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Eine ziemlich lebendige Leiche

Seit der Bestattung der sterblichen Überreste von Ex-Diktator Marcos auf Manilas Heldenfriedhof durchzieht die philippinische Gesellschaft ein tiefer Riss.

Eines muss man Rodrigo R. Duterte, dem seit Ende Juni amtierenden 16. Präsidenten der Philippinen, lassen: Er hält Wort und bekundet, diesmal freilich auf makabere Weise, sein striktes Festhalten an einem unter Filipinos hochgeschätzten Ehrenkodex - utang na loob, der Einlösung einer Dankes- oder Dankbarkeitsschuld. Bevor er zum Präsidenten gewählt wurde, hatte Duterte stets betont, im Falle seines Wahlsiegs werde er den Marcoses für ihm gewährte Unterstützung seinerseits entgegenkommen und ihren größten Familienwunsch erfüllen. Nämlich den Leichnam des vor drei Jahrzehnten gestürzten Diktators Ferdinand E. Marcos (1965-86) endlich auf dem Libingan ng mga Bayani, Manilas Heldenfriedhof, bestatten zu lassen.

»Wie ein Dieb in der Nacht«

Am 8. November entschied der Oberste Gerichtshof der Philippinen mit einem 9:5-Votum bei einer Enthaltung im Sinne des präsidialen Wunsches und gab das Plazet für einen Akt, den sämtliche Marcos-Nachfolgeregierungen brüsk abgelehnt hatten. Der Ramboisierung von Rechtsprechung folgte der private Zugriff der Marcos-Familie auf staatliche Sicherheitskräfte aus Armee und Polizei. Die sorgten dafür, dass der seit 1993 in einem Marcos-Mausoleum in Batac City im Norden Manilas einbalsamierte Leichnam am 18. November per Helikopter in die Hauptstadt geflogen wurde. Über 2000 Polizisten sicherten sodann den Heldenfriedhof hermetisch ab, wo der Leichnam im Kreis seiner engsten Familienmitglieder mit 21 Salutschüssen endgültig beigesetzt wurde. All das geschah klammheimlich. Selbst der auf Staatsbesuch in Peru weilende Präsident mimte den Unwissenden. Als sich über Social Media die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete, war die kafkaeske Veranstaltung auf dem Heldenfriedhof bereits beendet.

»Wie ein Dieb in der Nacht«, erklärte kurz darauf die Vizepräsidentin, Ma. Leonor »Leni« Robredo, habe die Marcos-Familie gehandelt und einmal mehr unverschämt demonstriert, sich nur durch List, Betrug und Geheimniskrämerei an Macht und Pfründe zu klammern. »Niemals mehr Marcos - niemals mehr Kriegsrecht - Marcos ist kein Held!« lauteten die immer wiederkehrenden Parolen auf politischen Protestkundgebungen, nachdem die Marcoses zum Schutz vor einer aufgebrachten Menge Ende Februar 1986 von der US-Luftwaffe ins Exil nach Hawaii ausgeflogen wurden. Dort verstarb drei Jahre später der Diktator, während seiner Ehefrau Imelda und zwei seiner Kinder seit Anfang der 1990er Jahre ein geschmeidiges Comeback ins öffentliche und politische Leben Manilas gelang. Ermöglicht durch eine Klientel, die wie der Marcos-Clan selbst nie für vergangene Schandtaten belangt wurde - dank einer restaurierten Elitendemokratie mitsamt eines elastischen Justizwesens für deren Mitglieder.

Wer war dieser Marcos, dessen Staatsterror, Plünderung der Staatskasse und Fälschung von Orden historisch belegt sind und als gargantuesk gelten?

Marcos› Aufstieg - Garant regionaler US-Interessen

Als Ferdinand E. Marcos Ende Dezember 1965 in den Präsidentenpalast Malacañang zu Manila einzog, beseelten den jungen Staatschef zwei Dinge. Innen- und wirtschaftspolitisch wollte er seinen Wahlkampfslogan »Wir werden wieder eine große Nation sein« schnellstmöglich umsetzen. Außen- und sicherheitspolitisch ging es ihm darum, der einstigen Kolonialmacht USA (1898-1946) treu zur Seite zu stehen und Washingtons militärische Hegemonialstellung in Südost- und Ostasien mit der fortgesetzten Bereitstellung der seinerzeit weltweit größten US-Stützpunkte außerhalb des nordamerikanischen Kontinents, der Subic Naval Base und dem Clark Air Field, aufrechtzuerhalten.

Eine gezielte Anreizpolitik für ausländisches Kapital sollte dem agrarisch ausgerichteten, durch Feudalstrukturen geprägten Land den Anschluss an die westlichen Industriestaaten ermöglichen - quasi im Zeitraffer. An US-amerikanischen politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten ausgebildete Kader standen bereit, sich Marcos anzudienen. Unisono setzte man auf eine exportorientierte Entwicklungsstrategie, die, so das damalige Mantra, massenhaft Arbeitsplätze schaffe und zu Wohlstand führe, der allen zugute käme.

