Von Reiner Oschmann
28.11.2016

Anpassungswillige, gekränkte Besiegte

In »Nach dem Krieg - Wie wir Amerikaner wurden« kalauert Hellmuth Karasek durch Zeit und Raum

Berlin-West, Nähe Kurfürstendamm...
Berlin-West, Nähe Kurfürstendamm in den 1950er Jahren: Öffentlich wurde die deutsch-amerikanische Freundschaft beschworen, in den eigenen vier Wänden aber gegen 
»Negermusik« gehetzt.

Für den jungen Hellmuth Karasek war 1945 »die Welt in Europa aus den Fugen. Man fuhr ohne Fahrkarte mit Zügen - wenn sie fuhren -, von denen man auch noch Kohlen klaute, und man hätte Fisch mit dem Messer gegessen, wenn man Fisch gehabt hätte.« Diese Sätze, gegen Ende des Buches, als dessen dichteste und nichtgeschwätzige Seiten schon vorüber sind, geben Hellmuth Karaseks gewinnbringende Hälfte seiner Erinnerungen aus den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wieder. Seine Gabe, Episoden und Anekdoten festzuhalten, seine Lust zu fabulieren, seinen hellen Kopf für Politik.

Persönliche Erinnerungen, noch dazu wenn sie das sattsam dokumentierte Feld des Krieges betreffen, können heute nur mit Aufmerksamkeit rechnen, wenn sie Großvorgänge jener Vergangenheit im Kleinen, scheinbar Abwegigem, aber Bezeichnendem und in Alltagserlebnissen einfangen, die der Leser mit seinen Erfahrungen heute vergleicht. Das gelingt Karasek (1934 - 2015), dem Journalisten (»Zeit«, »Spiegel«, »Tagesspiegel«), Autor und viele Jahre im Fernsehen an der Seite von Marcel Reich-Ranicki Mitglied des »Literarischen Quartetts« im ersten, noch kriegsnahen Teil seines Buches weit besser als später.

Ein guter Teil der Spannung in Hälfte eins erwächst aus Karaseks Kindheit und Jugend. Sie sind in vielem ein Spiegel der zerrissenen Zeit: Geboren im mährischen Brünn, zu Kriegsende - der Junge ist elf - Flucht mit der Familie vor der Roten Armee nach Bernburg an der Saale, nach dem Abitur 1952 mit einem Koffer zwischen den Knien in der S-Bahn nach Westberlin, Wiederholung des Abiturs im Westen wegen Nichtanerkennung der Reifeprüfung Ost, Studium der Germanistik, Geschichte und Anglistik in Tübingen, Abschluss mit Promotion …

Karasek erzählt Alltagsgeschichten im Schatten des Kriegsendes - von Leuten, die den gemahlenen Bohnenkaffee zweimal auskochten, von fehlender Butter und dem 1A-Marktwert von Zigaretten. Von Währungsreform, Papyrossi und Lucky Strikes, vom Marshallplan West und Parolen-gestütztem Trotz Ost: »›Wir brauchen keinen Marshallplan, wir kurbeln selbst die Wirtschaft an!› und dergleichen mehr bis zum Überdruss. Es war eine der eingetrichterten offiziellen Lügen: Leute mussten lauthals das ablehnen, was sie in Wahrheit brennend begehrten ...«

Bis zu seinem Weggang speisen sich die Alltagsbeispiele vor allem aus östlichen, danach nur noch aus westdeutschen Erfahrungen. Gesamtdeutsch bleibt nach Karaseks These in den 1950er Jahren die Verdrängung dessen, wer den Krieg anzettelte und wer ihn mittrug. Der Kalte Krieg, der so bald folgte, habe »die Deutschen zum großen Teil gegen ihre Vergangenheit abgeschirmt, gegen die Verbrechen, die sie eben noch als Nazis begangen und als Nazi-Mitläufer geduldet hatten«. Damit einhergehender Antikommunismus und Antiamerikanismus sind für ihn auch »Reaktionen des gekränkten Besiegten, die einander ergänzten und gegeneinander propagandistisch ausgeschlachtet wurden«. Adenauer, beschattet und gestützt von Globke und Oberländer, blafft gegen die »Soffjets«, Ulbricht gegen die Amis, und Karasek zitiert einen Text von Hanns Eisler, der, vorgetragen von Ernst Busch, kurz nach Hiroshima weniger seltsam klingt, als es dem Buchautoren beim späteren Aufschreiben erschien:

»Go home, Ami, Ami, go home!

Spalt für den Frieden dein Atom!

Sag Good-bye dem Vater Rhein,

Lass in Ruh sein Töchterlein!

Loreley, solang du blühst,

wird Deutschland sein!«

Schon in manch frühem Nachkriegsbeispiel scheint auf, was im Fortgang des Buches zum öffentlichen Ärgernis wird: Immer öfter kalauert sich Karasek durch Zeit und Raum. Kaum eine Begebenheit vergeht, ob Fußball-WM-Titel für die Bundesrepublik 1954, Mordprozess gegen »Lebedame« Vera Brühne oder die Mode-, Musik- und Möbel-Vorlieben der Westdeutschen in den Fünfzigern, ohne dass sich Karasek in einen Witz rettet, am besten einen schlüpfrigen. So wird manches flach und geschwätzig, und der Witzeerzähler läuft Gefahr, zur Witzfigur zu werden. Davor bewahrt wird er durch knappe Reflexionen über den Zeitgeist jener Jahre, als die meisten Menschen in Ost wie West auf Orientierungssuche sind, ebenso großen Anpassungs- wie Aufbauwillen zeigen und deshalb bald als Musterschüler »der im jeweiligen Staat herrschenden Weltanschauung« gelten. Sein ironisches Fazit: »Päpstlicher als der Papst zu sein, das ist schon eine deutsche Tugend.«

Den Untertitel des Buches »Wie wir Amerikaner wurden« behandelt ausdrücklich nur das letzte Kapitel. Aber der bußfertig vorauseilende Gehorsam vieler Deutscher gegenüber den neuen Obrigkeiten, die sich ihrerseits im Kalten Krieg traktieren, ist in vielen Begebenheiten und Befindlichkeiten anwesend. Mit Blick auf die Verstrickung vieler Deutscher in Naziverbrechen oder Mitläuferei zitiert Karasek einen Nietzsche-Dialog, aus dem gar mancher in den Fünfzigern seine Nachkriegs-Generalabsolution bezieht: »›Das hab ich getan‹, sagt mein Gedächtnis. ›Das soll ich getan haben‹, sagt mein Stolz und bleibt Sieger.«

Hellmuth Karasek: »Nach dem Krieg - Wie wir Amerikaner wurden«, EuropaVerlag München, 2016, 328 S., 19,99 €.

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