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Paradigmenwechsel fürs Klassenzimmer

Die AG Schulraumqualität berät heute, wie die Schulen von morgen aussehen sollen

  • Von Ellen Wesemüller
  • Lesedauer: 3 Min.

Als Sandra Scheeres am 23. September eine neue Arbeitsgemeinschaft ins Leben rief, war es fast zu spät: Neueste Schätzungen zur Bevölkerungsentwicklung hatten ergeben, dass Berlin bis 2025 zusätzlich 70 000 Schulplätze schaffen muss. Damit wurde dem Sanierungsstau und dem schon jetzt vorhandenen Platzmangel an Schulen eine weitere Problemlage hinzugefügt.

Mit der AG Schulraumqualität setzte die für diese Missstände stark kritisierte Bildungssenatorin auf Partizipation: Sie berief 35 Experten, unter ihnen Architekten, Lehrer, Schüler, Gewerkschafter und Wissenschaftler, »um über die städtebaulichen und pädagogischen Anforderungen der modernen Schulbauten nachzudenken«. Die Arbeitsgemeinschaft tagte in Untergruppen: zu pädagogischen Standards (Ganztag, Inklusion und moderne Pädagogik), Architektur und sozialräumliche Öffnung. Fast wöchentlich traten sie zusammen, ein Turnus, den Mitglieder der AG als »brutal« beschreiben. Mit zwei Ausflügen nach München und Hamburg ließen sich die Experten von dortigen Konzepten inspirieren. Am heutigen Mittwoch wollen die Gruppen ihre Ergebnisse vorstellen, dann wird noch einmal diskutiert. Am 17. Januar 2017 werden die Ergebnisse dann der Öffentlichkeit vorgestellt.

Rainer Schweppe, ehemaliger Stadtschulrat aus München, wurde als externer Berater berufen. Er hatte sich mit sogenannten Lernhäusern einen Namen gemacht, die große Schulen in kleine Einheiten aufteilen. Schweppe berichtet, dass in Berlin besonders der Austausch zwischen Pädagogen und Architekten Früchte trage: »Da findet der größte Paradigmenwechsel statt.« Es werde Abstand genommen von der »Flurschule«, einer Schularchitektur, die einen schmalen Flur vorsieht, von dem die Räume links und rechts abgehen. Schweppes Konzept ist auch in den Koalitionsvertrag übernommen worden, was er als »großes Kompliment« ansieht. Dort heißt es: »Angestrebt werden Bautypen, die die klassische ›Flurschule‹ durch sogenannte Cluster-Bauweise ablösen und die Einrichtung von sogenannten Lernhäusern ermöglichen.« Cluster bedeutet: Der Flur wird zur gemeinsam genutzten Fläche, darum gruppieren sich Räume für andere Lerneinheiten. Eine kleine Schule in der großen.

Auch wenn es einige Streitpunkte gibt, aus Kreisen der AG geht es dabei auch um die Finanzierung, loben sie auch das Miteinander. Schweppe sagt: »Durch das ständige Kommunizieren sind die Konfliktpotenziale kleiner geworden. Man tauscht sich nicht schriftlich aus, man redet miteinander.« Er kenne zwar ähnliche Prozesse aus Herfurt und München, aber: »Berlin ist das einzige Bundesland, dass die Schulraumqualität so grundsätzlich angegangen ist.«

Auch Tom Erdmann, Vorsitzender der Erziehungsgewerkschaft GEW, ist angetan vom Miteinander: »Es ist positiv, dass es so einen Partizipationsprozess gibt.« Auch lobt er, dass das Musterraumprogramm umgeschrieben werden soll, um die Ganztagsschulen stärker in den Blick zu nehmen. Es reife die Einsicht, dass man dafür Geld in die Hand nehmen müsse.

Aus dem Umfeld der AG kam jedoch auch Kritik: So könne niemand beantworten, wo all die Schulen gebaut werden sollen. Außerdem sei die Arbeitsgemeinschaft zu spät gegründet worden. Eltern stellen zudem die Frage: Wie können wir auch die Bestandsgebäude modernen Anforderungen anpassen?

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