, sondern zu entschuldigen.

Dass Florence Foster Jenkins Fans unter einigen der Musikgrößen ihrer Zeit hatte, dass Caruso und Cole Porter gleichermaßen zu den Besuchern ihrer Konzerte gehörten, lässt der Film weitgehend aus. Er beschränkt sich auf die privaten Verknüpfungen und Motivationen, er lässt seiner Heldin ihre Würde, auch wenn sie selbst sie gerade am meisten beschädigt. Das kann man halbherzig nennen oder großzügig, rücksichtsvoll oder risikoscheu. Es sorgt dafür, dass der Film sich gut ansehen lässt, aber auch dafür, dass er kein Meisterwerk wurde, das lange im Gedächtnis bleiben wird.

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