Von Karlen Vesper

Ein Wanderer

Personalie: Mit Raphael Gross leitet erstmals ein Import aus dem Ausland das DHM.

Die Berufung des Chefs des Deutschen Historischen Museums in Berlin kommt einem Staatsakt gleich. Das DHM gilt - ähnlich wie dessen Vorgänger, das Museum für Deutsche Geschichte, für die DDR - als Leitmuseum der Bundesrepublik. Und ein solches muss ordentlich geleitet werden. Warum dies unter dem im Frühjahr verabschiedeten Direktor nicht gewährleistet gewesen sein soll, weiß man nicht. Das Haus schweigt. Den Neuen empfahl eine Findungskommission, der Vertreter der Bundesregierung, des Bundestages und der Bundesländer angehörten. Raphael Gross hat sich gegen 30 Mitbewerber und Mitbewerberinnen durchgesetzt.

Der 1966 in Zürich Geborene war in den 1990er Jahren an der Hebräischen Universität in Jerusalem, an der FU Berlin, der Ruhr-Universität Bochum und an der University of Sussex tätig. Im folgenden Jahrzehnt bekleidete er den Direktorposten des Leo Baeck Instituts in London, des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main sowie des Simon-Dubnow-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur in Leipzig. Ein Historiker auf stetiger Wanderschaft. Vielleicht wird er in Berlin sesshaft. Gewiss wird jüdische Geschichte im Zeughaus unter seiner Ägide eine stärkere Beachtung finden. Und zu hoffen bleibt, dass er an die positive Tendenz seines Vorgängers anknüpft, historische Wahrheiten nicht dem Mainstream, erst recht nicht dem medialen, zu unterwerfen.

Es war wohltuend zu erleben, wie in jüngsten Sonderausstellungen Leben in der DDR nicht mehr dumm-dreist diffamiert und der Beitrag der Kommunisten Europas sowie vor allem der Sowjetunion an der Befreiung vom Faschismus nicht unterschlagen wurde. Die Kritik konservativer Blätter an der momentanen Kolonialismusschau scheint der Tatsache geschuldet, dass hier die mit Südafrikas Apartheidregime kungelnde Bundesrepublik im Vergleich zur antiimperialistische Solidarität übenden DDR schlecht abschneidet. Bleibt die Frage, ob Gross Mut beweist und die bereits angekündigte Exposition über das Echo der Russischen Revolution von 1917 in Europa realisiert.

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