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Geboren in der UdSSR und heimatlos

Vor 25 Jahren wurde in der belarussischen Beloweschskaja Puschtscha die Sowjetunion für aufgelöst erklärt

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 6 Min.

»Mist«, schimpft Inna Kolesnitschenko. Wieder einmal streikt der Fahrstuhl. Sie wohnt im sechsten Stock eines Elfgeschossers nahe der Metrostation Kunzewskaja. Ohne »Sturmgepäck« wären die 108 Stufen - Frau Kolesnitschenko hatte schon mehrfach zum Zählen Gelegenheit - kein Problem. Heute sind sie es. Neben den eigenen 64 Kilo Gewicht muss sie zwei volle Taschen nach oben schleppen. Sie enthalten die Einkäufe für die Feier zu ihrem 60. Geburtstag. Seit 25 Jahren, sagt sie, habe sie an ihrem eigenen Ehrentag keine Freude mehr. Er fällt auf den 8. Dezember: den Tag, an dem Sowjetunion 1991 endgültig ihr Leben aushauchte. »Seither bin ich heimatlos«, sagt sie.

Sie sei ein typisches UdSSR-Produkt, sagt die Fachärztin für Orthopädie und Sportmedizin. In der Tat: Ihr Vater ist Armenier, die Mutter Russin. Beide lernten sich 1955 auf einer Großbaustelle des Kommunismus kennen: in Turkmenistan beim Ausschachten des Karakum-Kanals, der dem Aralsee in Usbekistan das Wasser stahl. Aufgewachsen ist sie in Belorussland, beim Studium in der dortigen Hauptstadt Minsk lernte sie ihren späteren Mann kennen: einen Ukrainer.

Das Ende der Sowjetunion erlebten beide in Moskau. »Es lag ja irgendwie in der Luft«, sagt Frau Doktor. »Als es dann soweit war, konnten wir es dennoch nicht fassen.« Ihr Ehemann habe sich fürchterlich aufgeregt und wollte anfangs sogar Verfassungsbeschwerde einlegen. Seit 1989 gab es ein Komitee, das die Einhaltung des Grundgesetzes überwachte. In der sowjetischen Verfassung gab es einen Passus, der den Austritt einzelner Republiken regelt. Aber von Auflösung des Unionsvertrags stand da nichts. »Nichts! Sie hatten nicht nur kein Mandat dafür, sondern ein völlig anderes«, sagt Inna Kolesnitschenko und meint das Referendum vom März 1991 - das erste und einzige, das in der Sowjetunion je stattfand. 78 Prozent der Stimmberechtigten sprachen sich dabei für den Erhalt der Sowjetunion aus.

Ihre Hymne besang den »unverbrüchlichen Bund« der Bruderrepubliken, »auf ewig zusammengeschweißt von der mächtigen Rus«. Dem ersten gemeinsamen Staat der Ostslawen: Russen, Weißrussen, Ukrainer. Ausgerechnet deren Staatschefs - Boris Jelzin, Stanislaw Schuschkewitsch und Leonid Krawtschuk - rissen den gemeinsamen Sakralbau 1000 Jahre später bis auf die Grundmauern ein. In tiefer Nacht und im Nebel der Wälder Belorusslands. Von dort bekam auch UdSSR-Präsident Michail Gorbatschow die Entlassungsurkunde zugestellt. Pro Forma und per Telefon.

Denn 13 der insgesamt 15 Unionsrepubliken hatten sich bereits für souverän erklärt. Treu zur Fahne hielten nur noch Kasachstan und Russland. Die Unterzeichnung eines neuen Unionsvertrags, der den Republiken mehr Rechte gibt, war im August an einem Putschversuch von Altstalinisten gescheitert, dann an Jelzin. So jedenfalls behauptet es Ruslan Chasbulatow, damals als Parlamentschef engster Vertrauter des russischen Präsidenten, diesem seit der Auflösung des Obersten Sowjets 1993 mit Panzerbeschuss jedoch in herzlicher Feindschaft zugetan. Jelzin, sagt Chasbulatow, habe seine junge Macht nicht erneut mir seinem alten Widersacher Gorbatschow teilen wollen. Das wäre in einer erneuerten Union unvermeidlich gewesen.

Ähnliche Beweggründe hätten auch die anderen »Aktiven« der Nacht- und Nebelaktion umgetrieben. Doch auch die Zuschauer - die Nichtgefragten - hätten schnell Geschmack an unumschränkter Macht und vor allem an deren Insignien gefunden: Präsidentenpalast, Präsidenten-Karosse, Präsidentenmaschine. Allein schon daran würden alle Reintegrationsversuche scheitern. Wer es dennoch versuche, sei hoffnungslos größenwahnsinnig oder ebenso hoffnungslos naiv.

Russlands Präsident Wladimir Putin sieht das offenbar ähnlich. Zwar erklärte er einst den Zerfall der Sowjetunion zur größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Der Kremlchef sagte aber auch, die von der UdSSR-Abriss-Kolonne entworfene Nachfolgegemeinschaft GUS sei kein Instrument zur Reintegration der einstigen Unionsrepubliken, sondern eines ihrer »zivilisierten Scheidung«.

