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Krumm, aber nachhaltig und sozial

Die Geschichte einer von einem Deutschen gegründeten Bananenplantage in Costa Rica, die Mensch und Natur schützt, anstatt sie auszubeuten

  • Von René Jo. Laglstorfer
  • Lesedauer: 7 Min.

Wir stehen heute vor der Herausforderung, dass natürliche Ressourcen viel zu stark genutzt werden«, sagt Patrick Freund. Der Hesse ist für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) tätig. Das Projekt »Business & Biodiversity« hat ihn für zehn Monate nach Costa Rica geführt, zunächst als Praktikant, später als Berater. Dort hat die Produktion der im Westen so beliebten Bananen nicht gerade den besten Ruf: »Gerade in jenen Entwicklungs- und Schwellenländern mit tropischem Klima, die sich hervorragend für den Anbau von Früchten eignen, fehlen oft ausgeprägte soziale Schutzmechanismen für Arbeiter«, sagt Patrick. Die Ausbeutung der lokalen und indigenen Bevölkerung ist in Lateinamerika leider eher Regelfall als Ausnahme.

Auf der Plantage Río Sixaola, benannt nach dem nahen, 146 Kilometer langen Grenzfluss, der Panama und Costa Rica teilt, ist das anders. »Dieses Unternehmen hat eine gute Mission. So etwas gibt es in meiner Heimat Panama nicht«, sagt Marcelio Lorenzo. Er ist einer jener Arbeiter, der der kleinen indigenen Minderheit der Bribri angehört. Seit er 19 Jahre alt ist, erntet er die gelben Früchte, davon zehn Jahre bei Río Sixaola. »Hier verdiene ich etwa das Doppelte als in Panama. Die Schattenseite ist, dass ich meine große Familie nur am Wochenende sehe«, sagt Lorenzo, der wochentags mit seiner Frau Rosamena und seinem Schwager Joaquin in einem Haus der Plantage wohnt.

Volker Ribniger ist der Eigentümer von Río Sixaola und stammt aus Westfalen. Anfang der 1980er Jahre ist er von Hamm nach Costa Rica ausgewandert, um dort eine nachhaltige Farm zu gründen. Von Anfang an hat er sich zum Ziel gesetzt, ökologische und soziale Ansätze in die tägliche Arbeit zu integrieren: »Wir existieren für die Menschen und die Region, nicht sie für uns«, sagt Ribniger, der mittlerweile rund 120 Mitarbeiter beschäftigt. Für Patrick ist er ein Idealist, der in seinem Unternehmen nicht nur soziale Aspekte, sondern auch die biologische Vielfalt berücksichtigt und mit seiner Plantage ein Gegenmodell zum herkömmlichen Bananenanbau lebt.

Kenia Gomez wäscht und verpackt Bananen seit anderthalb Jahren für Río Sixaola. Sie ist eine echte Tica, wie die Bewohner Costa Ricas auf Spanisch genannt werden, und hat zuvor zwei Jahre auf einer anderen Plantage gearbeitet: »Bei meinem früheren Arbeitgeber konntest du die Bananen nicht einfach so essen, dafür waren sie zu giftig. Hier ist es anders und man kann sie bedenkenlos vom Boden aufheben und sich schmecken lassen. Das ist schon ein Unterschied«, sagt Kenia.

Aber was steckt hinter diesem alternativen Produktionsmodell? »Zwischen unseren Bananenstauden ist es grün, bei anderen Plantagen ist es das oft nicht«, sagt Alvaro Alvarado. In seiner Heimat Nicaragua war er Bürgermeister seines Dorfes, studiert hat er in den USA. Vor zwei Jahren hat ihn Ribniger als Verantwortlichen für Nachhaltigkeit eingestellt. »Wir halten die Böden gesund, das heißt, man belässt sie so natürlich wie möglich: Anders als beim Anbau von Monokulturen üblich, dürfen auch andere Pflanzen bei uns wachsen. Dadurch kommt es zu einer besseren Durchwurzelung der Böden, was für ein geringeres Hochwasserrisiko in der Regenzeit sorgt. Außerdem werden Refugien für Tiere nicht zerstört, sondern erhalten und neue geschaffen.« In Río Sixaola werden keine Herbizide zur Unkrautbekämpfung und keine Nematizide zur Abtötung von Fadenwürmern eingesetzt. Stattdessen produzieren sie selbst Biodünger, um den Böden eine natürliche Nährstoffzufuhr zu geben. Alvaro schaut zu Patrick und erinnert ihn, dass Río Sixaola sich für das Leben einsetze, während andere Plantagen mit dem Tod arbeiten würden. »Chemie bleibt Chemie und kann den Menschen und die Umwelt ernsthaft schädigen«, sagt er. José Moreno aus Panama, der seit sieben Jahren für Río Sixaola Bananen erntet, nickt zustimmend: »Auf anderen Plantagen, wo ich tätig war, wird auf Chemie gesetzt. Wir denken an die Umwelt und versuchen, sie zu schützen. Das ist der größte Unterschied zwischen uns und dem herkömmlichen Massenanbau von Bananen.«

