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Drei Tote, Vorhang, Ende

Jürgen Flimm inszenierte Giacomo Puccinis »Manon Lescaut« an der Staatsoper im Berliner Schillertheater

  • Von Irene Constantin
  • Lesedauer: 3 Min.

Irgendwie spielte die Geschichte der Manon Lescaut und ihres naiven Liebhabers Des Grieux nicht in Nordfrankreich und im Paris des frühen 18. Jahrhunderts, sondern neben, bei, in einem Filmset der 1920er/30er Jahre, wohl im Umkreis von Hollywood. Sie ging auch nicht in einer wasserlosen Prärie zu Ende, sondern in einem verlassenen Filmstudio. Manon, Des Grieux und Manons zwielichtiger Bruder Lescaut verdursten, weil der Getränkeautomat nicht mehr funktioniert. Ringsum allgemeines Desaster wegen Börsencrash am Schwarzen Donnerstag 1929. Jedenfalls suggerieren das historische Filmbilder, die während des Zwischenspiels zwischen dem dritten und dem vierten Akt das Publikum über den Stand der Dinge informieren.

Was auch dringend notwendig war, denn während der Akte eins bis drei hatte man den Überblick fast vollständig verloren. Es fing schon so eigentümlich an. Auf drei Vierteln der Bühne war unter dem Label »Sunset Motion Pictures« ein Filmset aufgebaut, auf dem sich nichts ereignete. Links am Rand und irgendwo in den Tiefen der Bühne spielte die eigentliche »Manon«-Handlung. Der bestens disponierte Chor, verkleidet als skurril gewandete Film-Statisten - auch ein Hase und ein russischer Anarchist waren dabei - wartete librettogemäß auf die Kutsche aus Arras. Deren Hauptinsassen, die bildschöne junge Manon, ihr edelkrimineller Bruder und ein wohlhabender älterer Bürger tauchten dann tatsächlich auf, und Des Grieux, tenoral begabter arbeitsloser Statist oder Edeltenor beim Film, das blieb unklar, verliebte sich in sie. Im zweiten Akt genießt Manon, immer noch im Nebengelass der Filmszenerie, den Luxus beim Herrn Steuereintreiber, langweilt sich aber und brennt zu Des Grieux durch. Herr Geronte lässt sie verhaften und im dritten Akt landet sie wundersamerweise (bzw. weil es im Libretto so steht) im Hafen von Le Havre. Manon wird nach Amerika verschifft (wo sie ja eigentlich - siehe »Motion Pictures« - schon ist). Des Grieux begleitet sie freiwillig. Dann folgt, mit allerlyrischstem Duett versüßt, der tragische Liebestod, von Bruder Lescaut bis zum letzten Atemzug mit der Handkamera gefilmt. Drei Tote, Vorhang, Ende, flauer Beifall.

Das Spannendste an diesem Abend der ambitionierten Langeweile waren Einblendungen mit film-ikonografischen Kuss- und Sterbeszenen. Ich erkannte: Iwan der Schreckliche küsst seine tote Zarewna, Anthony Quinn legt sich als Quasimodo neben Gina Lollobrigida zum Sterben nieder, auch Belmondo und Bonny and Clyde kamen vor. Neben diesem Filmquiz half nur noch die Erinnerung an den Abend zuvor, die Augen offen zu halten. Komische Oper, »Cleopatra«, Dagmar Manzel nebst Katze Ingeborg berlinerten mir noch ergötzlich in den Ohren.

Apropos Ohren: Anna Nechaeva, eine gertenschlanke, zierliche und bildhübsche Person, hätte eine ganz bezaubernde Manon sein können. Sie klang hell, leicht, ausgeglichen und vor allem rollengemäß jung. Manon ist 18, im Grunde ein Provinzmäuschen. Riccardo Massi, Des Grieux, war darstellerisch doch eher Tenor als leidenschaftlich liebeskranker armer Student. Dennoch gut anhörbar, Puccini-gerecht weichgespült, schöne vokale Linien. Auch Roman Trekel passte in energischer Stimme und schein-eleganter Erscheinung perfekt auf die Rolle des Trickbetrügers und letztendlich Zuhälters seiner Schwester. Und er wusste auch, was er spielt.

Mikhail Tatarnikov am Pult der Staatskapelle hat sich offensichtlich in den Wohllaut dieses Orchesters derart verliebt, dass er gar nicht genug davon zu hören bekommen konnte. Dies war ihm nachzufühlen. Die Sänger mussten allerdings ordentlich Stoff geben, um nicht in Puccinis klangsattem Frühwerk unterzugehen. Weder Regisseur Jürgen Flimm noch der Komponist hatten mit dieser »Manon Lescaut« ihren besten Tag.

Nächste Vorstellung am 8. Dezember

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