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Smarte Worte

01.12.2016

Smart City

Smarte Worte 26: Mit der Idee einer intelligenten, einer selbst denkenden Stadt geht das Versprechen eines ganzheitlichen und innovativen Entwicklungskonzepts einher

Smart City
Foto: Grafik von Michael Heidinger

Das Paradigma der Smart City hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Mit der Idee einer intelligenten, einer selbst denkenden Stadt geht das Versprechen eines ganzheitlichen und innovativen Entwicklungskonzepts einher. Es suggeriert, mit dem klugen Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien könnten Städte nicht nur effizienter, moderner und inklusiver werden, sondern auch noch das dringlichste Problem unserer Zeit, den Klimawandel, in den Griff bekommen. Die Sorgen um die Klimapolitik und die Trends der erneuerbaren Energien befördern so neue technische Lösungsangebote für das persönliche Umfeld der Menschen: Smart Homes von StadtbewohnerInnen in Smart Citys weltweit.

Gegenwärtig bestimmen so vor allem technizistische Ansätze sowie einseitige ökonomische Interessen die Debatte, bei der die soziale Frage völlig außen vor bleibt. Debatten um intelligente Rauchmelder, intelligente Stromzähler, intelligente Staubsauger und selbstfahrende Elektroautos vernebeln die Wahrnehmung davon, was seitens linker Stadt- und Raumtheorie seit 30 Jahren als Common Sense gilt: Gesellschaftliche Probleme lassen sich nicht technisch, sondern nur durch soziale Antworten lösen. In der Perspektive geht es um Teilhabe und Selbstbestimmung derjenigen, die den Stadtraum alltäglich neu produzieren und Stadtentwicklung sprichwörtlich »selber machen«.

So ist es umstritten, wie eine linke Antwort auf Smart City aussehen kann und wie mit dem Begriff selbst umzugehen ist. Sollte man ihn von links besetzen oder ist das angesichts des Charakters dieser neuen neoliberalen Landnahmestrategie aussichtslos?

Unabhängig von der Frage der Begriffsverwendung müssen die ihm zugrunde liegenden technischen Neuerungen von links aufgegriffen und mit einem linken, fortschrittlichen und emanzipativen Gesellschaftsentwurf verwoben werden. Eine Smart City von links einzufordern kann deshalb nur heißen: Digitalisierung städtischer Infrastrukturen plus Vergesellschaftung aller Infrastrukturen in den Städten und Dörfern; also: Orte für jene, die in ihnen leben! Das neoliberale Zeitalter hat zur Privatisierung von Wohnungen, Stadtwerken, Energieversorgung, Boden und städtischem Grün geführt. Die Digitalisierung öffentlicher Infrastrukturen würde deshalb zuerst eine Rekommunalisierung bedingen und anschließend an die Digitalisierung städtischer Infrastrukturen, die als öffentliche Aufgabe verstanden wird, einen Zukunftsort auf der Grundlage von Gemeingütern ermöglichen.

Einer Privatisierung der Daten müssen Ansätze des OpenData entgegengesetzt und aktiv durch die Politik unterstützt werden. So wäre gewährleistet, dass die in der Stadt produzierten Daten nicht von privatem Gewinnstreben abgeschöpft oder zur Grundlage neuer Ebenen der Massenüberwachung würden. Die Möglichkeiten und Gefahren solcher Entwicklungen, etwa das Predictive Policing, sind schon längst keine originellen TV-Serien mehr, sondern Realität.

Bleiben die Daten öffentliches Gut, könnte über ihre Erhebung und Verwaltung einerseits öffentlich und demokratisch entschieden werden. Eine anti-neoliberale Smart City würde die demokratische Teilhabe ihrer BewohnerInnen erweitern und wäre mit Instrumenten der eDemoracy verbunden: Warum nicht selbstorganisierte Kiez-Räte, die sich auch digital vernetzen und über ein eigenes Social-Media-Netz AnwohnerInnen zu Abstimmungsprozessen einladen?

Eine anti-neoliberale Smart City? Diese Forderung nach einer intelligenten Stadt für alle muss mit einer Repolitisierung und Wiederaneignung von städtischen Themen, Entwicklungen und Technologien verbunden sein. (kg)

Zum Weiterlesen:

Diesselhorst, Jonathan/Gennburg, Katalin: Wie smart kann die Stadt für alle sein?, Standpunkte 11/2016, hrsg. von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin 2016, unter: www.rosalux.de/publication/42414.

Forum Umwelt und Entwicklung: Gute Stadt – Böse Stadt: Landromantik vs. Stadt für alle, Rundbrief 4/2015, S. 6ff., unter: https://is.gd/jFCJve.

SmartCity Wiki: Urban Commons/Partizipation und Teilhabe, Stand: 31.10.2016, unter: https://is.gd/X30iK2

Stollmann, Jörg u.a.: Beware of Smart People! Re-defining the Smart City Paradigm towards Inclusive Urbanism. Berlin i.E.

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