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Ein brodelnder Kessel

Barrie Kosky inszenierte »Die Perlen der Cleopatra« von Oscar Straus in der Komischen Oper Berlin

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Opulent wie die exotischen Reste einer immer wölfischer werdenden Welt ist, was die Komische Oper hier zum Besten gibt: »Die Perlen der Cleopatra« von Oscar Straus. Premiere vor vollem Haus, gepriesen als »weitere Operette aus den ›wilden Zwanzigern‹«. Fulminant der Beginn. Junge Dame, funkelnde Klamotten am Leib, bläst im Rang die Fanfare und kräht ins Publikum: »Showtime«. Musik aus allen Ecken. Der Saal erbebt. Chorgruppen jubilieren, als sängen sie auf Balkonen im Venedig der Fastnachtzeit. Zuunterst tippeln Ballettjungs und Balletteusen mit süßen Wimpern und schlohweißen Zahnreihen. Heda, sie werfen papierne Blütenblätter auf die Häupter der Leute. Dahinter schäumend vor Elan das Orchester unter Adam Benzwi, der sich mächtig ins Zeug legt.

Bunt und knallig lässt Kosky diese Operette anheben. Wieder mal hat er in die Mottenkiste gegriffen und - diesmal Glück gehabt. Das Stück von Oscar Straus - Kosky kramte schon dessen »Frau, die weiß, was sie will« hervor - ist freilich nicht viel besser als das, was seinerzeit dem Publikum der Weimarer Republik anempfohlen wurde, damit es nicht murrt: billige Geschichte, Romanzen und Ranküne im oberen Milieu, Slapstick-, Fox-, Shimmy-Einlagen, rassige Tänze, Blödeleien aller Art, Grell-Jazziges aus Übersee, »gute Laune« insgesamt. Aber, ehrlich, »Die Perlen der Cleopatra«, die haben wirklich Witz, wenn auch keinen blutigen. Kosky mit seinem Kollektiv hat das Stück in moderner Fassung einfach blendend hingesetzt.

Zu den »wilden Zwanzigern« und Straus nur soviel: Das zweiaktige Stück entstand 1923, fünf Jahre nach Weltkriegsende. Blüte der Operette? Arbeiteraufstände schüttelten das Reich. Erstmals erklang Musik aus dem Radio. Alle neuen Medien (Film, Schallplatte, Revue) waren geeignet, von den Alltagssorgen abzulenken. Unterhaltung, Zerstreuung mobilisierten nicht, sie gaben der erschöpften Kreatur den Rest. Hier hinein springt die neue Operette, jene schon vorher entwickelte Kunstform, in der die Sektkorken knallen und leicht geschürzte Gesänge und Tänze die Sinne befeuern, ein Genre, das jedermann Gefälliges bot und den Komplex sozialer Not vergessen ließ.

Wie geht es trotzdem, der Operette Brauchbares abzugewinnen? Einzig durch Parodie, Satire, durch die Farce. Die Farce kommt nicht nach der Tragödie, sondern überfällt die falschen Töne der Komödie. Die peinlich lachende Operette verdient es, verlacht zu werden. Es gehört sich, ihre Unarten maximal aufzuspießen. Viel Mut ist nicht nötig, ihre kitschigsten Melodeien umzuwidmen und dem Dampf der Hexerei, des Tempos, der Dynamik auszusetzen.

Das geschieht hier. Diese »Perlen der Cleopatra« sind wahrhaft ein brodelnder Dampfkessel. Eine leidenschaftlich agierende Truppe sorgt für Tempo und Witz, voran Dagmar Manzel als Cleopatra (Cleo). Welch begnadetes Weib. Unübertrefflich, wie sie spielt. Als Cleo will sie Liebe geben und empfangen, aber sie vermag es nicht. Vor lauter Schreck weiß sie im ersten Akt nicht, ob sie Beladonis, den Prinzen mit der Liebesflöte (Johannes Dunz), empfangen oder ihrem Minister Pampylos (Dominique Horwitz) befehlen soll, ihm eine aufs Maul zu hauen. In dieser Rolle kann die Manzel ihre Künste komplett ausleben: ganz tief und ganz hoch singen, als beherrschte sie die Stimmlagen beiderlei Geschlechts. Dass ihre Katze »Inge« mitspielt, die Handpuppe, ihr gehört ihre tiefere Stimmlage, ist nicht nur glänzender Einfall, er bringt die satirische Anlage der Produktion auf den Punkt. »Inge« schnappt und beißt und schimpft, treten Höflinge oder Liebhaber der Herrin zu nahe. Den intriganten Pampylos behandelt sie wie den letzten Schuhputzer, und sie streichelt ihn zugleich, weil sie seine Dienste braucht. Beflissen in der Rolle.

