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Pflanzen passend gemacht für Gift im Doppelpack

Die US-Umweltschutzbehörde EPA genehmigt den großflächigen Einsatz einer Mischung aus zwei altbekannten und umstrittenen Herbiziden: Aus Glyphosat plus 2,4-D wird »Enlist Duo«. Von Bernd Schröder

  • Von Bernd Schröder
  • Lesedauer: 4 Min.

Im Jahre 2010 stellte das US-Unternehmen Dow AgroSciences genetisch veränderte Sojabohnen vor, die gegen das Herbizid 2,4-D resistent sind. So können unerwünschte Kräuter auf den Feldern bekämpft werden, ohne dass die Soja-Pflanzen Schaden nehmen. Die neuen Pflanzen sollten eine Alternative zum Roundup-Ready-Saatgut sein. Denn es zeigt sich eine zunehmende Resistenz von Unkräutern gegen das dazugehörige Herbizid Glyphosat. Nach Dow-Angaben sind allein in den USA mittlerweile 340 000 Quadratkilometer Ackerland mit glyphosatresistenten Unkräutern durchsetzt - das entspricht nahezu der Fläche der Bundesrepublik Deutschland. Auf diesen Feldern soll nun Dows »Enlist Duo« und die passenden Gentech-Pflanzen eingesetzt werden, bei denen neben einer Glyphosat- auch eine 2,4-D-Resistenz eingebaut wurde.

Die beiden Hauptbestandteile des herbiziden Doppelpacks Enlist Duo sind schon als Einzelverbindungen umstritten. 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure ist eins der ältesten und weltweit am weitesten verbreiteten Herbizide und wurde als der etwas harmlosere Bestandteil des von den USA im Vietnam-Krieg eingesetzten Entlaubungsmittels Agent Orange bekannt. Mehr als 1500 Pflanzenschutzpräparate enthalten heute den Wirkstoff 2,4-D. Die Verbindung wurde von der zur Weltgesundheitsorganisation WHO gehörenden Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) 2015 als »möglicherweise krebserregend« eingestuft. Die US-Umweltschutzbehörde EPA fand 2007 keine Verbindung zwischen 2,4-D-Nutzung und Krebs bei Menschen. Ein wissenschaftliches Panel kam 1995 zu keiner einheitlichen Meinung: möglich, ja - aber wahrscheinlich?

In Enlist Duo kommt 2,4-D als Cholin-Salz zum Einsatz, das nur sehr wenig flüchtig ist und so das Verdriften in der Luft begrenzt.

Ein weiterer Bestandteil von Enlist Duo ist Glyphosat. Es findet sich heute in mehr als 750 Pflanzenschutzmitteln, darunter als Wirkstoff in Monsantos »Roundup«. 2015 hatte die IARC ihre Risikoeinschätzung für Glyphosat als »wahrscheinlich krebserregend für Menschen« neu bewertet - ein Schock, denn Glyphosat ist als populärster Unkrautvernichter aus der intensiven Landwirtschaft kaum noch wegzudenken - allein 2014 kamen 814 000 Tonnen auf die Nutzflächen der Welt. Es galt als eins der sichersten Herbizide überhaupt. Für Monsanto stellt sich die IARC-Einschätzung als Ergebnis von »Müll-Wissenschaft« dar. Vertreter der UNO-Landwirtschaftsorganisation FAO, der WHO, der EPA sowie eine von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA geladene Gruppe von Pestizidexperten kamen jeweils zum Schluss, dass Glyphosat wahrscheinlich nicht krebserregend sei. In Europa tobt unterdessen eine politische Schlacht um die Frage, ob die Substanz auch künftig verwendet werden sollte. Die EU-Kommission hat die auslaufende Genehmigung im Juni 2016 zunächst bis Ende 2017 verlängert.

Enlist Duo wurde von der EPA im Oktober 2014 als Herbizid zunächst für sechs Bundesstaaten zugelassen, für die Anwendung an genetisch speziell dafür angepasstem Mais und Soja. 2015 kamen neun weitere Bundesstaaten hinzu. Die EPA beantragte auf Druck von Umweltschutzgruppen wenig später ein Aussetzen der Genehmigung, da der Hersteller, Dow AgroSciences, Daten zu sich gegenseitig verstärkenden Effekten der beiden Bestandteile in ihrer Giftwirkung zurückgehalten habe. Im Januar 2016 wies dann ein Bundesberufungsgericht das Ansinnen der Umweltbehörde ab.

Die EPA begutachtete die von Dow nachgereichten Daten und fand keine Synergien in Form gesteigerter Toxizität gegenüber Pflanzen. Deshalb böte die Mischung auch keinen Grund zur Besorgnis. Im November 2016 hat die EPA die Verwendung des Herbizids in zunächst 15 US-Bundesstaaten genehmigt.

Umweltgruppen, die bereits 2015 die EPA-Genehmigung von Enlist Duo mit einer Klage bedacht hatten, sind entsetzt. Die Entscheidung wird einen starken Anstieg des 2,4-D-Austrags in die Umwelt zur Folge haben. Das Landwirtschaftsministerium der Vereinigten Staaten hält bis 2020 eine Verdreifachung der aktuellen Menge für möglich. Entgegen der oft geäußerten Meinung, dass genetisch modifizierte Nutzpflanzen die Menge nötiger Herbizide verringern würden, hat die fortschreitende Resistenz von Unkräutern gegenüber Glyphosat genau das Gegenteil bewirkt. Es wird wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis auch Enlist Duo nicht mehr ausreichen wird, um der Unkräuter Herr zu werden.

Trotz der noch vor einem Jahr von der EPA befürchteten Risiken ist das von Dow AgroSciences hergestellte Herbizid nun in mehr als doppelt so vielen US-Bundesstaaten zugelassen. Kommt - wie von der Zulassungsbehörde erwogen - noch der Einsatz bei ebenfalls genetisch manipulierten Baumwollpflanzen dazu, weitet sich das potenzielle Anwendungsgebiet auf 34 Bundesstaaten aus. Für Umweltschützer ist das die Kapitulation vor der Agrarchemie-Industrie.

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