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Überraschung beim Ü-Ei

Bei der Herstellung der Süßware in Rumänien soll es extreme Ausbeutung geben

Der Skandal um die »Kinder«-Überraschungseier des italienischen Süßwarenkonzerns Ferrero zieht in Rumänien immer weitere Kreise. Anfang der Woche hatte die britische Boulevardzeitung »The Sun« über Missstände bei der Herstellung der beliebten Schokoladenprodukte berichtet. Demnach sollen die kleinen Plastikteile in den Ü-Eiern von ex-trem prekär bezahlten rumänischen Arbeitnehmern teilweise unter unzumutbaren hygienischen Bedingungen zu Hause in die typischen gelben Plastikhüllen gefüllt werden. Oft sollen dabei auch Minderjährige an der Arbeit beteiligt sein. Am Mittwoch gaben die Staatsanwälte in der nordwestrumänischen Kreisstadt Satu Mare bekannt, Ermittlungen wegen des Verdachts auf Ausbeutung von Minderjährigen aufgenommen zu haben. Weitere Behörden, etwa das örtliche Jugendamt, aber auch die Arbeitsinspektion prüfen derzeit die Vorwürfe. Ferrero teilte mit, dies schnellstmöglich durch unabhängige aufklären zu wollen. »Ein solches Fehlverhalten verstößt absolut gegen unseren Ethikkodex.«

Der Bericht über Kinderarbeit könnte sich indes als Ente entpuppen. Timea Jurj, die von der britischen Zeitung porträtierte Frau, bestreitet, dass ihre beiden sechs- und elfjährigen Kinder auf irgendeine Art und Weise beteiligt seien. Die Journalisten von »The Sun« hätten einen fiesen Trick benutzt, um die Minderjährigen mit den Plastikteilen fotografieren zu können. In der Tat hat die Verteidigung der in Armut lebenden 30-Jährigen eine gewisse Plausibilität, denn die Kinder besuchen laut Angaben der Schule regelmäßig den Unterricht. Sie können also nicht, wie im Artikel behauptet, täglich 13 Stunden lange Schichten gearbeitet haben. Es wäre nicht das erste Mal, dass britische Boulevardmedien Geschichten vermeintlich Sensationelles aus Rumänien einfach erfinden, indem sie auf gängige Stereotype setzen. Im vergangenen August sorgte ein Interview des Fernsehsenders Sky News mit angeblichen Waffenschmugglern in der siebenbürgischen Provinz für Aufsehen. Kurz darauf stellte sich heraus, dass die Protagonisten gegen eine Geldzahlung die ganze Szene gestellt haben.

Im Fall der Überraschungseier ist jedoch etwas an der Geschichte dran, auch wenn sich der Verdacht auf Kinderarbeit als unbegründet entpuppen sollte. So hat Timea Jurj nach eigenen Angaben für einen rumänischen Ferrero-Subunternehmer zu einem extrem niedrigen Lohn arbeitet. So soll die Firma für 1000 gelbe Plastik-Überraschungen lediglich fünf Euro gezahlt haben. Darüber hinaus erweist sich die rumänische Präsenz des italienischen Süßwarenkonzerns offenbar als komplexe Konstruktion aus einer ganzen Kette von Unterauftragnehmern, was Missbrauchsfälle ziemlich wahrscheinlich macht. Die Behörden stellten bei ersten Prüfungen fest, dass die im Artikel Genannten weder bei Ferrero Rumänien noch bei den Subunternehmen Romexa SA oder Prolegis fest angestellt sind.

Noch sind die Details des Ausbeutungssystems in diesem Fall nebelig, im Laufe der Ermittlungen wird sich herausstellen, ob es sich dabei etwa um Schwarzarbeit, Scheinselbstständigkeit oder gesetzwidrige Arbeitsverträge handelt. Es wäre jedoch nicht überraschend, wenn sich die Konstruktion letztendlich als legal erweist. Die massive Lockerung der Arbeitsrechtbestimmungen, die in Rumänien und in anderen osteuropäischen Ländern nach der Wirtschaftskrise durchgesetzt wurde, macht solche Fälle zu einem Standortvorteil, wie ihn die Politik seit Jahren mit dem Stichwort »günstige Arbeitskräfte« an Investoren verkauft.

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