neues-deutschland.de / 14.12.2016 / Seite 14

Wie Penthesilea

In wuchtiger Übersetzung von Friedhelm Rathjen: »Moby-Dick« von Hermann Melville

Hans-Dieter Schütt

Was ist das? Wer es baut, braucht es nicht; wer es kauft, behält es nicht; wer es benutzt, weiß es nicht. Ein Rätsel mitten aus den Vertracktheiten unserer Existenz: Es ist - der Sarg. Ohne einen Sarg wäre der Roman »Moby-Dick« nicht am Leben. Denn Ismael, ein verflucht Gottloser, ist der einzige Überlebende eines Schiffsuntergangs; und an einen Sarg geklammert, wird er an den Strand gespült. Der Sarg als Rettungsboot. Das Holz, das den Toten gehört, als Material, um sich ins Leben zu krallen. Und so kann Ismael, weil er nicht mit untergeht, die sagenhafte Geschichte erzählen. Diese Tragödie um Kapitän Ahab und den weißen Wal.

Kaum ein Buch gab der Nachwelt mehr Rätsel auf als Herman Melvilles Roman »Moby-Dick«, erschienen 1851. Am Anfang stand eine Meldung in der Boulevardpresse: Ein Wal brachte ein Schiff zum Kentern, die hungernden Matrosen wurden zu Kannibalen. Der US-Schriftsteller entfaltet mit Ahabs Jagd auf einen Wal das Schicksal des modernen Menschen und seiner Kämpfe mit dem Unbeherrschbaren. Dies Unbeherrschbare besteht hier in einer Armada von Pottwalen, die sich in der Straße von Malakka, im Indischen Ozean, gegen das Walfangschiff »Pequod« formt. Ahab jagt den weißen Wal, und er selber wird von Piraten verfolgt. Menschen jagen Tiere, Menschen jagen Menschen, Tiere jagen Menschen. Hegels Weltgeist hatte Lust auf Leben, er fand seine Praxis, er fand sein Gesetz: den Gegenangriff, den Strudel des Horrors. Und die Farblosigkeit des weißen Wals - den vielen Bedeutungen von Weiß ist im Buch ein ganzes Kapitel gewidmet - kennzeichnet das mystische Begehren des Romans: Weiß ist Engels- wie auch Totenfarbe; jedes Weiß bleicht Gründe aus, und wo kein Grund mehr festzumachen ist, herrscht die dominanteste aller Wirklichkeiten: der Abgrund.

Die hohe See ist ein Akt gegen die angemaßte Gottähnlichkeit des Menschen. Man denke an die Erzählungen von Joseph Conrad: Wie dessen Entdeckungsreisen ins »Herz der Finsternis«, so ergründet auch Melvilles Werk das Halb- und Unbewusste. Menschen auf Expedition - in der Ahnung, dass das Ziel der Schöpfung kein ethisches sein könne. Und sie haben für ihren bösen Verdacht, an dem sie zerbrechen werden, einen überzeugenden Beleg - sich selbst.

Gewiss: Nichts geht über den kühn und angstlos Schöpferischen, aber letztlich geht alles über ihn hinweg - so, wie alles Große über das Kleine, alles Starke über das Schwache hinweggeht. In »Moby Dick« darf man als Leser nicht herrschen wollen, man kann sich darin nur verlieren wollen. Die Vorgabe, eine Erkenntnis anzustreben, führt zu nichts, die Hingabe an eine Erfahrung aber wenigstens ein Stück weit. Weit? Nah. Nah heran an die Flimmerfelder jenes unablässigen Spiels, mit dem wir Weltschöpfung träumen, Weltverschiebung, Weltwanderung - um dann Weltvernichtung zu betreiben. Die Illustrationen von Raymond Bishop keilen sich holzschnittig ins dickleibige Werk. Das Schwarzweiß als Konturenkunst, wie gemeißelt, scharfgezogen - das Kraftklotzige offenbart doch auf bezwingende Weise die Bewegtheit, das Brodeln, das Wogende im Kampfgetümmel zwischen reißerischer Natur und räuberischer Kultur.

