Von Dagobert Kohlmeyer
30.11.2016

Schach-WM geht in die Verlängerung

Magnus Carlsen und Sergej Karjakin küren nun den Schnellschachweltmeister

Konzentriert im Duell: Sergey Ka...
Konzentriert im Duell: Sergey Karjakin (r.) und Magnus Carlsen (l.)

New York. Macht Geburtstagskind Magnus Carlsen kurzen Prozess oder nimmt ihm Herausforderer Sergej Karjakin das schönste Geschenk weg? Das WM-Duell um die Schachkrone geht in die Verlängerung: Nach zwölf Partien stand es 6:6, und an diesem Mittwoch muss die Entscheidung im Schnell- oder gar Blitzschach fallen. Favorit in New York ist der Norweger Carlsen, doch der Russe Karjakin war in dem engen Zweikampf bisher nicht der erwartete harmlose Herausforderer, mit dem der Weltmeister leichtes Spiel haben würde.

Der Tiebreak

  • zunächst vier Schnellpartien mit je 25 Minuten Bedenkzeit und 10 s Gutschrift pro Zug
  • bei 2:2-Gleichstand folgen zwei Blitzpartien mit je fünf Minuten Bedenkzeit und 3 s Gutschrift
  • maximal fünfmal zwei Blitzpartien, bis ein Sieger feststeht
  • reicht das nicht, kommt es zum »Sudden Death«: Weiß hat fünf Minuten Bedenkzeit und muss gewinnen, Schwarz erhält nur vier Minuten, doch ein Remis reicht zum Titel. dpa/nd

Der Herausforderer zeigte sich der Nervenschlacht in seinem ersten WM-Finale erstaunlich gewachsen. Ob es eine schöne Party für Titelverteidiger Carlsen wird, der just zur Entscheidung seinen 26. Geburtstag mit dem Titel feiern will, liegt an ihm selbst. Die nun folgenden vier Schnellpartien und bis zu elf Blitzschachduelle wären für beide WM-Finalisten, die sich seit zweieinhalb Wochen in New York nichts geschenkt haben, eine ungeheure Belastung. Prognosen sind schwierig, zumal beide Spieler auch schon Weltmeister im Schnellschach waren.

Die WM-Entscheidung im Tiebreak herbeizuführen, stößt derweil speziell in Russland auf scharfe Kritik. »Das ist kein Schach mehr«, sagte Ex-Weltmeister Anatoli Karpow am Dienstag. »So kann man den Meister eines Hinterhofs ermitteln, aber nicht den Weltmeister.« Karjakin gab sich nach der zwölften Partie bescheiden und bezeichnete Carlsen als den Favoriten. »Ich hoffe auf einen Sieg«, sagte er dennoch. Carlsen bescheinigte seinem Herausforderer vor dem entscheidenden Spieltag Nervenstärke.

Schachfans in aller Welt freuen sich auf ein spektakuläres Finale, das die Spannung auf die Spitze treibt. Doch der Modus ist umstritten. Der Titelkampf wird zur Lotterie, etwa so wie beim Elfmeterschießen im Fußball, sagen viele Großmeister und Experten. Die haben beide Kontrahenten aber bewusst gewählt, als sie sich am Montagabend in der zwölften Partie nach nicht einmal 45 Minuten und dem Mindestmaß von 30 Zügen auf ein Remis geeinigt hatten. Früher dauerten WM-Kämpfe 24 Partien lang, inzwischen wurden sie aus Kostengründen um die Hälfte reduziert. »Bei einem WM-Match sollte es mindestens 16 Spiele mit normaler Bedenkzeit geben, um jeden Zufall bei der Ermittlung des Schachkönigs auszuschließen«, hatte Ex-Weltmeister Karpow jüngst gefordert.

Die aktuelle Tiebreakregelung des Weltschachbundes FIDE wird seit 2006 angewendet. Damals gewann der Russe Wladimir Kramnik in Elista gegen den Bulgaren Weselin Topalow in der Verlängerung. 2012 besiegte der Inder Viswanathan Anand in Moskau Boris Gelfand (Israel) ebenfalls im Stichkampf. In beiden Fällen setzte sich der Titelverteidiger durch. dpa/nd

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