Von Max Böhnel

»Standing Rock« soll weichen

Dem Protest gegen eine Ölpipeline steht eine gewaltsame Räumung bevor

Laut einer Anordnung des Republikaner-Gouverneurs von North Dakota Jack Dalrymple soll der Widerstand gegen die Dakota Access Öl-Pipeline an diesem Wochenende gebrochen werden. Er erklärte, spätestens bis 5. Dezember müsse das Camp geräumt werden. Doch Tausende, die seit Wochen in der Eiseskälte ausharren, wollen dies nicht zulassen. Die »Standing Rock«-Demonstranten, die sich in mehreren Protestcamps niedergelassen haben, erhielten kurz nach der Räumungsanordnung Verstärkung. Die Veteranen aus den Kriegen gegen Irak und Afghanistan namens »Veterans Stand for Standing Rock« werden sich als »menschliche Schutzschilde« mit zivilem Ungehorsam vor die heranrückenden Einheiten von Polizei und privaten Sicherheitsdiensten stellen.

Laut der Gruppierung war das Interesse Freiwilliger, die sich mit ihrem militärischen Know-how zur Verfügung stellen wollten, überwältigend. Vielen musste abgesagt werden. Die vorhandene Infrastruktur im Hauptcamp Oceti Sakowin am Cannonball River lasse nur 2000 zusätzliche Demonstranten zu. Insgesamt halten sich dort in Zelten und anderen Behelfsunterkünften mehrere Tausend Menschen auf, in ihrer Mehrzahl indigene US-Amerikaner des Sioux-Stammes aus dem unmittelbar angrenzenden Reservat »Standing Rock«.

Im Frühjahr sicherten Vertreter von mehr als 300 Stämmen dem Widerstand gegen die Pipeline ihre Unterstützung zu. Das 2000 Kilometer lange Projekt mit Gesamtbaukosten von 3,7 Milliarden Dollar ist bis auf die Teilstrecke, die die »Standing Rock«-Demonstranten blockiert halten, fertig gestellt.

Die Route der Pipeline soll knapp zwei Kilometer vom Reservat entfernt durch den Missouri-Fluss verlaufen. Bei den Bauarbeiten wurden bereits Grabstätten, Gebetsorte und andere Kulturgüter der Sioux zerstört. Die Ureinwohner und Umweltschützer warnen vor der Verunreinigung ihrer einzigen Trinkwasserquelle, falls die Pipeline nicht gestoppt wird. Darüber hinaus wird den Behörden Vertragsbruch vorgeworfen. Die Ansprüche der Ureinwohner auf territoriale Rechte würden verletzt. Ihre Lebensgrundlage sei bedroht.

Beobachter sprechen inzwischen von der größten indigenen Widerstandsbewegung in den USA seit vielen Jahrzehnten. »Standing Rock« ist für die meisten Amerikaner eine unbekannte Größe, steht aber symbolisch für die Jahrhunderte dauernde Unterdrückung der indigenen Amerikaner sowie ihren Widerstand dagegen. Im US-weiten öffentlichen Radio »National Public Radio« wurde dem Mitte November in einem Beitrag Rechnung getragen. Das Ausmaß des derzeitigen Widerstandes sei vergleichbar mit dem gegen die weißen Siedler im 19. Jahrhundert. Zudem sei der Wille der Ureinwohner, nicht nur »ihr«, sondern das gesamte Land gegen Raubbau und Siedlerkolonialismus zu verteidigen, im »kollektiven Gedächtnis verankert«.

Seit Beginn der Proteste im Frühjahr haben sich zahlreiche Nicht-Indigene solidarisiert. Neben einigen Hollywood-Größen nahmen Vertreter von »Black Lives Matter« und »Code Pink« sowie Rabbiner, Priester und Abgeordnete aus lateinamerikanischen Ländern an Protesten teil. Immer wieder gingen Polizei und private Sicherheitsdienste gewaltsam vor, unter anderem mit Hunden.

Vor zwei Wochen setzte die Polizei bei Temperaturen weit unter null Grad nicht nur Knüppel und Tränengas, sondern auch Wasserwerfer ein. Parallel dazu versuchen die Behörden, den Widerstand gerichtlich zu brechen, zum Beispiel mit Klagen wegen »Hausfriedensbruch« oder »Rebellion«. Für das Wochenende kündigte der Gouverneur an, die Versorgung der Campbewohner mit Nahrungsmitteln zu unterbinden.

Die Pipeline wird von der staatlichen Ingenieursgesellschaft »Army Corps of Engineers«, die dem Pentagon untersteht, gebaut. Donald Trump hielt im vergangenen Jahr Anteile an der Betreibergesellschaft »Energy Transfer Partners«. Zu seinen Energieberatern gehört Harold Mann, dessen Firma als erste in North Dakota das Ölfracking betrieb.

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