Allerdings gibt es eine Herausforderung, um die auch die Río Sixaola nicht herumkommt: der Schwarze Sigatoka. Dieser Pilz gefährdet die Bananenproduktion weltweit. Gegen ihn gibt es keine wirksamen nicht-chemischen Mittel. Auch Río Sixaola muss gegen Sigatoka Negra, wie der Pilz auf Spanisch heißt, Fungizide einsetzen, wobei auf sparsame Dosierung und Kontrolle gesetzt wird. Für Patrick zeigt sich hier ein grundlegender Unterschied zwischen der alternativen und der herkömmlichen Produktion: »Viele Großplantagen lassen zur Bekämpfung von Sigatoka Negra in regelmäßigen Abständen Dutzende Chemikalien flächendeckend aus der Luft versprühen - präventiv. Río Sixaola wird nur bei Pilzbefall tätig und mit dem Flugzeug nur, wenn die Ausbringung vom Boden nicht ausreicht.« Im Vergleich mit anderen Plantagen in der Region würden damit etwa 50 Prozent weniger Fungizide eingesetzt, heißt es.

»Wir glauben, dass die Bananenpflanze ein stabiles Ökosystem vor Krankheitsbefall schützt. Deshalb bauen wir auf Versuchsflächen bereits komplett biologisch ohne den Einsatz von Chemie an und forschen an besonders resistenten Bananenarten. Wir sind zuversichtlich, künftig ganz auf Pflanzenschutzmittel verzichten zu können«, sagt Ribniger. Auf seiner insgesamt 275 Hektar großen Plantage verteilen sich mehr als 40 Prozent auf Forschungs- und Versuchsflächen, den nachhaltigen Anbau von Holz für Transportpaletten sowie auf Regenwald, der als natürlicher Lebensraum für Tiere und Pflanzen nicht angerührt wird. »Wir könnten auch sagen, wir produzieren jetzt auf der gesamten Fläche, betreiben keine Forschung mehr und haben dafür einen höheren Jahresumsatz - aber das ist nicht unser Ziel«, gibt Ribnigers leitender Mitarbeiter Alvaro zu bedenken.

Natürliche Ökosysteme zeichnen sich durch viele verschiedene Pflanzen und Tiere aus. Eine Studie der NGO Corredor Biológico Talamanca Caribe (CBTC) hat auf der Bananenplantage Río Sixaola unter anderem 98 Vogel-, 15 Säugetier- und 45 Insektenarten gezählt, darunter auch Rehe und Kaimane. Doch nicht nur auf die Fauna und Flora wird achtgegeben, sondern auch auf die Menschen: Rund sieben Prozent der Mitarbeiter bei Río Sixaola sind Analphabeten. Deshalb bietet Ribniger seinen Arbeitern kostenlose Kurse, in denen sie Lesen, Rechnen, Schreiben und Englisch lernen. Darüber hinaus gibt es schon seit einigen Jahren eine eigene Kantine auf der Plantage, die vom Unternehmen finanziell getragen wird: Die Mitarbeiter zahlen nur den Einkaufspreis der Lebensmittel.

»Wie man sich vorstellen kann, wird auf einer Bananenplantage mit einer bestimmten Frucht ganz besonders viel gekocht: Es gibt viele salzige und süße Gerichte mit Bananen - von getrocknet bis gekocht - in allen Variationen. Das ist auch auf Dauer lecker«, lacht Patrick.

Trotz des vielfältigen Engagements schreibt Río Sixaola schwarze Zahlen. Der Gewinn werde zum Großteil in Forschung und Projekte investiert, die den Mitarbeitern und der Gemeinde im Nachbardorf Bribri zu Gute kommen. »Es ist interessant, dass auf der einen Seite Bananen nach hohen sozialen und ökologischen Standards wirtschaftlich rentabel produziert werden können«, sagt Patrick. Andererseits weigern sich einige große Fruchtproduzenten, alternative Produktionsmodelle wie jenes von Río Sixaola anzuwenden. Verantwortlich für diese Haltung ist unter anderem die Liefersicherheit: »Wenn man an den lukrativen Weltmarkt für Früchte denkt, dann steckt da jede Menge Geld dahinter - das ist ein Milliardenmarkt. Für viele Konzerne sind die simpelsten und effizientesten Modelle die ertragreichsten, damit es erst gar nicht zu Produktionsausfällen und damit niedrigeren Renditen kommen kann.«

Patrick versucht mit seiner Arbeit nachhaltige Produktionsmodelle wie jenes von Río Sixaola stärker sichtbar zu machen, damit andere Fruchtproduzenten von dieser Idee überzeugt werden. Doch nicht nur sie stehen in der Verantwortung, sondern auch der Groß- und Einzelhandel sowie die Konsumenten: »Würde der Preis für Bananen die ökologischen Folgekosten der Produktion beinhalten, dann wären sie erheblich teurer«, sagt Patrick. Die gelben Früchte sind übrigens wie der Mensch echte Sonnenanbeter: Beim Wachsen auf der Suche nach Licht strecken sich Bananen von unten nach oben und werden deshalb völlig natürlich krumm.

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