Diese Strategie bedurfte verlässlicher Steuerungsinstanzen. Zentralisierung und Konzentrierung staatlicher Macht(apparate) waren die Folge. Wirtschaftliche Planungsbehörden entwarfen Blaupausen zur »nationalen Erneuerung«, während politisch und militärisch dafür gesorgt wurde, die neue Entwicklungsstrategie gegen mögliche Störungen (Protest, Streiks, Widerstand) zu immunisieren. Allein in Manila war bis zu Beginn der 1970er Jahre ein eigens für Aufstandsbekämpfung gedrilltes und vom US-amerikanischen Office for Public Safety (OPS) unterstütztes Hauptstadtkommando (METROCOM) entstanden. Damit verfügte Marcos über schlagkräftige Instrumente, um politischem Protest »effizient« zu begegnen. 1968/69 waren schließlich mit der Kommunistischen Partei (CPP) und ihrer Guerilla, der Neuen Volksarmee (NPA), sowie mit der im Süden des Landes für Unabhängigkeit kämpfenden Moro Nationalen Befreiungsfront (MNLF) militärische Formationen entstanden, welche die staatlichen Sicherheitskräfte herausforderten.

Kriegsrecht und (bewaffneter) Widerstand

Um innenpolitisch »Ordnung und Sicherheit« zu garantieren und das Land angesichts des sich abzeichnenden US-Debakels in Vietnam nicht als weiteren »Dominostein« umkippen zu lassen, verhängte Marcos im September 1972 landesweit das Kriegsrecht. Damit sicherte sich sein Regime eine beträchtliche Machtfülle, um politische Widersacher auszuschalten, Gewerkschaften und freie Medien zu schurigeln und hart gegen alles zuzuschlagen, was sich seinem Herrschaftsanspruch widersetzte. Eine Militarisierung von Staat und Gesellschaft war die Folge. Allein das Militär wurde von 1972 bis Mitte der 1980er Jahre von 62 000 auf annähernd 285 000 Mann aufgestockt. Ebenso wurde die Integrierte Nationalpolizei/Philippinische Constabulary (Vorläuferin der heutigen Philippinischen Nationalpolizei) ausgebaut und es entstanden zahlreiche paramilitärische Bürgerwehren.

Der gleichzeitig von Militärs entworfene Oplan Katatagan (Operationsplan Stabilität) zielte vorrangig auf die Zerschlagung der Infrastruktur und Logistik der »kommunistischen Subversion« und »muslimischer Sezessionsbestrebungen« im Süden des Landes. Laut Schätzungen des Philippinischen Roten Kreuzes wurden von 1972 bis Mitte der 1980er Jahre 5,7 Millionen Menschen, ein Zehntel der Bevölkerung, Opfer von Vertreibungen. Betroffen waren vorwiegend städtische Arme, Slumbewohner, Bauern, ethnische Minderheiten und Moslems im Süden. Die NPA war damals die weltweit am schnellsten wachsende Guerilla und zählte annähernd 30 000 Kombattanten. Als Teil des 1973 im Untergrund formierten Linksbündnisses der Nationalen Demokratischen Front (NDFP) operierten NPA-Verbände in 62 von insgesamt 73 Provinzen - mancherorts in Bataillonsstärke. Neurekrutierungen hatten ein Ausmaß angenommen, dass eine unter Vorsitz des US-Senators David Durenburger erstellte Studie des Geheimdienstausschusses des Senats befürchtete, die NPA könnte innerhalb von drei Jahren militärisch ein »strategisches Patt« herstellen.

Aquino-Mord - Krisenmanagement - »People Power«

Die Ermordung des bekanntesten Oppositionspolitikers Benigno Aquino Jr. auf dem Flughafen von Manila (21. August 1983) war nicht die Ursache, wohl aber der entscheidende Auslöser einer sich rapide zuspitzenden sozialen, politischen und wirtschaftlichen Krise des Regimes. Davon sollte es sich nicht mehr erholen. Bis zu dessen endgültigem Sturz im Februar 1986 verging kein Tag ohne Protestkundgebungen und Streiks - eine Bewegung, die als »Parlament der Straße« in die Annalen der Geschichte einging. Schroffe gesellschaftliche Polarisierung und eine schwere Wirtschaftskrise schlugen um in einen Prozess fortschreitender Delegitimierung und Isolierung von Marcos und seinen Getreuen. Nebst der radikalen Linken machten nunmehr auch die metropolitanen Mittelschichten mobil und arbeiteten auf den Sturz des Regimes hin.

