Von Maik Rosner, München
29.11.2016

Chaos bei 1860 München

Investor Ismaik entlässt den Trainer und warnt die Fans

Bei den Löwen an der Grünwalder ...
Das Trainingsgelände der Löwen ist nur wenige Hundert Meter von dem des FC Bayerns entfernt, doch beide Vereine trennen Welten.

Am Montag hätte man den TSV 1860 München ausnahmsweise für einen ganz normalen Zweitligisten halten können. Auslaufen stand am Tag nach der 1:2-Niederlage in Braunschweig an, wo in dieser Saison schon sechs andere Mannschaften verloren hatten. Doch abgesehen von der sportlichen Unterlegenheit beim Tabellenführer bewegen sich die Münchner fernab jeder Normalität. Das ist zwar keine neue Erkenntnis beim deutschen Meister von 1966, doch seit einer Woche übertrifft der TSV 1860 seinen Hang zum Chaos um Längen. »Es herrscht unsägliche Unruhe in so einem schönen Verein«, sagte der Trainer - allerdings der Braunschweiger. »Ich wünsche euch endlich mal viel Ruhe, das würde euch gut tun«, fuhr Torsten Lieberknecht fort.

Davon dürften die Löwen vorerst so weit entfernt bleiben wie die Fantasien ihres Investors Hasan Ismaik, 40, von der Realität. Immer wieder hat der jordanische Geschäftsmann mit Sitz in Abu Dhabi seit seinem Einstieg 2011 angekündigt, den TSV 1860 zum europäischen Schwergewicht aufzubauen. Doch nicht mal der Aufstieg in die 1. Bundesliga will gelingen. Die jüngsten Geschehnisse an der Grünwalder Straße stellten den vorläufigen Höhepunkt der negativen Entwicklung des Traditionsvereins dar.

Handstreichartig hatte Ismaik vor einer Woche die Beurlaubung von Trainer Kosta Runjaic und die Degradierungen der Geschäftsführer Thomas Eichin und Raed Gerges verfügt, U21-Coach Daniel Bierofka wurde erneut Interimstrainer, und ein Maschinenbauingenieur namens Anthony Power stellte sich am Dienstag auf einer denkwürdigen Pressekonferenz als Interimsgeschäftsführer vor.

Es folgten wüste Verschwörungstheorien von Ismaik via Facebook, in denen er vom »dreckigen Spiel zwischen Medien und Hintermännern« und deren »Lügenkampagne« schwadronierte. »Der TSV 1860 ist zum Spielball von dunklen Interessen geworden«, hieß es, aber er werde »bis zum letzten Atemzug kämpfen, um alle Machenschaften in diesem großartigen Verein aufzudecken«. Es gebe Leute, »die Korruption und Plünderung unterstützen«.

Am Freitag wurde zudem ein Medienboykott verhängt, am Samstag erteilte der TSV 1860 den Journalisten gar Hausverbot. Und am Sonntagabend legte Karl-Christian Bay, Verwaltungsratsvorsitzender des Vereins, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Aktiengesellschaft und Mitglied des Beirats der Geschäftsführung, seine Ämter ebenso nieder wie Christian Waggershauser, stellvertretender Vorsitzender des Verwaltungsrats. Er hoffe, dass beide ihre Entscheidungen revidieren, reagierte Ismaik. Andernfalls »bin ich mir sicher, dass es viele Löwen gibt, die auf ihre Chance bei uns brennen«.

Die Vorkommnisse haben nun die Deutsche Fußball Liga (DFL) auf den Plan gerufen, weil die Entscheidungsprozesse bei 1860 den Verdacht nahelegen, dass die 50+1-Regel von Ismaik unterwandert wird. Danach müssen Vereine mit Investoren die Entscheidungshoheit behalten. Die DFL forderte den TSV zu einer Stellungnahme auf. Ismaik besitzt zwar formal nur 49 Prozent der stimmberechtigten Anteile, als Vorsitzender des Aufsichtsrats zusammen mit zwei seiner Brüder aber die Stimmenmehrheit, erst recht nach Bays Rückzug.

Die jüngsten Personalentscheidungen hätten jedoch nicht vom Aufsichtsrat getroffen werden dürfen, eine Trainerbeurlaubung obliegt der Geschäftsführung. Da verwundert nicht, dass die als Nachfolger gehandelten Armin Veh und Dieter Hecking bereits abgewunken haben.

Artikel weiterempfehlen und ausdrucken