Anders der heldische Silvius (Dominik Köninger), Militär und Blondschopf, dem die Pose gefällt, seine langen Haare dauernd zurückzuwerfen. Er gehört zur Spezies der unterdrückten Liebhaber, denen bei Cleo nichts gelingt, außer ihren trügerischen Gefühlen aufzusitzen. Dabei liebt Silvius die schöne Hofdame Charmian (Talya Lieberman) und sie ihn, junges Ding, es singt leidenschaftlich und bläst die Trompete. Die beiden finden einander wieder. Köstlich die verbogenen, desaströsen Bettszenen vor monumentaler Kulisse mit Cleo und Silvius, oder wenn Cleopatra im Nachthemd telefoniert, von einem Jargon in den anderen fällt und irgendwann vor Aufregung nach einer Flasche Doppelkorn ruft. Gegen solche launigen Szenen sind kraftvolle Chöre und virtuose Tänze gesetzt.

Cleopatra regiert unförmig, irgendwie krumm, verfehlt, was sie will oder wollen soll. Sie flüchtet sich in Kleinkram, obwohl Krieg in Verzug ist, Attacken auf ihre Person. Denn einzig um die geht es, nicht um Geostrategie. Egomanin ist dies entzückende Bühnenweibsbild, die Zuschauer lieben es auf Anhieb, sämtlichen Politikerweibern, die gegenwärtig rumrennen, turmhoch überlegen. Denn sie arbeitet gegen den Staatstakt, gegen die intriganten, verlogenen Liebediener um sie herum. Und die nicht mehr junge Frau ist versessen auf Schminke, Masken, Perücken, Toilette, Klamotten. Im ersten Akt thront sie vor einer großflächigen, kreisrunden Zierde aus weißen Federn und Blättern (Bühne und Kostüme: Rufus Didwiszus, Victoria Behr). Außerdem ist sie Sponti, also Radautyp. Muckt jemand, schnauft sie und befiehlt, die Meuterer in die Verliese der Pyramiden zu werfen oder ihre Köpfe abzuschlagen. Dann kommt auf Berlinisch: Haut ab, verfatz da, bist du blöd, nu hört ma uff, det fehlte ja noch, jetzt muss ick erst mal een saufen etc. Die Manzel kann das, sie ist Berlinerin. Urkomisch solche Parlandi.

Mühelos weiß Cleo umzuschalten auf Arie und Duett. Eins fügt sich rasch aufs Nächste. Abermals gehen donnernde Chöre (Choreinstudierung: David Cavelius) und rasante Tänze ab (Choreografie: Otto Pichler). Sogar aufmüpfige Volkschöre mit urwäldlerischem Schlagzeug sprengen ein, geht es um die Forderung, das Wasser des Nils solle endlich wieder steigen.

Gefühl ist für Cleo, kein echtes zu haben. Kaum erträglich schon, herrschen zu müssen und dabei langsam zu verblöden. Dergleichen macht sie sympathisch. Auch, dass sie sich aufs Niedlichste selbst bemitleidet. Rührend ihr Lied »Das Herz der Frau ist eine Laute«. Wenigstens versteht sie es in Bedrängnis durch Umstürzler (»Viva la Revolucion!«) und durch die Römer, den Oberkommandierenden des Römischen Heeres (Peter Renz) mit der Perle im Weinglas zu betören und die Gefahr abzuwenden. Zu guter Letzt streift sie ihre Perücke ab und outet sich vor dem Manne als »einfache Frau«. Unerhörte Einzel- und Ensembleleistung. Riesenbeifall.

Nächste Vorstellung am 7. Dezember

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