Von Dagobert Kohlmeyer
02.12.2016

Carlsen gewinnt das Duell der Extreme

Der Schachweltmeister aus Norwegen verteidigt verdient seinen Titel gegen seinen Herausforderer aus Russland

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Magnus Carlsen gewann in New York seinen dritten WM-Titel.

Diesmal gab es kein Zurück mehr. Magnus Carlsen hatte an seinem 26. Geburtstag nur ein Ziel: seinen WM-Titel zu verteidigen. In den zwölf Partien mit normaler Bedenkzeit hatte sich der Herausforderer Sergej Karjakin als ebenbürtiger Gegner erwiesen. Die Spannung war deutlich zu spüren, als sich der Norweger und der Russe beim Stand von 6:6 zum Stichkampf auf das Podium setzten. Nun mussten sie zeigen, wie sie mit den verschärften Bedingungen des Schnellschachs zurechtkommen.

In der ersten Partie des Tiebreaks hatte Karjakin Weiß, sie endete remis. Keiner riskierte es, durch einen kleinen Fehler, der bei knapper Zeit immer passieren kann, seine Chancen einzubüßen. Die Spannung stieg weiter. Für den Nervenkitzel mussten die Zuschauer vor Ort tiefer in die Tasche greifen - die Organisatoren hatten die Ticketpreise ab der zwölften Partie von 75 auf 200 Dollar erhöht. Weltweit verfolgten unzählige Schachfans das Spektakel im Internet. Im zweiten Spiel ergriff Carlsen die Initiative, eroberte Material und hatte eine Gewinnstellung. Der Norweger ging daran, ein Mattnetz zu knüpfen, aber Karjakin bewies erneut große Zähigkeit. Mit nur wenigen Sekunden auf der Uhr opferte der Russe seine restlichen Figuren und führte eine Pattstellung herbei, so dass auch diese Partie remis endete.

Dann aber war Karjakins Widerstandskraft dahin, als ihn der Weltmeister in der nächsten Partie auf schöne Weise überspielte. Carlsen gab einen Bauern auf, griff an, brach im Zentrum mit seinen Figuren durch und stellte unparierbare Drohungen auf. Karjakin kapitulierte. Es stand 2:1 für den Champion, der damit zum ersten Mal im Match führte. Nun musste sich der Russe etwas einfallen lassen. Er wählte die scharfe Sizilianische Verteidigung, schraubte dabei jedoch das Risiko zu hoch. Carlsen reagierte weltmeisterlich und stellte am Ende mit einer brillanten Mattattacke den ungefährdeten 3:1-Sieg sicher. Sein Damenopfer auf h6 wird als einer der schönsten Züge in die Schachgeschichte eingehen.

Blickt man auf den WM-Kampf zurück, so hat Carlsen verdient gewonnen, weil er sich stets um aktives Spiel bemühte, Karjakin hingegen nur auf die Defensive setzte. Es war ein Duell der Extreme. In den regulären Partien, die drei Mal über fast sieben Stunden gingen, wurden insgesamt 628 Züge gespielt. Im Tiebreak waren es noch mal 209 Züge, die höchste Konzentration erforderten. Zehn Mal kam Spanisch aufs Brett, doch wurden damit nur zwei Siege erzielt - durch Carlsen. Es waren aber Big Points. Er konnte dadurch seinen Rückstand aufholen und am Ende das Stechen gewinnen. Sein Kalkül ging auf, den zähen Gegner in den Partien mit verkürzter Bedenkzeit zu bezwingen. Im Schnellschach ist Carlsen auch amtierender Weltmeister, im Herbst 2015 gewann er das WM-Turnier in dieser Disziplin in Berlin.

Gerade nach dieser WM wird deren Format weiter diskutiert. USA-Großmeister Yasser Seirawan, der das Duell kommentierte, sagte: »Der Weltmeistertitel ist das Kronjuwel der Schachwelt und sollte mit großem Respekt behandelt werden. Man kann nicht in einem Wettbewerb die Formate klassisches Schach, Schnellschach und Blitzschach vermischen.« Besser wäre es, den Sieger künftig in einer entscheidenden 13. Partie mit normaler Bedenkzeit auszuspielen - bis zur Entscheidung und keine 35-Minuten-Geschichten. Der Spieler, der in der zusätzlichen Partie Schwarz hat, wird bei Gleichstand am Ende zum Sieger erklärt.

»Es war mein bisher härtestes WM-Match«, sagte der glückliche Sieger hinterher und lobte seinen Herausforderer. Karjakin erklärte: »Ich werde in zwei Jahren wieder angreifen, um die Schachkrone zu erobern.« Das Match war weltweit mit Spannung verfolgt worden. Ein Fernsehsender in Oslo übertrug alle WM-Spiele live, viele Norweger und Russen schlugen sich die Nächte um die Ohren, um die Züge ihrer Helden zu verfolgen. Auch in Deutschland war das Interesse groß. »Magnus Carlsen ist ein Vorbild für die Jugend. Er verschafft unserem Sport große Aufmerksamkeit«, sagte der Präsident des Deutschen Schachbundes Herbert Bastian.

4. Partie, Weiß: Carlsen - Schwarz: Karjakin, Sizilianisch

1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.f3 e5 6.Sb3 Le7 7.c4 a5 8.Le3 a4 9.Sc1 0-0 10.Sc3 Da5 11.Dd2 Sa6 12.Le2 Sc5 13.0-0 Ld7 14.Tb1 Tfc8 15.b4 axb3 16.axb3 Dd8 17.Sd3 Se6 18.Sb4 Lc6 19.Tfd1 h5 20.Lf1 h4 21.Df2 Sd7 22.g3 Ta3 23.Lh3 Tca8 24.Sc2 T3a6 25.Sb4 Ta5 26.Sc2 b6 27.Td2 Dc7 28.Tbd1 Lf8 29.gxh4 Sf4 30.Lxf4 exf4 31.Lxd7 Dxd7 32.Sb4 Ta3 33.Sxc6 Dxc6 34.Sb5 Txb3 35.Sd4 Dxc4 36.Sxb3 Dxb3 37.De2 Le7 38.Kg2 De6 39.h5 Ta3 40.Td3 Ta2 41.T3d2 Ta3 42.Td3 Ta7 43.Td5 Tc7 44.Dd2 Df6 45.Tf5 Dh4 46.Tc1 Ta7 47.Dxf4 Ta2+ 48.Kh1 Df2 49.Tc8+ Kh7 50.Dh6+ - Sieg Carlsen. Endstand nach vier Schnellschachpartien: 3:1.

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