Durch solche Ereignisse alarmiert, bereiste seit Herbst 1983 alles, was in Washington Rang und Namen hatte, die Philippinen, um vor Ort das Ausmaß der Unruhen zu studieren. Eine umfassende Lageeinschätzung legte schließlich das State Department im November 1984 vor. Diese diente US-Präsident Ronald Reagan als Grundlage für seine im Januar 1985 unterschriebene Nationale Sicherheitsdirektive. Sie beinhaltete Maßnahmen, um die Gefahr zu bannen, dass eine Radikalisierung in den Philippinen »die gesamte Region destabilisiert.« Sibyllinisch hieß es in diesem Dokument: »Marcos ist Teil des Problems, notwendigerweise aber auch ein Teil dessen Lösung«.

Im Klartext: Marcos war nur noch taktisch haltbar. Von strategischem Interesse - im Sinne einer »geordneten Nachfolgeregelung« - war eine Allianz aus weniger korrupten, auf Effizienz bedachten Militärs und Politikern aus dem gemäßigten bürgerlichen Spektrum. Während Washington zu der langjährigen »Stimme seines Herrn« auf Distanz ging und der langjährige Protegé durch den eigens nach Manila gereisten CIA-Chef William Casey und Reagans Sonderbeauftragten, Senator Paul Laxalt, im Mai beziehungsweise Oktober 1985 zu vorgezogenen Präsidentschaftswahlen gedrängt wurde, blieb Marcos nichts anderes übrig, als sich diesem Oktroi zu beugen. Ende November 1985 kündigte er in Interviews mit US-Fernsehsendern den 7. Februar 1986 als Termin solcher Wahlen an. Das massive Manipulieren der Ergebnisse dieser Wahlen erregte schließlich dermaßen den Zorn der Menschen in Manila, dass sie vier Tage lang - vom 22. bis 25. Februar 1986 - protestierend auf den Straßen der Metropole ausharrten, bis Marcos samt Familie und engsten Weggefährten außer Landes geflogen wurden.

Als strahlende Siegerin zog die Witwe des ermordeten Aquino in den Präsidentenpalast ein. Getragen auf Wogen der Euphorie, siegte in Manila eine »Rosenkranz-« oder »People Power-Revolution«, von der paradoxerweise zuvörderst zwei langjährige Korsettstangen des ancien régime profitierten: Der Chef der Philippine Constabulary und stellvertretende Generalstabschef, Generalleutnant Fidel V. Ramos, und Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile. Lange bevor der Begriff »Wendehals« hoffähig wurde, waren Ramos und Enrile dessen prototypische Verkörperungen. Buchstäblich fünf Minuten vor Zwölf hatten sie ihrem Präsidenten die Gefolgschaft aufgekündigt und sich an die Spitze einer Militärrevolte gestellt, die ihr Gewicht für Aquino in die Waagschale warf. Frau Aquino beglich ihre Dankbarkeitsschuld, indem Ramos zunächst Generalstabschef, dann Verteidigungsminister wurde und ihr schließlich 1992 im Amt folgte.

»Wendehälse« und politische Stehauffiguren

Enrile wiederum blieb zunächst Verteidigungsminister, wenngleich er später auf Distanz zur neuen Präsidentin ging und sie gern weggeputscht hätte. Was seiner Karriere keinen Abbruch tat. Er war seitdem Geschäftsmann, Kongressabgeordneter und eine machtvolle Figur im Senat, aus dem der 92-Jährige erst Ende Juni endgültig schied. Die letzten sechs Jahre saß er gemeinsam mit Ferdinand »Bongbong« Marcos Jr., dem Sohn des Diktatorenpaares, im Senat. Letzterer verfehlte bei der Präsidentschaftswahl im Mai nur knapp den Sprung ins Vizepräsidentenamt.

Die 1929 geborene Marcos-Witwe, Imelda Romuáldez Marcos, konnte bereits 1991 aus dem Hawaiier Exil nach Manila zurückkehren. Hier begann sie ihre zweite Karriere in Politik und im Showbusiness. Im Jahre 1995 wurde sie als Abgeordnete ihrer Heimatprovinz Leyte in den Kongress gewählt und kandidierte erfolglos 1992 und 1998 bei den Präsidentschaftswahlen. Seit Ende Juni 2010 ist Frau Marcos erneut als Kongressabgeordnete bestätigt worden. Im Unterhaus vertritt sie seitdem den zweiten Distrikt in Ilocos Norte, die Heimatprovinz ihres Mannes. Einen Posten, den zuvor ihre Tochter Imee bekleidet hatte, die seit dem 30. Juni 2010 Gouverneurin von Ilocos Norte ist. Bereits Anfang 1996 von einem Reporterteam der BBC gefragt, ob sie mit etwa sechs Milliarden US-Dollar noch immer die weltweit drittreichste Frau sei, gab die umtriebige Imelda wörtlich zu Protokoll: »Ich weiß nicht, ob ich die Erste oder die Letzte bin. Die Marcoses haben dem Land nichts genommen, sondern alles gegeben. (...) Ich bin eine Bettlerin; ich weiß nicht einmal, woher ich meine nächste Mahlzeit bekomme.«

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