Von Thomas Roser, Belgrad
29.11.2016

Die Gestrandeten auf der Balkanroute

Flüchtlingen in Südosteuropa schlägt immer mehr Gleichgültigkeit entgegen - bis hin zur offenen Feindseligkeit

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Flüchtlinge am 26.11.2016 vor dem verlassenen Zollager im Zentrum von Belgrad. Hunderte Menschen leben dort unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen.

Rauchschwaden ziehen durch den verfallenen Eisenbahnhangar in der serbischen Hauptstadt. Nur ein fahler Sonnenstrahl, der durch ein klaffendes Loch im Dach fällt, erhellt ein wenig die apokalyptische Szenerie. Hunderte übernächtigt wirkende Männer versuchen sich in dem improvisierten Flüchtlingslager hinter dem Belgrader Busbahnhof gegen die bittere Kälte mit Decken und an kleinen Feuerstätten zu wärmen.

Flüchtlinge fürchten Misshandlungen

Die meist monatelange Odyssee hat Spuren hinterlassen: Auf dem Boden kauernd taucht der dunkelhaarige Amir mit zwei Leidensgenossen sein Brot in eine selbst gebraute Fleischbrühe. Der Gymnasiast aus dem afghanischen Dschalalabad wirkt wie ein Mann Ende 20, doch ist er erst 16 Jahre alt. Als sein Vater von den Taliban getötet worden sei, habe seine Mutter gesagt, er solle nach Europa gehen, erzählt er leise. Vor viereinhalb Monaten brach er aus seiner Heimat in Richtung Italien auf, seit 45 Tagen hängt er in Serbien fest. Die Nächte in dem düsteren Backsteinbau seien »eiskalt« und stockdunkel: »Aber unser Problem ist nicht der Regen, der hier durch das Dach tropft, sondern die geschlossenen Grenzen.«

In Bulgarien habe ihm die Polizei sein Geld und das Mobiltelefon abgenommen, erzählt der afghanische Student Farid. Er wolle nun versuchen, über die kroatische Grenze in den Westen zu gelangen, auch wenn er vernommen habe, dass auch Kroatiens Grenzwächter »prügeln und die Flüchtlinge ausrauben«. In eines der überfüllten regulären Lager Serbiens wolle er nicht, da er fürchte, von dort in das nahe Mazedonien deportiert zu werden: »Manchen Bekannten ist das schon passiert. Für Menschen ist diese Halle zwar nicht geeignet. Aber wenigstens werden wir hier nicht schikaniert.«

Stimmung ist in Serbien gekippt

Selbst in der serbischen Bevölkerung, die Flüchtlingen auch wegen der eigenen Kriegsvergangenheit lange relativ verständnisvoll gegenüberstand, registrieren Hilfsorganisationen einen von der Politik forcierten Meinungsumschwung. Das Verständnis für die Nöte der Flüchtlinge sinke, gleichzeitig sehen sich die Hilfsorganisationen selbst vermehrt dem Vorwurf der Behörden ausgesetzt, mit ihrer Betreuung die Leute außerhalb der Lager zu halten, berichtet Rados Djurovic, der Direktor des Belgrader Zentrums für den Schutz von Asylsuchenden: »Dabei schläft niemand in der Kälte freiwillig in solchen Löchern wie am Belgrader Bahnhof. Die Leute wollen nicht in die abgelegenen Lager, weil sie Angst vor illegalen Deportationen haben – und die Zustände auch dort oft alles andere als menschenwürdig sind.«

Zwischenfälle nehmen zu

Vor einem Jahr wurden die in Richtung Westeuropa ziehenden Flüchtlinge noch von einem Heer von Hilfsinstitutionen eskortiert. Doch statt Mitgefühl schlägt ihnen nun auch bei den Anrainern der weitgehend abgeriegelten Balkanroute Gleichgültigkeit oder offene Feindseligkeit entgegen: Die Furcht vor neuen Flüchtlingswellen nach der Drohung des türkischen Präsidenten Recep Tayip Erdogan, den Pakt mit der EU aufzukündigen, geht mit einer verschärften Gangart gegenüber den ungewollten Grenzgängern einher.

Ob die Ausschreitungen in Bulgariens berüchtigten Auffanglager Charmanli oder die Brände im Lager auf der griechischen Insel Chios: Nicht nur ihre aussichtslose Lage, sondern auch überfüllte Lager und menschenunwürdige Bedingungen vergrößern die Spannungen unter den immer jüngeren Gestrandeten. So hatten Bulgariens Behörden nach Bürgerprotesten gegen eine vermeintliche Epidemie eine Quarantäne für alle der über 3000 Bewohner des Lagers Charmanli verhängt. Erst nach den aus dem Ruder gelaufenen Protesten gegen die Abriegelung des Lagers, bei dem ein 15-jähriger Afghane lebensgefährlich verletzt wurde, vermeldeten die Gesundheitsbehörden, dass keinerlei ansteckende Krankheiten konstatiert worden seien.

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