... wenn man stark genug spielt

In Kooperation mit »nd«: Drei BE-Aufführungen als DVD-Box

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Wir nennen diese Lüge: gute alte Zeit. In der so vieles, was man erlebte, angeblich weit wesentlicher gelebt wurde. So war es? So scheint es nur. Doch mancher Schein leuchtet nach. Zum Beispiel Theater von einst. Wenn man manche alte Aufführungen sieht, wie jetzt bei dieser dritten in Partnerschaft mit »nd« herausgegebenen DVD-Box »Großes Berliner Theater«, so blitzt einerseits alle Vergänglichkeit des Komödiantentums auf, andererseits wird zum Geschenk, was eigentlich das Gegenteil von Lebendigkeit ist: die Konserve. Die filmische Aufzeichnung als Archäologin, die erheblich mehr freilegt als nur Reste. In diesem Falle: drei Brecht-Aufführungen des Berliner Ensembles: »Die Tage der Commune« aus den sechziger, »Herr Puntila und sein Knecht Matti« aus den siebziger und »Der kaukasische Kreidekreis« aus den achtziger Jahren.

Lange war das Brecht-Theater ein allseits bestaunter Modellfall moderner Bühnenpraxis. War Spiegel der DDR, war also Neuerung wie Denkmalschutz, war Experiment und zugleich Repräsentanz. »die verfluchte ordentlichkeit, vernünftigkeit im haus«, schreibt der Dichter Volker Braun im Werktagebuch 1978 - und meint damit einen gewissen Grad methodischer Erstarrung in Spätzeiten von Staat und Gesellschaft. »Die Tage der Commune« ist eine Inszenierung aus den klassischen Zeiten des BE, Regie: Manfred Wekwerth und Joachim Tenschert, die beiden Regisseure, die in der Geschichte dieser Bühne die prägendsten Köpfe wurden. Ein Panorama der historischen Pariser Ereignisse - kleine Hoffnung und große Idee, kleiner Frieden und großer Kampf leuchten als tragisches, komisches Feld der Widersprüche auf. Glanz-Gelegenheit für große Schauspieler der DDR: Gisela May, Wolf Kaiser, Raimund Schelcher, Martin Flörchinger, Angelica Domröse. Helles, klares Spiel. Noch einmal zu erleben: der wie die May in diesem Jahr verstorbene Hilmar Thate als junger singender Kommunarde Jean Cabet - zupackend kämpferisch und kerlkräftig charmant.

»Der kaukasische Kreidekreis«. Der Arme-Leute-Richter Azdak spricht ein Kind der reichen Gouverneurin nicht der kalten leiblichen Mutter, zu, sondern jener Magd Grusche, die es aus den Wirren des Krieges fortzog, es aufzog - und die es nun nicht fertigbringt, den Jungen aus dem Kreidekreis zu ziehen, an dessen anderem Ende die Gouverneurin zerrt. In der Inszenierung von Peter Kupke ist Franziska Troegner eine inständig lebenspraktische Grusche, die gegen alle andrängende Verzweiflung immer wieder jene Kraft aufwendet, die nötig ist, damit Existenz nicht stockt und stürzt. Bei Ekkehard Schall ist dieser Richter ein graziös lumpiger Schmutz-Solitär, der einen deshalb so aufrichtet, weil er sich keine Illusionen macht über die Chancen wahrer Gerechtigkeit auf dieser Welt. Die Verschlagenheit dieses Gossencowboys wirft sich auf zur großen Lust, die Verhältnisse zwischen Oben und Unten, Reich und Arm für einen einzigen, aber folgenreichen Augenblick umzukehren.

»Herr Puntila und sein Knecht Matti«. Mit jedem Aquavit, den er trinkt, ist der finnische Gutsherr auf besondere Weise fit: Er wird Mensch, wird im Reden gut und freundlich. Wieder nüchtern geworden, kehrt er freilich zurück in die dröge Realität eines knechtenden Landsitz-Chefs, verdammt zu profitabler Herzlosigkeit. Die Geschichte vom janusköpfigen Kapitalisten. Zentrum der tempodrängenden Komödie ist die Zusammengehörigkeit des ungleichen Paares Herr und Knecht. Hans-Peter Reinecke ist ein unlustiger, in seiner Bodenständigkeit gekerbter Matti, abgekühlt durch Erfahrung, eine Seele von praktischer Ledernheit. Die neue Sachlichkeit der Ausgebeuteten: Alles ist halt, wie es ist. Bis der starke Arm sagen wird: Halt! Und auch hier wieder: Ekkehard Schall!. Die Anmut des Trinkers macht diesen Puntila schwerelos. Noch im böse Nüchternen scheint Puntila auf die Liebe derer zu hoffen, die er nun wieder quält. Und so wird keine grausame, sondern letztlich eine traurige Komödie geboten. Kupke erzählt uns, dass man ausbeuterisch begründeten Verirrungen der Welt auf den Flügeln des Theaters (vielleicht) entkommen kann. Wenn man stark genug trinkt. Wenn man stark genug spielt.

So ist diese DVD-Box vor allem ein Porträt des Schall-Spiels (in einer kleinen Rolle, als Parlamentarier Rigault, ist der Darsteller auch in den »Tagen der Commune« zu sehen). Sein Spiel kommt nicht aus dem Bauch, es versinkt nicht im Intuitiven, es steigt uns Zuschauern willentlich zu Kopf. Steigt zu Hirn. Schauspiel als Denk-Sport. Puntila und Azdak offenbaren ihn als Arbeiter der rumorenden, der so kräftigen wie sensiblen Verfugung von Widersprüchen; seine Rollen baut er so, wie Fachleute verlässlich haltbare Schweißnähte zwischen Metallplatten setzen. Konsequent setzt er seinen Körper gegen den Typus des naturalistischen Spielers und gegen die Darstellung klein angesetzter Lebenszüge. Er wollte »von großer Art« sein, wie es Brecht für ihn formulierte, er bekämpfte ausstrichelnde Wirklichkeitsmalerei.

Er röchelt, er ätzt, er schreit und blafft sich den Mund zur mauloffenen Trommel rund, er jauchzt, er grölt und greint, er schmettert und schmollt. Und just als Azdak erzählt er vom Menschen, den das Freundlichsein in unguter Gesellschaft wehrlos macht bis zur Schwäche, schwach bis zur Vernunft, vernünftig bis zur Angst. Aber es ist auch ein Mensch, der stark ist in seiner Unvernunft und unvernünftig in seiner Furchtlosigkeit. Und raffiniert in seinen Überlebenstechniken.

Großes Berliner Theater, Vol. 3: Brecht-Aufführungen. Hrsg. von Studio Hamburg Enterprises GmbH. 3 DVDs, 419 Min., 29,99 €. Im »nd«-Shop erhältlich, Tel.: (030) 2978-1654.

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