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Morde im Schatten der kolumbianischen Hoffnung

Die Regierung in Bogotá wird angesichts der Gewalt gegen Aktivisten der Tatenlosigkeit beschuldigt

  • Von Knut Henkel, Bogotá
  • Lesedauer: 3 Min.

In einem offenen Brief hat die FARC, Kolumbiens größte Guerillaorganisation, die kolumbianische Regierung aufgefordert, etwas gegen die zahlreichen Morde an sozialen Aktivsten und Menschenrechtlern zu tun. Tatenlosigkeit und Ineffektivität wirft auch die Nichtregierungsorganisation »Somos Defensores« der Regierung von Juan Manuel Santos vor.

»Es gibt keinen Waffenstillstand für Verteidiger der Menschenrechte«, heißt der Titel des jüngsten Berichts von »Somos Defensores«. Die Nichtregierungsorganisation, zu deutsch »Wir Verteidiger«, hatte bis Ende Oktober 62 ermordete Menschenrechtler registriert. Das war nur einer weniger als im ganzen Jahr 2015. Bereits am Sonntag war die Zahl der Morde auf 70 gestiegen.

»Das ist ein Widerspruch, denn auf der einen Seite ist die Zahl der Toten mit dem Waffenstillstand zwischen FARC und Regierung merklich gesunken, aber der Krieg gegen soziale und politische Aktivisten geht mit ungleich höherer Intensität weiter«, so Carlos A. Guevara, Koordinator des Netzwerks. Das hat in allen Landesteilen Mitarbeiter und wird vor allem aus Skandinavien finanziert.

Allein am Wochenende wurden in Kolumbien mehrere Anschläge auf bekannte Aktivisten durchgeführt, drei starben, andere kamen mit dem Schrecken davon. Alltag in Kolumbien, der in den letzten Monaten im Ausland kaum wahrgenommen wurde, denn dort herrscht so etwas wie Friedenseuphorie, die in Kolumbien aber immer weniger geteilt wird.

»Die Widerstände gegen den Friedensvertrag parallel mit immer neuen Nachrichten, dass in der Region mehr und mehr Paramilitärs unterwegs sind, haben uns nachdenklich gemacht«, sagt Carlos Paez von der Bauernorganisation »Tierra y Paz« aus der Stadt Apartadó im Bananenanbaugebiet von Urabá. Das gehört zum Verwaltungsdistrikt Antioquia, wo Landkonflikte besonders ausgeprägt sind und laut »Somos Defensores« die Situation derzeit extrem gefährlich ist. Das gilt auch für den Cauca oder den Chocó, zwei weitere von insgesamt 33 Verwaltungsdistrikten, die vergleichbar mit deutschen Bundesländern sind.

Auch dort haben die Aktivitäten der paramilitärischen Gruppen, von der kolumbianischen Regierung als Bandas Emergentes, so viel wie aufstrebende Banden, bezeichnet, stark zugenommen. »Allerdings hat angesichts der Hoffnung auf Frieden auch die Wachsamkeit der Aktivsten abgenommen«, so Carlos A. Guevara von »Somos Defensores«. »Die Leute sind teilweise ohne Bodyguards, ohne Sicherheitsmaßnahmen vor die Tür gegangen, haben an Demonstrationen teilgenommen und waren zumindest teilweise leichte Opfer«, sagt er.

Dabei sind Cauca und Antioquia zwei Schlüsselregionen des Landes, wo zwei elementare Konflikte ausgefochten werden: die Landrückgabe und der Bergbau. »Im Cauca kommt noch der Wasserreichtum hinzu, der Fluch und Segen zugleich ist, weil er viele Begehrlichkeiten weckt«, so Guevara. Im Cauca entspringen wichtige Flüsse wie der Cauca oder der Magdalena und auf sie haben Elektrizitätskonzerne, aber auch Bergbauunternehmen ein Auge geworfen. Das kritisieren Organisationen wie der Dachverband der indigenen Organisationen des Cauca, die immer wieder erfolgreich gegen Großprojekte und den Bergbau mobilisiert haben.

Das sei auch der Regierung in Bogotá ein Dorn im Auge, so einer der indigenen Führer aus dem Cauca Andres Antonio Almendras. Doch nicht nur im Zusammenhang mit Landkonflikten als eigentlicher Ursache des Bürgerkriegs und zur Durchsetzung von Bergbauprojekten wird gemordet. Auch Gewalt gegen Homo-, Bi- und Transsexuelle hat 2016 wieder zugenommen, so die Statistiken von »Somos Defensores«. Die Organisation versucht genau das sichtbar zu machen und hat damit in den vergangenen Jahren viel Erfolg gehabt - an der prekären Menschenrechtssituation hat sich trotzdem wenig geändert.

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