Von Volkmar Draeger

Bewegungslabor der Körper

Wegweisend: Isabell Schads »Pieces and Elements« im HAU 2

Seitdem Isabelle Schad, nach neunjährigem Studium an der John Cranko Schule Stuttgart, das Ballett verlassen und sich dem zeitgenössischen Tanz zugewandt hat, ist sie zu einer der interessantesten Choreografinnen herangewachsen. Mehr als 15 Jahre schon zeigt sie Stücke, die sich der Erforschung des Körpers widmen. Ohne erzählerischen Ehrgeiz, dafür umso konsequenter im Ausloten physischer Bewegungsmöglichkeiten. Mit ihrer neuen Arbeit bleibt sie diesem Anspruch treu. »Pieces and Elements« wirft eine Stunde lang zwölf Tänzerinnen und Tänzer auf der zum Plateau erhobenen Szene des HAU 2 ins Experimentallabor, zergliedert ihre Leiber in Extremitäten und Rumpf und erzeugt dabei Bewegungszyklen, die bisweilen an kinematische Getriebe erinnern und zu bizarren Formen führen.

Nicht nur am Anfang stehen die Akteure mit dem Rücken zum Publikum. Ihre Gesichter bleiben fast durchgängig unsichtbar, was die Geschlechtszugehörigkeit aufhebt. Zunächst tragen sie die Unterarme hinterm Kopf abgewinkelt, wenden den Oberkörper hin und her, rudern dann wie Propeller. Pausenlos schiebt sich dabei der amorphe Gruppenkörper durch den Raum, wobei sich auch seine einzelnen »Elemente« in der Aufstellung verändern. Langsam, doch stetig vollzieht sich der Wanderprozess. Eine Leinwand, mäßig erhellt, ist mehrfach Begrenzung nach hinten, sofern sie nicht erlischt und einen scheinbar unendlichen Raum suggeriert. In bienenfleißigen Bewegungskaskaden erobert sich das pulsende System den Raum, von leise grummelndem Klang oder Rauschen von Wasser grundiert, fügt sich zu zwei Reihen, in denen die versetzt kurbelnden Arme einen Turboeffekt erzeugen. Nach einem Platzwechsel, bei dem jeder Eigenes ausführen kann, finden sich die Tänzer körpereng zur Linie, aus der einzeln die zum Spitzdach gefassten Arme hochzucken, als wollten sie für Augenblicke gotische Dome aufblitzen lassen.

Doch Schad hat noch weit verblüffendere Arten, mit den Körpern zu arbeiten, herausgefunden. Sie lässt die Tänzer sich auf den Bauch legen, ein Hosenbein aufkrempeln, dann den Unterschenkel zum Rücken ziehen und sich rutschend vorwärts fortbewegen. Im Stand wiederum fassen sie sich als Reihe an den Ellbogen und formen Wellen, als wollten sie Eisenbahn spielen. Allerdings dürfte es der Choreografin um solch konkrete Assoziationen am wenigsten gehen, vielmehr um den mechanischen Bewegungsimpetus unserer menschlichen Physis. So legen sich die Tänzer mit bloßem Oberkörper, Bein an Bein, auf den Boden und rollen als überdehnte, verschränkte Zweierwesen. Extrem mattes Licht hebt nur die unbedeckten Körperteile hervor. Gänzlich nackt nehmen sie dann stabile Seitenlage ein, recken die Arme, verbergen indes den Kopf, strecken sich oder kontrahieren, hocken im Schneidersitz mit abgewinkelten Armen wie Spinnen, ziehen die Beine an, als seien sie Masthähnchen. Endgültig werden sie da zu entpersönlichten Wesen, Skulpturen aus Fleisch.

Gegen Schluss wartet Schad mit neuen, noch staunenswerteren Formspielen auf. Ein stehender Partner fasst den liegenden an den Beinen und zieht ihn, abwechselnd rechts, links, vorwärts. Arme und Beine als geschlossenes Oval verändern dabei ständig knetartig ihre Form wie ein in alle Richtungen verbiegbares, gaukelndes Skelett, eine oszillierende Amöbe, eine atmende Zelle. Am Ende stehen alle wieder nackt auf dem Plateau, die Oberkörper bis zur Gesichtslosigkeit niedergebeugt, schütteln oder strubeln das Haar, beugen und strecken die Knie als Test der Gelenke, werden ein waberndes Universum aus Aufrechten und Liegenden mit weit überkreuzten Beinen. Über diesem lange ausgekosteten Bild erlischt das Licht, bis letztlich auch der Ton abebbt. Eine eindrucksvolle Lektion in bewegter Geometrie hat Isabell Schad erteilt, mehrmals Menschen auf ihre Blöße zurückgeführt, ohne sie bloßzustellen. Im Unterschied zu den meisten anderen nudistischen Stücken gelingt der Choreografin in ihrer Behutsamkeit die Aufhebung des Sexus zugunsten, man mag es kaum glauben, einer paradiesischen Unschuld, der es nur um die Funktionalität des menschlichen Körpers geht: um das »Material« Körper als Voraussetzung jeder tänzerischen Aktion. Schad hat mit »Pieces and Elements« eine wegweisende Arbeit vorgelegt, eine die Schule machen sollte und weit über Berlins Stadtgrenzen hinaus erfolgreich sein dürfte.

Nochmals 28.11., 19 Uhr, HAU2, Hallesches Ufer 32, Kreuzberg, Tickets unter 259 004 27, www.hebbel-am-ufer.de

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