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Militärischer Sieg ohne Hoffnung auf ein Kriegsende

Russland hat Assads Armee wieder aufgerichtet, doch Frieden wird das Bündnis nicht erzwingen können

Selbst wenn man die Schlachtfelder in Irak und Syrien getrennt betrachtet - jede Analyse der Kräfteverhältnisse muss in Zweifel gezogen werden. Sicher ist: Noch im Sommer 2015 war die Armee von Baschar al-Assad, die einst als die kampfstärkste in der arabischen Welt galt, am Ende. Die Moral auf dem Tiefpunkt, die Vorräte erschöpft, die Technik in einem desolaten Zustand, die Bewaffnung unzureichend. Der Einsatz von Fassbomben und möglicherweise von Chlorgas war nicht allein Ausdruck einer besonders perfiden Kriegführung durch Damaskus, es war schiere Verzweiflung. Noch schlimmer war der Verlust an taktischem Können. Viele Berufssoldaten waren tot oder desertiert.

Für Russland war bald klar, dass der Einsatz der Luftwaffe nicht ausreicht. Allenfalls konnte man damit die Rebellen in Schach halten. Ernsthafte Attacken gegen den Islamischen Staat (IS) in Syrien, die von den USA angemahnt wurden, wären reine Symbolik, also Unfug gewesen - wollte man das Land nicht jeglicher »Ordnung« durch Assad berauben.

Russische Offiziere »berieten« fortan Stäbe und Truppenführer an der Front. Man sorgte dafür, dass Technik instand gesetzt wurde, führte Munition und Gerät nach und übernahm die Gefechtsausbildung der syrischen Truppen. So standen ab März wieder zwei aufgefüllte Brigaden zur Verfügung. Es heißt, Assad verfüge wieder über 25 000 ernstzunehmende Soldaten. Das ist viel, doch zu wenig, um größere Operationen zu führen. Hinzu kommen regionale Milizen, iranische Verbände, solche der Hisbollah sowie russische Spezialkräfte. Zahlen sind nicht bekannt.

Dass die Pro-Assad-Kräfte dennoch schwach sind, zeigte das Beispiel der zentral gelegenen Wüstenstadt Palmyra. Das, was davon übrig geblieben war, hatte die syrisch-russische Koalition im Frühjahr 2016 vom IS erobert. Man erinnert sich an das Konzert, das russische Künstler anschließend in einem Amphitheater der Stadt gegeben haben. Vor wenigen Tagen jedoch wurde die scheinbar eingekehrte Ruhe in der Region beendet. Rund 4000 IS-Kämpfer, so heißt es, ausgerüstet mit Panzern, Schützenpanzern und Artillerie, haben die Regierungskräfte aus der Stadt gejagt. Die Angreifer konnten ungehindert aus Mossul - in Irak - abziehen, um Palmyra - in Syrien - zu überrennen. Die USA hätten das zugelassen, um die aktuellen Angriffe irakischer Truppen und kurdischer Verbände auf Mossul zu erleichtern, lautet der Vorwurf, den Moskau an Washington richtet. Der Fall zeigt, wie wichtig ein geeintes Oberkommando im Kampf gegen den IS und andere Rebellen in Irak und Syrien wäre. Doch die politischen Zielsetzungen der jeweiligen Bündnisse sind zu verschieden. Möglich, dass sich unter einem US-Präsidenten Donald Trump daran etwas ändert.

Fraglich ist, ob die Angriffsvorbereitungen von der russischen Aufklärung zu spät bemerkt wurden oder ob man einfach keine Truppen zur Abwehr der IS-Attacke aufbieten konnte. Dass der IS Palmyra einfach so aufgeben würde, war nämlich nicht erwarten. Schließlich ist die Stadt wichtig für den Nachschub, der aus Saudi-Arabien via Jordanien zu den Islamisten gelangt. Und der ist wichtig, schließlich schwinden die finanziellen Möglichkeiten des IS rapide. Unklar ist, ob die russisch-syrische Koalition nach einem Sieg in Aleppo nun erneut eine Operation Richtung Palmyra starten wird. Bislang waren Militärexperten eher davon ausgegangen, dass man sich auf das 50 Kilometer südwestlich von Aleppo gelegen Idlib orientiert. Die Stadt gilt als wichtige Verbindung in die syrischen Hauptstadt Damaskus und wird seit März vergangenen Jahres von der Al-Nusra-Front gehalten.

Wie immer sich die militärische Lage zugunsten Assads in Syrien entwickelt, sicher ist, dass die Terroranschläge der unterlegenen Gruppen zunehmen werden. Und das nicht nur in syrischen Städten, fürchten auch deutsche Sicherheitsbehörden.

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