Von Oliver Eberhardt
30.11.2016

Auf die Feuer in Israel folgt auch Hoffnung

Vereinigte Arabische Liste warnt vor politischem Missbrauch der offensichtlich gelegten Waldbrände

Israelische Feuerwehrleute versu...
Israelische Feuerwehrleute versuchten am vergangenen Freitag einen Brand in Nataf bei Jerusalem zu löschen.

Die Feuer sind überwiegend gelöscht, doch die Atmosphäre bei den Rettungskräften ist angespannt: »Wir müssen jederzeit damit rechnen, dass es wieder los geht«, sagt ein Sprecher der Feuerwehr in Haifa. Denn es ist ein ausgesprochen heißer Herbst, der zugleich auch starke Winde mit sich bringt; geregnet hat es kaum. Derzeit reiche schon ein kleiner Funke, um ganze Landstriche in ein Inferno zu verwandeln, warnt der meteorologische Dienst: So trocken sei der Boden schon seit Jahrzehnten nicht mehr gewesen, und dies liege auch daran, dass die Grundwasserspiegel durch den extrem hohen Wasserverbrauch kontinuierlich sinken.

Anderswo tobt derweil ein Sturm der anderen Art: Unter dem Hashtag #israelburns bejubeln Nutzer die Waldbrände; viele behaupten, sie seien »eine Strafe Gottes« für das Verbot der Gebetsrufe in Israel. Die Knesseth berät derzeit über eine Gesetzesinitiative, die ein Verbot von Gebetsrufen per Lautsprecher fordert; die öffentlichen Gebetsrufe selbst sollen aber weiterhin erlaubt sein.

Israels Rechte spricht derweil von einer »Feuer-Intifada«: Die Polizei macht Brandstifter für gut die Hälfte der Brände verantwortlich und nahm bislang 23 Verdächtige fest, darunter 18 israelische Araber und fünf Palästinenser. »Wohlgemerkt«, sagt Gilad Erdan, Minister für innere Sicherheit: »Das sind Verdächtige, die nach Hinweisen aus der Bevölkerung vernommen werden. Es kann sein, dass man allen oder keinem Taten nachweisen kann.« Dass unter den Verdächtigen ausschließlich Araber sind, liege vor allem an der Kooperationsbereitschaft der arabischen Bevölkerung, sagen zudem Polizeisprecher.

Denn ein Großteil der israelischen Araber lebt im Norden Israels. Die Brände haben sie hart getroffen: Felder und Häuser wurden zerstört, ganze Dörfer evakuiert. Ähnlich sah es in Teilen des Westjordanlandes aus: Es brannte in der Umgebung von Ramallah und Jerusalem. »Das Gerede von einer Feuer-Intifada ist reine Stimmungsmache«, sagt Ahmad Tibi, der für die Vereinigte Arabische Liste in der Knesset sitzt: »Diejenigen, die Feuer gelegt haben, können nicht mit der Zustimmung der Bevölkerung rechnen.« In Gaza allerdings feierte Muschir al Masri, ein Funktionär des militanten Hamas-Flügels die Brände. Die Brandstifter seien Helden, die mit offenen Armen zu empfangen seien. Die Hamas-Regierung in Gaza und das Politbüro der Organisation äußerten sich nicht.

Doch vor allem die Siedlerbewegung nahestehende Koalitionspartei »Jüdisches Heim« fordert nun, die Häuser der Verdächtigen müssten umgehend zerstört werden. Außerdem müsse als Reaktion der Siedlungsbau ausgeweitet und ein neuer Anlauf für ein »Loyalitätsgesetz« unternommen werden: Dieser mehrmals krachend gescheiterten Initiative zufolge sollen Araber nur dann die Staatsbürgerschaft behalten dürfen, wenn sie ihre Loyalität zum jüdischen Staat erklären.

Mit diesen Forderungen steht »Jüdisches Heim« allerdings weitgehend allein. Das liegt auch daran, dass die Katastrophe eine Welle der Zusammenarbeit mit sich gebracht hat: Als gut ein Viertel der Einwohner von Haifa evakuiert wurde, boten Araber und Juden gleichermaßen im Internet Übernachtungsgelegenheiten in ihren Häusern an; man half sich gegenseitig beim Löschen. Im Westjordanland retteten palästinensische und israelische Feuerwehr zunächst eine palästinensische und dann eine israelische Siedlung vor dem Verbrennen. Die Palästinenser schickten zudem einige Löschzüge in den Norden Israels.

Zum ersten Mal seit Monaten sprach Regierungschef Benjamin Netanjahu auch wieder mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas. Oppositionsführer Jitzhak Herzog bot umgehend sein linksliberales Parteienbündnis Zionistische Union als Koalitionspartner an: Die Katastrophe habe auch gezeigt, dass die Menschen zusammenarbeiten können. Nun müsse sich Netanjahu zwischen Hass und Hoffnung entscheiden.

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