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Rien ne va plus

Julia Bihl über die Jugend, das Geld und ihr Stück »my money my«

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Wie ist die Idee entstanden, das Thema Geld mit Jugendlichen zu bearbeiten?

Wir machen schon sehr lange Theater für Kinder und Jugendliche. Das begann bereits vor mehr als zehn Jahren beim Studium in Hildesheim. Uns erschien damals das jugendliche Publikum viel direkter und ehrlicher als der ganze Studentenkreis. Und dann sind wir dabei geblieben. Das Thema Geld lag uns als Ensemble schon länger am Herzen. Wir wollten es unbedingt mit und für Jugendliche machen, auch, weil wir annehmen, dass diese nachwachsende Generation vielleicht eine ganz andere Perspektive darauf hat.

Und, hat sie? Was hat sich bei der Recherche, den Proben und den Tryouts an Haltungen herauskristallisiert?

Das ist natürlich nur eine grobe Vereinfachung: Aber generell ist uns aufgefallen, dass für die Jugendlichen Sicherheit wichtiger ist. Familie hat einen sehr hohen Stellenwert. Sie wissen bzw. sie haben es wahrscheinlich über ihr Umfeld und ihr Elternhaus vermittelt bekommen, dass man für eine Familie auch Geld braucht. Wenn es dann um Vorstellungen von Berufen geht, orientieren sie sich weniger danach, welcher Beruf ihnen mehr Freude bereiten würde, sondern nach den Verdienstchancen.

Ein Gegenentwurf also zum freien darstellenden Künstler?

Ja, wir sind wirklich mit anderen Perspektiven als den unseren konfrontiert. Das hat uns auch auf eigene Vorurteile aufmerksam gemacht.

Wie sind Sie überhaupt mit dem komplexen Beziehungsgefüge von Vorurteilen, Wissen und Halbwissen im Kontext mit Geld umgegangen - und mit der Gefahr, dass sich schnell Distanzen zwischen Experten und Laien herauskristallisieren?

Wir haben lange überlegt, welches Format wir wählen. Es soll ja nicht diesen furchtbar belehrenden Charakter haben. Wir hatten an ein Musical gedacht oder an eine Horror-Grusel-Show - irgendetwas, das der Gefahr der Moralisierung entgegenwirkt. Dann haben wir uns für eine stark interaktive Form entschieden.

Was bedeutet das genau?

Das Spiel orientiert sich an einem Casino-Besuch. Wir haben einen Spieltisch wie beim Roulette, auf den wir bestimmte Spiele projizieren. Sechs Spieler, Jugendliche aus dem Publikum, können daran teilnehmen. Der Kreis der Zuschauer ist ebenfalls begrenzt, auf 30 bis 36, so dass eine vertraute Atmosphäre entsteht. In dem Spiel geht es auch um etwas. Die sechs am Tisch spielen um das Eintrittsgeld des Abends. Das ist keine Riesensumme, aber es ist konkret, und für die Jugendlichen stellt es einen durchaus relevanten Betrag dar.

Worum geht es in den Spielen selbst?

Es gibt bestimmte Themen, wie Freizeit zum Beispiel, und dann wird gefragt, wer sein Geld, das ja in Spielchips vor ihm liegt, für welche Dinge ausgeben würde.

Was ist Ihnen bei diesen Erzählungen in der Recherchephase und während der Tryouts als interessant aufgefallen?

Es wurde deutlich, dass viele sich zuvor noch gar nicht intensiv mit Geld auseinandergesetzt haben. Natürlich kommt es im Alltag vor, aber es wird nicht in dieser Form infrage gestellt. Eine Mitspielerin erzählte etwa, dass über Geld in ihrem Elternhaus gar nicht gesprochen werde, weil es eben immer an Geld fehlt. Und darüber redet man dann nicht. Ein anderer erzählte, dass das Geld, das nicht für das Allernotwendigste gebraucht wurde, von seiner Mutter zum Kauf neuer Schuhe benutzt wurde. Sie hatten nicht viel, aber neue Schuhe mussten es sein. Und als er sein ersten eigenes Geld hatte, kaufte er sich auch gleich neue Schuhe.

Weil er es so von der Mutter gesehen hatte?

Offensichtlich. Eine dritte Mitspielerin wiederum wurde sich beim Erzählen erst bewusst darüber, dass Geld für sie deshalb keine Rolle spielt, weil ihre Eltern ihr ohnehin jeden Wunsch erfüllen. Sie braucht nur zu sagen, was sie gern möchte, und schon hat sie es. Im Kontext mit den anderen ist ihr erst die Situation, die für sie normal ist, als eine besondere klargeworden. Und sie hat dann, ohne dass wir es provoziert haben, das Gefühl bekommen, jetzt auch etwas abgeben zu müssen. Für ein Spiel, das wir im Rahmen einer Projektwoche im öffentlichen Raum inszeniert haben, hat sie dann die Süßigkeiten gekauft, die dort eingesetzt wurden.

Das klingt fast so, als hätte das Spiel den Jugendlichen im Umgang mit Geld die Unschuld geraubt. War das so?

Das ist eine interessante Frage. Ich glaube, es ist vor allem ein Bewusstsein dafür entstanden, dass es nicht normal ist, Geld zu haben und, dass die Rahmenbedingungen für Einzelne ganz unterschiedlich sein können. Für andere war es, glaube ich, auch erleichternd, einmal auszusprechen, warum man sonst nicht über Geld redet. Armut ist ja eine Last. Gleichzeitig muss man damit sehr vorsichtig umgehen, damit sich der Einzelne mit solchen privaten Äußerungen nicht bloßgestellt fühlt. Wir schaffen im Spiel solche Situationen, in denen die, die sich offen äußern, geschützt bleiben. Wie überhaupt das Austarieren davon, wie viel Raum den einzelnen Geschichten bleibt und wie schnell das das Spiel weiter geht, sehr wichtig ist. Obwohl wir auch früher schon mit interaktiven Elementen gearbeitet haben, ist dieses komplett interaktive Format doch eine Herausforderung.

Hat sich Ihr eigenes Verhältnis zu Geld im Rahmen dieser Arbeit gewandelt?

Früher habe ich zum Beispiel den Kopf geschüttelt über Menschen, die sich andauernd neue Schuhe kaufen. Jetzt weiß ich, was dahinter stecken kann. Und ich habe gemerkt, dass man eigene Ideale nicht einfach so zu allgemeinen Idealen erklären kann. Jemand, den die Armut niederdrückt, reagiert eher mit Unverständnis auf die Vorstellung vom Glück, das ein Spaziergang über eine schöne Wiese mit der Freundin bringen kann.

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