Brecht, ihr alten Schranken!

Zum Tode der weltberühmten Schauspielerin und Sängerin Gisela May

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Sie trug gern Krawatte, über weißer Bluse. Die Krawatte gab der Dame etwas Herrisches, der Frau etwas Entschiedenes, der ganzen Person einen provokativen Zug ins Grenzüberschreitende - immer schon war das angeblich schwache Geschlecht in den Liedern, in den Rollen dieser Sängerin und Schauspielerin gut aufgehoben: Es war heftige, raffinierte, sanft listige oder melancholisch gebrochene Emanzipationslust. Das Hochgeschlossene als Raffinement des Selbstbewusstseins. Die Frau Direktor ist stets auch eine Frau Zirkusdirektor gewesen: Hoppla, jetzt komm› ich! »Nimm doch die Pfeife aus dem Maul, du Hund!« Wenn Gisela May das sang, richtete sie ihre ordinäre Heiterkeit gegen alle Hierarchie und jeden Dünkel. Genuss am Rebellentum der gewieften Weiber, auch der rauchgeschwängerten Arbeiterinnen des Rotlichts.

Das Berliner Ensemble - es war von 1962 an auch die Bühne der May. War ihr Lebens-Werk. War der Ort, mit dem sich ihr Leben sozusagen höchst einverstanden erklärte. Bis 1992. Bis sie entlassen wurde vom fünfköpfigen Direktorium der westdeutschen Neuzeit. Rentnerin. Was auch hieß: Sie passte nicht mehr hierher. Denn in einer entscheidenden Beziehung war sie jung geblieben, vielleicht sogar unbelehrbar, und war also aus diesem Grunde ungewollt. Jung geblieben war sie nämlich in der Überzeugung, dass Theater ins Helle zielen müsse, in die Aufklärung, in die Klarheit, in die unbestechliche Empfindlichkeit für gesellschaftsgemachte Barbarei und sozialistische Lösungen. In dem Punkt ist sie nie von Brecht losgekommen, und hinweggekommen ist sie wohl lange nicht über die Enttäuschung, dass aus einem Ensemble quasi über Nacht nur viele einzelne Kostenfaktoren wurden. Anmut sparet, nicht noch Mühe? Gespart wurde jetzt an denen, die sich weltberühmte Mühe mit Brechts Ideen gegeben hatten. Sie hat den Rauswurf, einen geistigen Unakt, nie verwunden.

»Es ist lächerlich«, hat Martin Walser einmal geschrieben, »wenn heute irgend einer, der auf dem Bizeps hiesiger bürgerlicher Herrschaft sein hübsches Nest hat, jenem Brecht einen Parteidienst vorwirft. Jeder kann nachlesen, was für eine radikaldemokratische Vorstellung er von der Partei hatte. Hundertfach sind seine Dialektik-Verherrlichungen, und sie heißen einfach: Sprechen darf nur, wer hört. Lehren darf nur, wer lernt.« Sprechen, lehren - und singen. Die May, Brecht singend: »Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne/ Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt./ Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne,/ Es wechseln die Zeiten, da hilft kein‹ Gewalt.«

»Es wechseln die Zeiten«, so heißt das Erinnerungsbuch der May (Militzke-Verlag), und die Zeiten wechseln manchmal schnell. Jenes Direktorium der Kündiger, die am BE keine Verkündigungen des epischen Theaters mehr wollten - es ist längst Berliner Kulturpolitik-Geschichte, und Berliner Kulturpolitik ist bekanntlich gern eine vergessenswerte Geschichte. Die May aber wurde immer gehört. Man hat sie weltweit hören mögen, wenn man wissen, empfinden wollte, wie das ist mit Brecht und der Sinnlichkeit, mit der Sinnlichkeit des einleuchtenden Gedankens. Brecht, ihr alten Schranken! Brecht nieder!

