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Die Frau im Schatten

München: Petrenko und Kupfer begeistern mit Schostakowitschs mörderischem Meisterwerk »Lady Macbeth von Mzensk«

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Für die jüngste Schostakowitsch-Premiere hat der Münchner Staatsopernintendant Nikolaus Bachler einen der Stars (noch) in den eigenen Reihen. Für den Russen Kirill Petrenko hat diese Musik nicht nur die Aura des muttersprachlichen Idioms. Schostakowitschs Meisterwerk ist ihm auch schon lange vertraut. Damit gab er vor 17 Jahren sein Debüt als Chefdirigent in Meiningen. Da heizte er vom Graben aus einer Inszenierung von Christine Mielitz ein. Mit dem darauf folgenden gemeinsamen Ring startete er zu seiner Weltkarriere durch.

Für Petrenko und das Bayerische Staatsorchester ist diese Neuproduktion denn auch ein weiterer unbestrittener Erfolg. Grandios, wie er mit den orchestralen Zwischenspielen auftrumpft, es in der Liebesnacht krachen lässt, aber auch die dunkle Lyrik vor allem von Katerinas Abschied zelebriert. Es ist ein vitaler und kraftvoller Schostakowitsch, ein hin- und mitreißendes Plädoyer für ein Meisterwerk, das seine Legitimation nicht nur aus der historischen Verbannung bezieht, in die Stalin es zwei Jahre nach der Uraufführung von 1934 (mit Prawda-Donnerwort »Chaos statt Musik«) schickte, sondern längst aus sich selbst heraus und seiner Vitalität.

Ein anderer Star ist Regisseur Harry Kupfer. Auch der mit seinen mittlerweile 81 Jahren immer noch höchst rührige Regie-Altmeister ist der Lady Macbeth schon einmal begegnet. 1988 in Köln. Vor der Wende dominierte er nicht nur die (Ost-)Berliner Opernszene, sondern war auch ein West-Export-Schlager der DDR-Kulturpolitik. Ein Protagonist einer sich in parallelen Welten entwickelnden Opernkultur. Dass deren östlicher Teil die westliche Konkurrenz nicht zu fürchten brauchte, das belegte gerade Harry Kupfer damals immer wieder. Dass der Chor der Komischen Oper Personenregie sozusagen in seinen Genen hat, ist auch Kupfer zu verdanken.

Gerade weil das so ist, machen läppische Rückzüge auf Tableau-Arrangements wie bei seiner ärgerlichen, fünften Fidelio-Auflage im Schillertheater oder jetzt auch in München eher traurig als wütend. Unter ein bestimmtes Mindestniveau sinkt das natürlich nie. Aber unter das von Kupfer, und das ärgert dann doch. Vielleicht sollte er sich auferlegen, nur noch Erstinszenierungen zu machen.

Das Bühnenbild von Hans Schavernoch kommt daher, als wäre es ein abgebrannter Rest von irgendwas. In diese ausgestellte Post-Ästhetik wogt ein propperes Proletarier-Personal hinein und hinaus. Das passt genauso wenig zusammen wie Katarinas gutbürgerliche Kleidung (oder gar die Kaiserzeithüte der Hochzeitsgäste) mit der löchrigen, verrußten Containerabsteige, in der ihre Matratze auf ein paar Paletten liegt und die ausgerechnet der schäbigste Suffkopp nach oben schweben oder herunterfahren lassen kann.

Dass die Polizeistation unter der Hochzeitstafel liegt und aus der Versenkung nach oben fährt, während der Hochzeitsgesellschaft jede Bewegung einfriert, ist zwar ein ganz hübscher Effekt. Mehr aber auch nicht. Und für Chorabgänge, bei denen die rechts Stehenden nach links (und umgekehrt) von der Bühne rennen, damit Bewegung entsteht, braucht man keine Regielegenden. So geht es brav und ohne dass wirklich Spannung aufkommt, Mord für Mord auf den Sprung ins Wasser zu, mit dem Katerina ihre Konkurrentin um die Liebe des abtrünnigen Sergej und sich selbst umbringt. Bei Schavernoch ist der See mit den lockenden schwarzen Wellen gleich ein ganzes Meer mit grau dräuenden Wolken. Das von Kupfer angekündigte Aufbegehren der Frau gegen männliche Unterdrückung mit verbrecherischen Mitteln, ahnt man. Wirklich unter die Haut geht das, was man sieht, aber nicht.

Immerhin geht die Sache nicht nur musikalisch, sondern auch vokal dennoch auf. Anja Kampe ist eine fabelhafte Katerina, die sich in die Rolle einfühlt und besonders im letzten Akt die Verzweiflung der Verlassenen glaubhaft macht. Als Schwiegervater Boris bietet Anatoli Kotscherga alle Boshaftigkeit auf, die er noch hat. Misha Didyk ist ein eloquent sicherer Sergej. Alle übrigen Rollen sind auf dem im München üblichen Niveau besetzt. Das Publikum war am Ende mit allem zufrieden.

Nächste Vorstellungen: 8., 11., 22. Dezember

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