Putins eigene Trennung von Ehefrau Ludmilla ist in Russland ein Tabu. Das Ehepaar, so die Standardfloskel von Kremlsprecher Dmitri Peskow, habe beim letzten gemeinsamen Fernsehauftritt im Sommer 2014 alles gesagt, was dazu zu sagen gewesen sei. Basta. Die Scheidung der Sowjetrepubliken ist auf dem besten Weg, ebenfalls ein Tabu zu werden. Dabei ist sonst kein Jahrestag zu banal, um nicht in olympischer Dimension gewürdigt zu werden - zwecks Herstellung historischer Kontinuität gilt das auch für umstrittene.

Den 25. Jahrestag des UdSSR-Endes indes erwähnte Putin in seiner Jahresbotschaft an das Parlament letzte Woche mit keiner Silbe. Wie schon der 25. Jahrestag des Augustputsches, der das faktische Ende der UdSSR einläutete, steht er weder im Terminkalender des Kremlchefs noch in dem von dessen Juniorpartner Dmitri Medwedew als Regierungschef. Für die Medien ein guter Grund, das Thema, anders als noch zum 20. Jahrestag, niedrig zu hängen oder ganz auszublenden.

Die Wissenschaft bleibt ebenfalls merkwürdig stumm. Kein runder Tisch, keine Podiumsdiskussion, kein Symposium. Einzige Ausnahme die Gorbatschow-Stiftung. Sie richtete Mitte Oktober die Konferenz »25 Jahre ohne UdSSR - moderne Wahrnehmung« aus. »25 Jahre ohne Gorbatschow« wäre treffender gewesen, hämte ein Berichterstatter. Die Diskussion habe sich über weite Strecken darum gedreht, was wohl gewesen wäre, wenn Gorbatschows neuer Unionsvertrag seine Wirkung hätte entfalten können. Es sei wie bei Facebook gewesen, wo man stets nur auf Friends trifft, auf Gleichgesinnte, die, statt gegenzuhalten, nur Lob nach allen Seiten austeilen. In der Hoffnung auf umfassende Würdigung eigener Verdienste durch die so Gelobten: fast ausnahmslos Männer der Generation 70 plus. Die heutige Sicht habe daher kaum eine Rolle gespielt Aber der Filterkaffee - in Russland nicht Standard - sei gut gewesen.

Schon die Aufarbeitung der jüngeren Geschichte ist problematisch in Russland. Die letzten Täter und Opfer der Stalinschen »Säuberungen« sind noch am Leben. Jeder mit seiner Sicht. Die Auseinandersetzung mit der jüngsten Geschichte ist noch problematischer. Zwei Drittel aller heute lebenden Russen haben das Ende der Sowjetunion 1991 miterlebt, mindestens die Hälfte bewusst. 56 Prozent bedauern bis heute den Zerfall der UdSSR. 31 Prozent vermissen das Gefühl, überall im postsowjetischen Raum zu Hause zu sein, 43 Prozent auch das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Großmacht. 28 Prozent bedauern den Zerfall nicht, 29 Prozent halten ihn für unvermeidlich. 23 Prozent machten dafür eine »Verschwörung ausländischer Mächte« verantwortlich, 14 Prozent die Hochrüstung, 13 Prozent den Kommunismus, dessen Potenzial erschöpft war.

So jedenfalls die Ergebnisse der jüngsten Umfrage des Lewada-Zentrums, derzeit Russlands einziges kritisches Meinungsforschungsinstitut. Nichts, so die Demoskopen, habe die russische Gesellschaft so tief gespalten wie der mit dem Ende der Sowjetmacht zwangsläufig einhergehende Systemwechsel.

Der Manchester-Kapitalismus, der als Folge einer verkorksten Privatisierung von Staatseigentum zum Markenzeichen wurde, sorgte dafür, dass sich 95 Prozent des Kapitals in den Händen von maximal fünf Prozent der Bevölkerung konzentrieren. Nicht nur in Russland, sondern auch in den anderen UdSSR-Spaltprodukten. An den krassen Einkommensunterschieden scheiterte meist auch die Suche nach nationalen Ideen als Dämpfer für den Phantomschmerz. Denn der Weg, den Russland nach Machtantritt Putins ging, scheidet für Moskaus Ex-Partner mangels Masse aus: Wiederaufstieg zur Weltmacht.

Vor allem der so genannte Krim-Konsens, bei dem sogar die Mehrheit der Liberalen mit im Boot ist, habe die Gräben nivelliert, glauben Soziologen. Dafür würde die Masse sogar billigend in Kauf nehmen, dass Russland der Sowjetunion auch innenpolitisch zunehmend ähnlicher werde. Liberalisierung rangiere weit unten auf der Werteskala. Das kollektive Gedächtnis assoziiere sie mit Chaos, der frühen Jelzin-Ära, inzwischen auch mit den Entwicklungen in der Ukraine und vor allem mit der Perestroika.

Politische Liberalisierung sei richtig gewesen, sagt Historiker Andrei Kolesnitschenko, der ukrainische Ehemann der Sportärztin, der einen russischen und einen ukrainischen Pass hat. Sie werde jedoch als destruktiv und nicht als konstruktiv wahrgenommen, weil die Zeit nicht reichte, Kompromissbereitschaft zu üben. Die Eigendynamik, die der Zerfall der Sowjetunion entwickelte, sei bereits zu groß gewesen. Das räche sich bis heute. Nicht nur das Ende der Union und die daraus resultierenden Konflikte - Karabach, Südossetien, Transnistrien - hätten viel mit Unfähigkeit zu Kompromissen zu tun. Auch die Verwerfungen in der Ostukraine.

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