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Kinderkriegen wird zum Problem

Seit 1991 schlossen 40 Prozent der Kreißsäle - die Geburtenrate sank nur um zwölf Prozent

  • Von Christina Sticht
  • Lesedauer: 4 Min.

Im September geschah, was viele nach Schließung der Geburtshilfe-Station auf Sylt befürchtet hatten: Die kleine Hanna kam im Autozug auf dem Weg von der Nordsee-Insel zum Festland zur Welt. Ihre Mutter hatte es nicht mehr in die nächste Klinik nach Husum geschafft. Mutter und Tochter seien wohlauf, berichtete Hebamme Heidrun Hepper nach der Entbindung auf der Schiene. Sie hatte die werdende Mutter im Autozug begleitet und nicht damit gerechnet, dass es das Baby so eilig hat.

Nicht nur auf den Inseln, überall in Deutschland schließen Kreißsäle. Die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, Martina Klenk, befürchtet, dass es immer mehr ungeplante Hausgeburten oder Geburten im Auto geben wird. Seit 1991 ging in rund 40 Prozent der Kreißsäle in Deutschland das Licht aus, während die Geburtenrate im selben Zeitraum nur um etwa zwölf Prozent sank. »Es ist eine dramatische Entwicklung«, sagt Klenk. »Wenn sich die Bedingungen zur Berufsausübung nicht verbessern, wird sich das Problem verschärfen.«

Aktuell gibt es in vielen ländlichen Regionen kein Krankenhaus mit Geburtshilfe mehr. Beispielsweise im fast 2000 Quadratkilometer großen Landkreis Diepholz in Niedersachsen. »Bei Anfahrtswegen von bis zu 50 Kilometern haben Frauen große Sorgen, es rechtzeitig zur Klinik zu schaffen«, erzählt Hebamme Jutta Meyer-Kytzia. Christin Hartje aus Bassum wird zur Entbindung ins knapp 30 Kilometer entfernte Wildeshausen fahren. »Ich bin noch ganz entspannt«, sagt sie. Aus dem Bremer Raum habe sie aber schon gehört, dass Schwangere von Kliniken nach Hause geschickt wurden.

Auch in Wolgast (Mecklenburg-Vorpommern) wurde die Geburtsmedizin geschlossen, desgleichen die Kinderstation. Eine regionale Bürgerinitiative zum Erhalt der Stationen gewann zwar 20 000 Unterstützer, fand dann aber im Schweriner Landtag keine Mehrheit für ihre Forderung. Derzeit gibt es neue Gespräche in Wolgast.

Die bundesweit rund 700 verbliebenen Geburtskliniken klagen häufig über Personalnot. Nach einer vom Hebammenverband in Auftrag gegebenen Umfrage betreuen angestellte Hebammen aktuell drei bis fünf Frauen während der Geburt gleichzeitig. »Aufgrund der enormen Arbeitsverdichtung und des Zeitdrucks wollen viele Kolleginnen nicht mehr im Kreißsaal arbeiten«, sagt Klenk. Vielerorts müssen Kliniken ihre Kreißsäle vorübergehend dicht machen.

»Frauen, die mit Wehen vor der Tür stehen, werden abgewiesen. Wir kennen das aus München, Stuttgart oder Freiburg«, erzählt die Verbandspräsidentin. Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKGEV), Georg Baum, sagt: »Ein Drittel der Krankenhäuser in Deutschland macht Verluste. Vielfach bleibt den Häusern nichts anderes übrig, als die personalintensive Geburtshilfe-Station zu schließen.«

Am Donnerstag stand im Gemeinsamen Bundesausschuss der sogenannte Sicherstellungszuschlag auf der Tagesordnung. Mit diesem Instrument sollen Krankenhäuser im ländlichen Raum, die für Notfälle wichtig sind, ergänzende finanzielle Mittel bekommen, um überleben zu können. Aus Sicht der DKGEV sollten auch Geburtshilfestationen auf diese Weise unterstützt werden. »Die Krankenkassen lehnen dies ab. Das halten wir für nicht gerade familienfreundlich«, sagt Baum.

Nach Schließung von Kreißsälen auf den zu Schleswig-Holstein gehörenden Inseln gibt es inzwischen einen Lösungsversuch. Bewohnerinnen von Föhr, Sylt und Fehmarn können bis zu zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin ein Zimmer auf dem Festland beziehen. Dieses »Boarding«-Konzept sei eine freiwillige Leistung der gesetzlichen Krankenkasse, sagt Florian Unger vom Verband der Ersatzkassen. Wenn der niedergelassene Gynäkologe die medizinische Notwendigkeit für eine vorzeitige Einweisung ins Krankenhaus sehe, bedeute das aber eine stationäre Aufnahme und sei kein Fall fürs »Boarding«.

Hebammen halten die »Boarding«-Lösung nicht für optimal. »Kaum ein Kind wird am errechneten Termin geboren«, sagt Verbandschefin Klenk. »Sie brauchen ein mindestens vierwöchiges Zeitfenster.« Mütter harrten oft so lange wie möglich auf der Insel aus, weil sie ältere Geschwister nicht aus ihrem gewohnten Umfeld reißen wollten. Auch für die Mutter der im Autozug geborenen kleinen Hanna war »Boarding« wegen ihres älteren Sohnes keine Option. dpa/nd

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