Von Ulrike Henning
29.11.2016

Schering vertuschte, Bayer bleibt stur

Duogynon-Opfer kämpfen weiter für Anerkennung und Entschädigung

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Zu einer Protestdemonstration wollen sich am Dienstagnachmittag in Berlin Geschädigte des Schering-Präparates Duogynon treffen. Gemeinsam mit Contergan-Geschädigten, Vertretern der konzernkritischen Coordination gegen Bayer-Gefahren und der Sängerin Nina Hagen am Brandenburger Tor machen sie auf die weiter ungeklärte Rechtslage aufmerksam. Anlass war die Dokumentation »Der vertuschte Skandal - Ein Pharmakonzern und sein Hormonpräparat«, die am Montagabend in der ARD ausgestrahlt wurde.

Das Hormonpräparat Duogynon kam in den 1950er und 1960er Jahren bei Menstruationsbeschwerden und als Schwangerschaftstest zum Einsatz. Hergestellt und verkauft wurde es bis Anfang der 1970er Jahre von Schering, in Großbritannien ab 1958 unter dem Namen Primodos. 1978 wurde das Mittel - eine Kombination der weiblichen Sexualhormone Progesteron und Östradiol - in Cumorit umbenannt. Löste die Hormonkombination bei den Frauen binnen Wochenfrist keine Blutung aus, galt eine Schwangerschaft als sicher. Die Hormone schädigten aber wohl die ungeborenen Kinder. Dieser Zusammenhang ist noch strittig, obwohl Schering schon 1972 die Indikation Schwangerschaftstest für die Dragees strich, 1978 dann auch für die Injektionen. 1981 wurde Cumorit in Deutschland vom Markt genommen.

Von der negativen Wirkung überzeugt ist eine Gruppe Geschädigter, die seit Jahren um Aufklärung und Anerkennung als Pharmaopfer kämpft. Erweist sich ihre Behauptung als richtig, könnte dem Bayer-Konzern, der Schering 2006 aufkaufte, großer Ärger ins Haus stehen. Die Interessengemeinschaft fordert neben einer Entschuldigung auch einen Geschädigtenfonds nach dem Vorbild des Contergan-Fonds. Auf www.duogynonopfer.de werden Meldungen über die Folgen des Medikaments kategorisiert, darunter befinden sich skelettale Missbildungen, Organ- und Gehirnschäden sowie 58 Todesfälle. Allein in der Bundesrepublik soll es 1000 Fälle gegeben haben.

Zuletzt hatte das Landgericht Berlin eine Haftungsklage gegen Bayer 2012 wegen Verjährung abgewiesen. Bayer berief sich in einer Erklärung auf Untersuchungen und Gutachten aus den 70er und 80er Jahren, die keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Medikament und den Schädigungen erbracht hätten. Der Aufforderung des Gerichts, dennoch mit den Betroffenen zu sprechen, kam Bayer nicht nach.

Zu Beginn dieses Jahres war eine Frau, deren Mutter in der Schwangerschaft ebenfalls Duogynon erhalten hatte, an einem Herzfehler gestorben. Die inzwischen 74-jährige Mutter hatte Strafanzeige wegen Mordes bei der Staatsanwaltschaft Berlin gestellt. Sie geht wie weitere Betroffene davon aus, dass Schering die Gesundheitsgefahren bekannt gewesen seien. Darauf weisen aus ihrer Sicht Firmenunterlagen aus dem Berliner Landesarchiv hin, die erst seit 2015 zugänglich sind. Darunter befinde sich auch ein Briefwechsel der Rechtsabteilung von Schering mit besorgten Ärzten. Nach diesen Dokumenten hätten verschiedene Wissenschaftler Duogynon als »hochrangig embryo-toxisch« eingestuft. Einer erklärte zudem, dass »ein relatives Risiko von 5 zu 1« bestehe, ein missgebildetes Kind zu bekommen. Hinzu kommen weitere Belege, nach denen Mitarbeiter der englischen Schering-Zentrale damals empfahlen, Duogynon vom Markt zu nehmen.

Für das Frühjahr 2017 werden die Ergebnisse eines Untersuchungsausschusses in Großbritannien erwartet, der im Auftrag des dortigen Gesundheitsministeriums den Zusammenhang zwischen der Duogynon-Einnahme und embryonalen Missbildungen überprüft. Hier werden auch weitere Hormonpräparate und mögliche Folgen sowie potenzielle Wirkungsmechanismen betrachtet.

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