Von Andreas Fritsche

Brandstifter von Nauen hatten Hass im Herzen

Prozess zum Anschlag auf Flüchtlingsunterkunft Turnhalle / Mutmaßliche Täter verabredeten sich über »WhatsApp«-Gruppe

Ob der Herr Soundso sein Rechtsanwalt sei, fragt der Vorsitzende Richter den Angeklagten Maik Schneider. Der antwortet frech: »Leider ja!« Auch sonst zeigt der NPD-Stadtverordnete Schneider nicht viel Respekt, grinst viel, schaut gelangweilt an die Decke. In Handschellen wird er am Donnerstag in Saal 8 des Potsdamer Landgerichts hineingeführt. Gegen ihn und fünf andere Männer begann am Montag der Prozess wegen des Brandanschlags auf die Turnhalle des Oberstufenzentrums in Nauen. Der Landkreis Havelland wollte dort vorübergehend Flüchtlinge unterbringen. Doch kurz bevor die ersten Asylbewerber einziehen konnten, sollen Schneider und seine Kumpane die Turnhalle in einer Nacht im Sommer 2015 abgefackelt haben.

Vorwurf: Bildung einer kriminellen Vereinigung

Die Männer sollen laut Anklage eine kriminelle Vereinigung gebildet haben, die von fremden- und asylfeindlicher Stimmung getragen wurde. Per Mobiltelefon – mittels einer WhatsApp-Gruppe mit dem Namen »Heimat im Herzen« sollen sie sich zu verschiedenen Taten verabredet haben. Schneider soll als Rädelsführer auch persönliche Treffen einberufen und Anweisungen gegeben haben.

Zunächst äußerte sich am Donnerstag der Angeklagte Sebastian F., dessen Anwalt eine vorbereitete Erklärung verlas. Demnach bestätigt der 33-jährige Wachmann, dass die ihm zur Last gelegten Vorwürfe stimmen. Er meint aber, er sei nur als Gehilfe, nicht als Täter zu verurteilen. Maik Schneider, den habe er eigentlich nur oberflächlich aus der Kneipe gekannt, habe ihn gebeten, Benzin, Gasflaschen und andere Dinge für den Brandanschlag ins Auto zu laden. Er sei dann auch mitgefahren und mit über den Zaun gestiegen, habe das Material getragen. Er habe sich gefreut, dafür von Schneider gelobt zu werden. »Heute weiß ich, dass es falsch war.«

Reue und Rechtfertigung

Er sei weder politisch aktiv noch organisiert, versichert Sebastian F., ja sogar uninteressiert an Politik. Ein einziges Mal sei er bei einer Demonstration gegen Flüchtlinge mitgelaufen, weil er sich damals sozial benachteiligt fühlte. Nur 900 Euro netto im Monat verdiene er monatlich und habe 10 500 Euro Schulden wegen seiner Glücksspielsucht, die er langsam abstotterte, genauso wie den Unterhaltsvorschuss des Staates für seine achtjährige Tochter. Alkoholprobleme hat er auch. »Ich habe nichts gegen Flüchtlinge und nichts gegen Ausländer«, betont Sebastian F. in der Erklärung. Er habe Kollegen verschiedener Nationalitäten und lasse sich von diesen gern etwas über deren Heimat und Kultur erzählen. Auch ist Sebastian F. nach eigenen Angaben inzwischen nach Berlin gezogen, um von dem Umfeld von Maik Schneider loszukommen. Er habe nun Ausländer als Nachbarn und habe sich mit einigen von ihnen angefreundet. Die Richter haben Nachfragen. Sebastian F. antwortet leise, wirkt gehemmt, und sobald er mit einem Satz fertig ist, senkt er den Kopf.

Der Angeklagte Christian B. belastet Schneider ebenfalls und rechtfertigt zugleich sein eigenes Handeln. Christian B. erinnert an die Stadtparlamentssitzung Anfang des Jahres 2015, bei der über den Verkauf eines Grundstücks für den Neubau eines Asylheims entschieden werden sollte. Er sei dort gewesen und sauer geworden, weil seine Stimme als Bürger nicht gezählt habe – und da habe er »ein bisschen was« gegen solche Zustände machen wollen. Die WhatsApp-Gruppe sei nicht zur Planung von Anschlägen gedacht gewesen, sondern habe dazu gedient, Demonstrationen zu organisieren oder sich gemeinsam »mal ein schönes Wochenende zu machen«. Doch nachdem die Demonstrationen nicht fruchteten, habe irgendjemand gesagt: »Es muss brennen.« Schneider habe sich dann erkundigt, welches Material, beispielsweise Holzpaletten, gut brennen würde. Er habe die Idee anfangs für einen Witz gehalten, weil er Schneider eine solche Sache nicht zugetraut habe.

Elf Prozesstermine sind angesetzt. Die Verhandlung soll jeweils von den frühen Morgenstunden bis in den Abend hinein dauern.

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