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Braune Schatten überm Welfenhaus

Adelsclan profitierte von Arbeitssklaven und der Zwangsenteignung jüdischer Geschäftsleute

Westdeutschlands erster Bundespräsident Theodor Heuss hatte einen Kranz geschickt, hochrangige Würdenträger waren zugegen, als Ernst August III., Herzog von Braunschweig-Lüneburg, Prinz von Großbritannien und Irland, am 2. Februar 1953 in Hannovers königlichen Gärten begraben wurde. Der 65-jährig verstorbene Gatte von Kaisertochter Viktoria Luise hatte sich hoher Wertschätzung weit über die Grenzen des einst von den Welfen regierten Territoriums hinaus erfreut - in seinem distinguierten Auftreten erschien er auch vielen »Bürgerlichen« wie das Musterbild eines Edelmanns. Doch auf dieses Bild fallen mittlerweile braune Schatten - es geht um entrechtete Juden, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge.

Mit ihrem Leiden mussten sie dazu beitragen bei, das Vermögen des Welfenhauses zu mehren. Bestätigt haben das jetzt Unterlagen aus dem Familienarchiv. Erbprinz Ernst August hatte es für Forschungen geöffnet. Der 33-Jährige reagierte damit auf Vorwürfe, die 2014 in einem Beitrag des NDR-Fernsehens laut geworden waren. Er offenbarte unter anderem, wie Ernst August III. und Familie aus »Betriebsentjudungen« wirtschaftlichen Nutzen zogen.

Die Nazis hatten jüdische Geschäftsleute seinerzeit gezwungen, ihre Betriebe ganz erheblich unter Wert an Deutsche zu verkaufen. »Arisierung« nannten die braunen Machthaber das Verfahren, bei dem der Welfenherzog sich mehrere Firmen angeeignet haben soll. So ist belegt, dass er von der Zwangsenteignung eines Wiener Talkum-Werks profitierte. Dessen Eigentümer wollte das Unternehmen anfangs nicht für eine Spottpreis hergeben. Für die Nazis kein Problem: Sie sperrten den Geschäftsmann ein und folterten ihn so lange, bis dass er den Kaufvertrag unterschrieb. Später wird der Mann von Hitlerschergen ermordet.

Cornelia Rauh, Professorin für Zeitgeschichte an der Leibniz-Universität Hannover, konstatiert nach dem Auswerten von Unterlagen aus dem Welfenarchiv: Ernst August III. habe sich »am konzertierten Beutezug zu Lasten jüdischer Unternehmer beteiligt«. Von den seinerzeit im NDR-Beitrag genannten Vorwürfen »ist keiner ganz falsch« sagt die Historikerin.

Zu jenen Vorwürfen gehört auch der Verweis auf den Profit, den die Welfen dank Hitlers Rüstungsmaschinerie und der dafür eingesetzten Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge machten. Ernst August III. und sein Sohn waren Hauptgesellschafter der »Flugzeug- und Metallbauwerke Wels - FMW«. Das Rüstungsunternehmen zählte zu den Firmen, die ihre Produktion während des Zweiten Weltkrieges in ein riesiges Stollensystem bei Gusen in Oberösterreich verlegt hatten. Unter strengster Geheimhaltung wurden dort Bauteile für das erste deutsche Düsen-Kampfflugzeug »Me 262« gefertigt. Allein für die Welfenfirma FMW sollen dort mehrere hundert Arbeitssklaven eingesetzt worden sein.

Schon im Jahr 1999 war die Diskussion um Verstrickungen des Welfenhauses ins NS-Regime aufgeflammt. Damals hatte Welfen-Chef Ernst August V. betont: Sein Großvater, Ernst August III., sei »als Anti-Nazi« bekannt gewesen. Da verwundert doch ein Blick in den »Hannoverschen Anzeiger« vom 9. Mai 1933. Die Zeitung zitiert jenen Welfen aus einer Rede an Veteranen mit dem Aufruf: »So wollen wir auch heute auf der Grundlage wahrer Volksgemeinschaft im Dienste von Reich und Heimat dem Führer, Kanzler Adolf Hitler, folgen.«

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