Die Erzähltechnik Melvilles hat etwas vom Durchschimmern eines geheimen Kommentars, der von der eigentlichen Erzählung wie von einer Farbschicht überdeckt wird. Dieser Kommentar erzählt davon, dass in gelingender Literatur eine Pädagogisierung des Bösen glücklicherweise nicht stattfindet. Profane Erleuchtungen aus erfahrenen Unglücken sind auch bei Melville nicht zu erwarten, eine Ökumene wachsender Vorsichtsintelligenz schon gar nicht. Im Weltbild des seemännischen Fängers Ahab klafft zwischen Selbsterhaltungstrieb und abstrakten Tugendidealen ein Widerspruch, der den Rückzug auf sichere Werte ein für allemal vereitelt. Der Mensch im Sog von Egoismus, Härte und Sturheit, und die bittere Stunde der Wahrheit kommt nicht unter guten Sternen.

»Moby-Dick« ist eines der meistgelesenen Bücher der Weltliteratur; die Geschichte seiner Wirkungen war von Jahrzehnt zu Jahrzehnt auch eine Geschichte der variierten Übersetzungen. Melville selbst nannte seinen Roman den »Entwurf eines Entwurfs« - Verweis auf die Fragmentwildnis dieser Geschichte: Erzählung, Essay, Parabel, Traktat, Thriller; ein jeder Genreteil hingewuchtet, ausgebreitet und ineinandergeschoben mit der ungebremsten Energie des Provisorischen. Alles eine ungestüme Schichtung, oft schon der einzelne Satz: ein Ungetüm. Sperrig, von Seite zu Seite alles andere als geschmeidig. In Wahrnehmung und Beschreibung triumphieren das Ungelenke, das Brüchige, das Monströse.

Die vorliegende Ausgabe - die einen Kurzessay von D. H. Lawrence, ein großartiges Nachwort von Alexander Pechmann sowie eine Zeittafel zu Melville enthält - wählte die maßstabsetzende Übersetzung von Friedhelm Rathjen, die in Deutschland viel Streit und Ablehnung hinter sich hat. Auch Rathjen ist im Anhang des Buches mit einem bewegenden Text über sein transitorisches Credo vertreten. Seine mutig klumpige wie vulkanische Übersetzung erfasst auf verstörende Art das Gemüt dieser Prosa: sich dem Verhältnismäßigen besessen und ausladend entgegenzustellen - denn wer will schon ein intimes Verhältnis zum fordernden Stoff, also die Leidenschaft, in Beziehung gebracht sehen zum Mäßigen. Wobei die Lektüre des Buches schmerzlich zu Bewusstsein bringt: Das Mäßige hat uns längst domestiziert. Die Verzwergung der Reise hin zum bloßen Transport hat inzwischen alle Ufer einander näher gebracht, und die Weltgeräumigkeit setzt kaum noch ein Verlangen frei. Das Abenteuer ist eine Schrumpfgestalt geworden.

Melville hingegen erzählt einen Krieg. Freiheitsdrang benutzt die gleichen Waffen wie der Unterwerfungswille. Wer gejagt wird, wird Jäger; der Gepeinigte mutiert zum Peiniger - willst du dich ganz erkennen, studiere deinen Feind. Ein Abhängigkeitsdrama. Das Paradoxon sämtlicher geschichtlicher Abläufe - es besteht in der Fähigkeit des Menschen, sich mit allem zu vereinigen, was er vernichten will. Kapitän Ahab stellt dem Wal nach; was ihn am Laufen hält, ist eine Prothese aus - Wal-Knochen. Die Geschicke von Mensch und Tier sind verbunden, irgendwann ist nicht mehr erkennbar, welches Wesen auf welches reagiert, alle bewegen sich in einem Spiegelverhältnis. Wie Klippe und Horizont, Land und Meer, Oben und Unten, das Links und das Rechts, das Schöne und der Schrecken, Himmel und Hölle. Und der Walfänger heutzutage ist so abstoßend wie der radikale Tierschutzorgiast.

Ahab und der Wal werden zu Austauschformen des Tierischen und des Anthropomorphen. Ein Gleichnis auf die Zusammengehörigkeit von Hass und Begehren. Wie Kleists Penthesilea, die den, den sie liebt, zerfleischen lässt. Fürchte dich vor wahrer Liebe: Sie ist eine Mörderin. Der Philosoph Joseph Vogl nennt dies die Löcher in der Kausalität. Jene Unschärfe in der Logik, von der »Moby-Dick« erzählt, und die uns doch weit mehr steuert, als wir begreifen wollen. »Es ist der fehlende Übergang von Ursache zu Wirkung. An diesen Stellen klafft das ganze Universum auf.«

Herman Melville: Moby-Dick; oder: Der Wal. Deutsch von Friedhelm Rathjen. Mit Illustrationen von Raymond Bishop. Verlag Jung und Jung Salzburg und Wien. 932 S., geb., 45 €.