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Gemeinsam planen statt Anweisungen ausführen

In Venezuela haben sich 50 Kooperativen, darunter mehrere Arztpraxen, in einem Dachverband zusammengeschlossen

  • Von Jorge Rath, Barquisimeto
  • Lesedauer: 3 Min.

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Trotz Ölreichtum war und ist es in Venezuela für viele Menschen schwer, über die Runden zu kommen. Dies ist wohl der wichtigste Grund, dass sich im Bundesstaat Lara rund um die Großstadt Barquisimeto über die Jahre ein großer genossenschaftlicher Dachverband namens Cecosesola herausgebildet hat. 1967 gegründet, wird er inzwischen von 20 000 Mitgliedern getragen. In ihm haben sich 50 Kollektive zusammengeschlossen. 1300 dauerhafte Arbeitsplätze hat der Verband bisher geschaffen. Die Arbeitenden verstehen sich als hauptamtliche Mitglieder im Dienste der Genossenschaft und der Bevölkerung.

Cecosesola hat heute drei Standbeine: Nahrungsmittelversorgung, ein Krankenhaus und ambulante Praxen sowie ein Bestattungsinstitut. Für die Versorgung mit Lebensmitteln werden insgesamt fünf große Wochenmärkte in Barquisimeto betrieben, wo ungefähr 70 000 Menschen einkaufen. Das Gemüse, Getreide und die Nudeln werden in Absprache mit den umliegenden Kooperativen produziert. Ohne Zwischenhandel können die Lebensmittel günstig angeboten werden.

Ein kleines Krankenhaus und sechs ambulante Praxen wurden in den letzten Jahren aufgebaut, um zu einer verlässlichen Gesundheitsversorgung beizutragen. Dies schließt auch alternative Heilmethoden wie Akupunktur ein. 220 000 Menschen nutzen dies jährlich. Das Bestattungsunternehmen finanziert sich durch einen monatlichen Genossenschaftsbeitrag. So können die Mitglieder ihre Angehörigen bezahlbar beerdigen.

Insgesamt schafft es die Genossenschaft, ihre Produkte und Dienstleistungen um ein Drittel, teils um die Hälfte günstiger als andere Unternehmen anzubieten. Die Hauptamtlichen erhalten alle die gleiche Vergütung, Überschüsse werden investiert.

Das Erfolgsgeheimnis von Cecosesola ist die Teilhabe aller Beteiligten. Seit vielen Jahren wird auf die Mitentscheidung aller gesetzt. Nicht selbstverständlich in einer kapitalistisch geprägten Kultur, weswegen der Wandel hin zum eigen- und zugleich kollektiv-verantwortlichem Handeln ein langer und experimenteller Weg sein muss. »Das Einfache, was schwer zu machen ist«, würde Bert Brecht wohl sagen.

Die Genossinnen und Genossen haben ein neue Versammlungskultur entwickelt, um dem näher zu kommen. Etwa 60 Teilversammlungen finden wöchentlich statt. In der Regel wird hier ohne Zeitdruck über alles informiert, es werden die jeweiligen Bereiche besprochen und geplant. Meinungen, auch wenn sie gegensätzlich sind, werden als Bereicherung gesehen. Entscheidungen finden schließlich im Konsens statt. Auch Probleme im Umgang untereinander werden ausgetragen, nicht um zu verurteilen, sondern um zu lernen. Ziel ist es, über die vielen Zusammenkünfte gegenseitiges Vertrauen und Respekt untereinander aufzubauen, Transparenz und Gleichberechtigung tagtäglich zu üben. Auf diesem Boden, so sehen es die Companeras und Companeros, können dann Selbstverantwortung für sich selbst und für die Gruppe gedeihen, kann sich nach und nach Tatkraft und Kompetenz entwickeln.

Diese werden heute um so mehr gebraucht, da sich durch den Einbruch des Ölpreises in Venezuela größte Not im Land breit gemacht hat. Die Inflation betrug in den ersten acht Monaten des laufenden Jahres mehr als 300 Prozent. Die Importe sind eingebrochen. Die Rationierung von Lebensmitteln zeigt sich auch auf den Märkten von Cecosesola in schier endlos langen Menschenschlangen. Sich unter diesen Bedingungen wirtschaftlich über Wasser zu halten, ist eine Herausforderung für die Genossenschaft. Im Krankenhaus, Gesundheitszentrum genannt, gibt es Engpässe bei medizinischem Material.

Trotz allem: In seiner langen Tradition hat der Verband einige Herausforderungen und Krisen überstanden. So musste in den 1980er Jahren in Auseinandersetzungen mit den Behörden der betriebene öffentliche Busverkehr eingestellt werden. Erst nachdem sich die Genossenschaft wandelte und die Vorstandsebene abschaffte, konnte es wieder weitergehen. Dieser bemerkenswerte Versuch, nicht-kapitalistische Produktionsverhältnisse tatsächlich, und nicht nur dem Titel nach, einzuführen, trägt Cecosesola bis heute und hält das Projekt in ständiger Bewegung.

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