Nach Helene Weigels Tod war Gisela May die Mutter Courage am Berliner Ensemble, in einer Inszenierung von Peter Kupke, später noch einmal bei Manfred Wekwerth. An diesem Hause war sie die Peachum in der »Dreigroschenoper«, Shaws Frau Warren und die Kelch-Wirtin Kopecka in Brechts »Schwejk«. Sie hatte vorher am Deutschen Theater des Wolfgang Langhoff mit Keller und Kaiser, Wessely und Grosse, Busch und Heinz, Düren und Kleinau, Reichel und Solter, Bienert und Christian gespielt - ach, es hat wenig Sinn, jetzt aufzuzählen. Sie ist weit herumgekommen in der Weltdramatik. Und in der Welt. Ein Star, singend, was sonst. Mit Brecht und Hacks, mit Kästner und Tucholsky. Mit Eisler und Weill, Hosalla und Dessau. Und mit ihren langjährigen Pianisten Henry Krtschil, Manfred Schmitz.

Überall hin fuhr sie als DDR-Künstlerin, aber die »Süddeutsche Zeitung«, zum Beispiel, sprach 1974 von der »besten Diseuse Deutschlands«. Es gab also einen positiven Alleinvertretungsanspruch. Von solcher Zuneigung wollten nach 1990 nicht mehr alle gewusst haben. Die May erfuhr somit auf unterschiedliche Weise, was in wechselnden Zeiten Charakter ausmacht. Der kommt nicht aus dem Osten, der kommt nicht aus dem Westen, er kommt immer von dort, wo es Maßstäbe gibt - und haben sich die Maßstäbe einmal festgekrallt an der Wegstrecke zwischen Herz und Hirn, darf man ihnen nicht mit politischer Konjunktur kommen. Darüber gehen die Maßstäbe hinweg - als wäre da nichts. Wahrscheinlich war diese Künstlerin auch ein Beweis dafür, dass einen Menschen die weltverändernde Hoffnung im richtigen Moment erwischen muss, dann (nur dann?) hält diese Zuversicht fürs gesamte Leben.

Gisela May wurde 1924 in Wetzlar geboren, als Tochter des Schriftstellers und Dramaturgen Ferdinand und der Schauspielerin Käte May. Die Mutter war Schulratstochter und KPD-Mitglied. Giselas Bruder fiel in Hitlers Krieg, ihr erster Klavierlehrer wurde von den Nazis in Plötzensee enthauptet. Wer das wusste und die Lieder der May hörte - der hörte diese Vergangenheit immer mit. Und er hört noch immer, bis heute, alles wie eine bohrende, angstvolle Frage an die Zukunft.

In ihren besten Gestaltungen (als Sängerin ist sie stets Schauspielerin geblieben) schaffte die May eine prägende Balance zwischen Expressivität und Sparsamkeit. Das leidenschaftliche Aufgehen in einer Arbeit bestand aus diszipliniertem »Untergehen« im körperlichen Denken. Auf das Sentimentale fiel sie nie herein, dazu arbeitete sie zu genau. Aber ihre Exaktheit, die bis ins Besessene hineinreichte, wirkte doch immer leicht. Ob sie Brecht oder Brel sang. In diesem Lebens-Werk gab es stets einen Luftzug Frivolität oder Unbekümmertheit, der aller Vernunft den Rock hob, ihr Tanzbeine machte.

Es war vor sehr langer, fast schon unwirklicher Zeit. Es war in der DDR. Bei einem der alljährlichen »Brecht-Dialoge« in Berlin versammelten sich zum Abschluss die internationalen Gäste noch einmal auf der Bühne des Berliner Ensembles - zu kurzen Dankreden. Mit dabei damals: der Theaterregisseur George Tabori. Er sagte nichts, er schwieg und schwieg - schon wurde die Prinzipalin des Brecht-Betriebes, Helene Weigel, nervös. Dann weinte Tabori einfach nur und war über sich selbst überrascht. Er sprach dann doch - vom BE als vom »besten Theater«, das er je gesehen habe.

Der Weltbürger Tabori weinte auf einer DDR-Bühne. Nicht wegen der DDR, aber doch wegen der Dinge, die auf einer DDR-Bühne stattfanden. So ohne Weiteres lässt sich das Eine ja wohl doch nicht vom Anderen trennen. Das sagt sich so leicht, heutzutage, da DDR-Zustände nicht gerade als gute Basis für kraftvolle Kunst gelten. Zwischenzeitlich. Übergangszeitlich. Alles, was Qualität hatte, wird rehabilitiert. Nehmen wir nur die gute alte Langspielplatte. Sie ist wieder da. Also ist auch die gute alte May-Platte wieder da? Sie war nie weg,

Nun ist die weltberühmte Gisela May im Alter von 92 Jahren in Berlin gestorben.

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