Polizist weiß nicht mehr, wie Domscheit-Berg ihn verletzte

Prozess gegen die LINKE-Bundestagskandidatin ist vertagt / Zeugen verstricken sich in widersprüchliche Aussagen

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 4 Min.

Was soll das hier?

Linker Journalismus – das ist der Luxus, zur Bundestagswahl nicht nur die überall gleichen Agenturmeldungen zu lesen, sondern das Koalitionsgerangel aus einer linken Perspektive kritisch zu beobachten und zu beurteilen. Wir zahlen Reportern einen korrekten Lohn, recherchieren aufwendig für profunde Hintergründe, sprechen mit unabhängigen Experten. Das alles kostet Geld. Wenn Ihre persönliche Lage es zulässt, freuen wir uns deshalb, wenn Sie die Lektüre dieses Textes mit einem frei gewählten Obolus honorieren – oder unser Blatt gleich gedruckt oder online abonnieren!

  • Wählen Sie ein Abo:

    • Online-Abo
    • Kombi-Abo
    • Print-Abo
    • App-Abo
    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit dem Online-Abo erhalten Sie Zugang zu allen Artikeln in elektronischer Form auf unserer Webseite und dazu das nd-ePaper. Zum Online-Abo
    Mobil, kritisch und mit Links informiert:
    neues deutschland als ePaper – und am Wochenende im Briefkasten!
    Prämie: Das nd-Frühstücksbrettchen. Der Wegbegleiter für den Start in den Tag.
    Zum Kombi-Abo

    Lesen Sie das »nd« wo und wann Sie wollen. Mit der nd-App erhalten Sie Zugang zur Zeitung in elektronischer Form als App optimiert für Smartphone und Tablet.

    Die nd-App gibt es für iOs und Android.

    Zum App-Abo
  • Per Überweisung:

    Stichwort: nd-paywall

    Berliner Bank
    IBAN: DE11 1007 0848 0525 9502 04
    SWIFT-CODE (BIC): DEUTDEDB110

    Per Paypal

    PayPal

    Per Sofortüberweisung

    Sofortüberweisung

    Ich habe bezahlt.

  • Ich beteilige mich mit einer regelmäßigen Zahlung

    Wir freuen uns sehr, dass Sie zu dem Entschluss gekommen sind: Qualitätsjournalismus zur Stärkung einer Gegenöffentlichkeit von links ist mir etwas wert!

    Mit ihrem solidarischen Beitrag unterstützen Sie linken unabhängigen Qualitätsjournalismus. Und: Sie unterstützen die Menschen, die sich selbst ein Abo nicht leisten können. Wir sind der Ansicht, dass Journalismus für möglichst alle zugänglich sein soll – deshalb bieten wir einen großen Teil unserer Artikel gratis zum Lesen und teilen im Netz an. Aber nur Dank der Abonnements und Zahlungen vieler Leserinnen und Leser können wir jeden Tag eine Zeitung produzieren: Gedruckt, als Onlineausgabe und als App.

    Turnus

    Minimum 5 Euro/Monat

    Meine Bankdaten

    Persönliche Angaben

    *Pflichtfelder
     
     
  • Ich bin schon Abonnent
    Login

    Passwort vergessen?

  • Jetzt nicht ...

Bereitschaftspolizist A., Mitte 20, forscher Auftritt, hatte fast einen Schock, als Anke Domscheit-Berg ihn attackierte: Mit dem Strunk eines Blumenstraußes, den sie im Sommer 2015 aus Mitgefühl für ertrunkene Flüchtlinge auf einer Kundgebung vor dem Reichstagsgebäude mit sich trug, habe sie ihm hinter das Visier seines Helmes gestochert. »Das hätte auch schlimmer ausgehen können«, sagt A. am Montag vor Gericht. Sein Auge sei in Gefahr gewesen.

Warum hat A. die Angreiferin nicht festgenommen? Das habe er erwogen, doch ging es nicht in dieser Situation. Und warum nicht nach der Kundgebung? Zwei Stunden nach dem angeblichen Vorfall stand die Angeklagte mit dem knallroten Filzhut, an den sich A. so deutlich erinnert, eine ganze Weile wie auf dem Präsentierteller vor der Polizeikette, die sich vor dem Bundestag aufgebaut hatte. Sie twitterte sogar ein Foto davon, das sie am Montag der Richterin vorlegt. Da habe er sie wohl nicht gesehen, sagt A.

Ist es nicht üblicherweise so, dass die Polizei bei solchen Einsätzen Beobachtungen über aggressive und gewalttätige Demonstranten sammelt, um nach dem Aufzug zuzugreifen? Offenbar nicht an diesem Tag. Und über Funk sei er nur mit der eigenen Gruppe verbunden und nicht mit anderen Einsatzkräften, sagt A.

