Noch ein Kriminalfall von regionaler Bedeutung

Der Heppenheimer Hiob erklärt, warum die Redaktion der »Tagesschau« richtig entschieden hat, den Freiburger Studentinnenmord nicht zu vermelden

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Irgendwann im Januar 2004 schaltete ich die »Tagesschau« an. Vielleicht würde die ja was zur Wende im Fall Rudi Rupp bringen. Der Landwirt aus Neuburg an der Donau, nahe Ingolstadt, war seit über zwei Jahren verschwunden und nun hatte man dessen Mörder ins Netz gehen lassen. Aber Fehlanzeige. Das Nachrichtenformat berichtete nichts, obgleich der Fall wirklich spektakulär war. Niemand hat damals nachgefragt und über die »Lügenpresse« gemosert. Hätte man das getan, der Sender hätte wohl darauf verwiesen, dass der Fall lediglich von regionaler Bedeutung sei und die ganze Sache keinen Nachrichtenwert für jemanden in Scharbeutz oder Ratekau habe. So wie neulich im Fall des Freiburger Verdächtigen mit Flüchtlingshintergrund, der eine Studentin ermordet haben soll. Es hat damals auch niemand vermutet, dass die öffentlich-rechtlichen Nachrichten an einer Vertuschung mitwirken, die verschleiern möchte, wie es unter Landwirten wirklich läuft: Grob und unzivilisiert nämlich.

Dem Tatgeschehen nach zu urteilen hätte man annehmen müssen, dass das genau das Problem unter Bauern ist. Rupp soll von seiner Frau, seiner Tochter und dem Schwiegersohn in spe erschlagen und dann zerstückelt und den Schweinen zum Fraß vorgeworfen worden sein, hieß es damals. Sie fühlten sich zu dieser Bluttat gedrängt, weil das Familienoberhaupt ein Tyrann war. Das wussten auch die Nachbarn. Deshalb munkelten sie ja schon seit Jahren, dass Rupp nicht einfach getürmt, sondern von seiner eigenen Familie ums Leben gebracht worden sei. Sicherlich schwang da ein Mindestmaß an Verständnis mit. Beweise gab es freilich keine. Nur Gerüchte. Die gärten etwa zwei Jahre lang. Irgendwann müssen sie dann der Polizei zu Ohren gekommen sein. Bis dahin hatte die nur recht halbherzig die Vermisstenanzeige von Frau Rupp bearbeitet. Aber die Gerüchteküche animierte die Behörden nun, gegen die Familie zu ermitteln.

Nach einer Hausdurchsuchung gaben die Tatverdächtigen alles zu: Den Mord, die Zerstückelung und das Verfüttern. Und die »Tagesschau«? Sie schwieg. Nachvollziehbar. Die ganze Republik hatte von dieser Angelegenheit ja nichts außer vielleicht einen kalten Schauer. Und bei 300 offiziellen Mordfällen im Jahr kann man tatsächlich nicht jeden zu einer Nachricht in der ARD-Sendung machen. Die Tatverdächtigen wurden also zu Tätern und landeten im Gefängnis. 2009 fand man dann die Leiche von Rudi Rupp. Sie saß skelettiert in seinem Auto: Und das war in der Donau gelandet. Ein Wiederaufnahmeverfahren wurde trotzdem abgelehnt, obgleich klar war, dass die damalige Faktenlage nicht stimmen konnte. Und die »Tagesschau«? Sie schwieg. Trotz Justizskandal, trotz der Frage, wie jemand so ein unglaubliches Geständnis ablegen konnte. Wie kann man aus freien Stücken so eine Tat zugeben?

Erst 2011 - die verurteilten Täter hatten ihre Strafe mittlerweile verbüßt - gab es in einem neuerlichen Verfahren einen Freispruch. Man glaubte zwar weiterhin, dass sie etwas mit dem Tode des Familienoberhauptes zu tun hatten, konnte es aber nicht nachweisen.

Was ich eigentlich sagen will: Natürlich kann man auch den öffentlichen-rechtlichen Nachrichten vorwerfen, dass sie selektieren. Auch, dass sie dann und wann versagen bei diesem Schritt. Sie sind zwangsläufig Lückenpresse, die manchmal einfach Freiräume lässt, wo es notwendig wäre etwas aufzufüllen. Der Mordfall Rupp war anfangs tatsächlich für die ganze Republik eher zweitrangig, später wurde die Sache aber zur Affäre und man hat trotzdem geschwiegen. Eine Justiz, die versagt, die geht uns alle an. Auch Bürger aus Scharbeutz oder Ratekau.

Was die Sache aus Freiburg betrifft, ich vermag noch nicht zu erkennen, was genau der Nachrichtenwert für die »Tagesschau« sein soll. Wenn da nicht noch mehr kommt, dann hat sie nicht ganz so falsch entschieden. Falls aber noch was kommt und man schweigt beharrlich weiter, tja, dann sollte man unbedingt nachfragen. Dann verschieben sich die Prioritäten nämlich. Wenn zum Beispiel am Ende rauskommt, dass der tatverdächtige Flüchtling es vielleicht doch nicht so sicher war: Dann ist es was für die »Tagesschau«. Denn eine Justiz, die verfehlt, die geht uns alle an. Verfehlende Einzelgänger nur bedin
gt.
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