Auch andere Aussagen von A. sind inkonsistent. Anfangs sagt er, beim Eingreifen seiner Gruppe habe sich auf der Wiese vor dem Reichstag eine »gewalttätige Menschenmenge« befunden. Als die Verteidigung ein Video vorlegt, das das Gegenteil zeigt, revidiert sich der Zeuge flugs. »Augenscheinlich« sei die Menge doch nicht gewalttätig gewesen. Das müsse sich bei ihm später so zurechtgerüttelt haben. Er stehe aber auch mächtig unter Druck!

Krass widersprüchlich sind sogar die Einlassungen zur Beschuldigung. Anfangs klingt A., als habe ihn Domscheit-Berg schon vor der Sache mit dem Blumenstrauß »getreten und geschlagen«. Fünf Minuten später war das mit dem Schlagen jemand anders. Im Strafbefehl ist auch von einem Tritt keine Rede. Es geht vor allem um den Blumenstraußangriff. Auch da passt einiges nicht: In der Anzeige, die zu dem von Domscheit-Berg nicht akzeptierten Strafbefehl führte, um den nun verhandelt wird, verletzt ihn der Blumenstrauß am Hals. Vor Gericht ist es die Wange, die Staatsanwältin spricht von »Schürfwunden im Gesicht«. Zu rekonstruieren ist es nicht, denn die Verletzung ist nicht dokumentiert. Wie aber kommt es zu dem Widerspruch?

»Wahrscheinlich« hat ihn der Anzeigenschreiber »falsch verstanden«, sagt A. Hat dieser ihn denn persönlich befragt? »Wahrscheinlich«. A. sagt ziemlich oft »wahrscheinlich«, als es konkret wird, etwa ein Dutzend Mal. Er klingt gereizt – als sei es letztlich wurscht, was genau passierte.

Wie steht es um den zweiten Vorwurf? Laut Anklage hat Domscheit-Berg einer Polizistin den Fingernagel in die Hand »gerammt«, als beide an jenem Blumenstrauß zerrten, den die Beamtin ihr entreißen wollte. Die Sache ist freilich auch nicht sehr klar. Wieder gibt es keine Dokumentation der Verletzung. Zwischen den beiden, so die Zeugin, sei die Sicht versperrt gewesen. Doch als sie den Schmerz fühlte, habe sie »um die Ecke geschaut«: Es sei Domscheit-Bergs Hand gewesen. Ob die rechte oder linke, weiß sie nicht. Domscheit-Berg hat an dem Strauß gezogen. Doch gekniffen habe sie nicht.

Dazu kann auch der dritte Polizeizeuge nichts beitragen. Das habe er nicht gesehen. Er habe aber beobachtet, wie Domscheit-Berg jener Polizistin »den Arm verdreht«, habe, als beide an den Blumen zerrten. Das ist nun wieder ein neuer Punkt.

Der Zeuge filmte für die Polizei. Domscheit-Berg hielt jenen Strauß in die Höhe. »Mehrfach« habe sie ihn gegen die Kamera »geschlagen«, so der Zeuge. Die Angeklagte bestreitet das. Ihr sei mehrfach von hinten auf den Arm mit dem Strauß geschlagen worden, so dass er nach unten fiel. Hat der Polizist, das Auge am Sucher, dies als Schlagbewegung gedeutet? Aus den Aufnahmen geht für die Verteidigung nicht hervor, ob der Strauß aktiv gegen die Kamera geführt wird. Doch behauptet die Fingernagelzeugin dies.

Zur Anzeige kam es im Nachhinein. Domscheit-Berg hatte öffentlich über »Polizeigewalt« geklagt. Da habe man sie erkannt, so die Zeugen übereinstimmend. Die angeblich Gekniffene sagt im Verlauf ihrer Aussage, an manche Personen »erinnere ich mich, weil sie so dreist sind«. Das ist aber nicht verboten.

Das Ende des Verhandlungstags entspricht seinem teils absurden Verlauf: Der Gerichtsschreiber hat Feierabend und geht irgendwann einfach, die genervte Richterin übernimmt das Protokoll. Dann hat sie keine Lust mehr und vertagt das Ganze. Später schreibt die »Berliner Morgenpost«, die Zeugen hätten »überzeugend, schlüssig und damit durchaus glaubwürdig« ausgesagt.

Aus dem nd-Shop
Till Eulenspiegel (DVD)
Nach dem Deutschen Volksbuch und der Filmerzählung von Christa und Gerhard Wolf Mit Witz und List gegen Kaiser, Pfaffen und Patrizier. Am Vo...
9.99 €
Werbung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Schenken Sie schon, oder rätseln Sie noch?

Na, dann aber hopp!

Schenken was wirklich Freude macht. Starke Inhalte statt kapitalistischen Überfluss.

Jetzt bestellen oder verschenken