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Einstürzende Altbauten

Sebastian Hartmanns »Raub der Sabinerinnen« am Schauspiel Stuttgart

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Wir Kritiker kommen um ein großes Manko nicht herum: Wir träumen den Höhenflug, hocken aber nur auf einer Richterbank fest. Ich lass mir diesen traurigen Tatbestand nicht als Talent einreden. Als schöne Möglichkeit aber schon: statt kritisch eher dankbar zu sein für Teilhabe an Angeboten, die mich übersteigen - oder einfach nur erfreuen. Dafür muss es, etwa auf dem Theater, nicht unbedingt ein höhersinniges Lustspiel sein, mit Etikett Lessing drauf - nein, es genügen Schwank und Stadel. Ein gehöriges Stück unter seinem vermeintlichen Niveau lachen zu können, ist Gymnastik in Bodennähe. In Bodennähe findet alles Lebbare statt. Welch ein Glück, dass nicht alles, was lustig ist, intelligent sein muss.

Am Schauspiel Stuttgart hat Sebastian Hartmann »Der Raub der Sabinerinnen« inszeniert. Quatsch Comedy Club, auf den ersten Blick. Pure Plumpkunst, zunächst. Puderzucker ins Publikumshirn, über weite Strecken. Ob »Pension Schöller« oder »Charleys Tante« oder eben das Stück der Brüder Paul und Franz von Schönthan: Die Verwechslung ergreift die Macht, das Missverständnis startet Attentate, die Katastrophe organisiert, wie überall, ihren Lieblingszustand: sich selbst. Und das Schönste an der Katastrophe ist bekanntlich der Witz, den sie birgt. Jener Witz, der aus lauter Menschen besteht, die sich einbilden, die Welt und das eigene Wesen begreifen und erklären und ordnen zu können. Hier ist es der Gymnasiallehrer Gollwitz, der eine banale Römertragödie schrieb - die Tourneetheaterdirektor Striese aufführen will. Was freilich eine Lawine auslöst, deren Triebkräfte familiäre Verklemmung, ästhetischer Kitsch und erotisierte Intrigen sind. Es knäult sich behend ineinander: künstlerischer Dilettantismus, bürgerlicher Standesdünkel, krummer Aufstiegseifer, triebiger Unterleibsehrgeiz. Ziemlich viel Ulk und Dünnsinn. Das Fett der Schmiere schmatzt geradezu.

Und sowas inszeniert Sebastian Hartmann? Jetzt, da im politischen Raum die überwältigende, Angst machende Sorge gleichsam zur Präsidentin der Vereinigten Staaten der Welt wurde - mit denen kein Staat mehr zu machen ist? Jetzt, da alles verstärkt politisch, kritisch, rebellisch sein soll? Mann, das Theater war doch mal wer! Gefestigt fürs Erhabene, beseelt von Aufklärung und Klassik, gehärtet im Pathos des erzieherischen Dramas, durchtränkt von den poetischen Realismen der Jahrhunderte. Und jetzt dies?! Hartmann lässt (im eigenen Bühnenbild) den großen roten Vorhang aufleuchten, er bleibt lange geschlossen, davor ein Sofa, zwei Sessel, ein Klavier. Und lauter Typen in Kostümen, als trügen bunte Papageien noch buntere Pyjamas.

Auf dem Klavier ein Foto von Muhammad Ali. Dies sei seine Frau, sagt Gollwitzer. Sagt’s so, wie man sich immer wieder - und sehr selbstbewussten Tons - ein völlig falsches Bild von allen Dingen macht. Hier wird gekalauert, was das Zeug hält. Einer spielt das Echo des anderen, und wenn der eine fragt: »Wie spät ist es in Magdeburch?«, hallt es aus dem anderen: »Achte durch.« Balzac wird als Ballsack übersetzt und bedeutet: Tanztasche. Mal saudoof, mal saukomisch, sehr oft beides. Die Poesie redet schönstes Blech: »Du kannst mein Herz brechen, aber nicht biegen.« Ablachen, dann denken und feststellen, was für ein wunderbarer Satz das ist.

Ein Darsteller-Fest. Die Schauspielerin und Musikerin Hanna Plaß spielt auf dem Klavier, singt fein, zart, elegisch. Manja Kuhl, Abak Safael-Rad, Sandra Gerling und Birgit Unterweger teilen sich weibliche Unschuld, die nur so tut, und weibische Unverfrorenheit, die aufspielt, dass es nur so tutet. Tochtergegirr, Dienstmädchengeilheit, Megärenmütterlichkeit. Peter René Lüdicke gibt den kunstseligen, biedertröpfigen Professor Gollwitzer als Arbeitsnachweis, in Vorbereitung auf die Rolle sämtliche Louis-de-Funès-Filme mehrfach studiert zu haben. Das Gesicht knödelt, spannt, knautscht, blubbert, bebt, zuckt, es zieht und dehnt sich, die Züge entgleisen in alle Richtungen. Alles will in diesem Gesicht fortwährend die Plätze tauschen, es ist, als wollten die Ohren die Augen, das Maul die Stirn verdrängen. Aber am grandiosesten ist Holger Stockhaus als sächselnder Striese. Mit der energieprallen Verausgabungskunst eines Provinzgauklers tobt, turtelt, tänzelt, turnt er durch sämtliche Variationen dessen, was lausig, linkisch, läppisch, lüstern und liebenswert lächerlich ist.

Plötzlich aber sitzen alle vorm Vorhang, starre, stumme Gesichter. Hartmann zieht das Hamlet-Register: Der Rest ist Schweigen. Er lässt gleichsam die Hamletmaschine Heiner Müllers anlaufen: »Mein Drama hat nicht stattgefunden. Das Textbuch ist verloren gegangen.« Da sitzen sie, ratlos, rührend, ruhiggestellt. Im Off hatten wir die Stimme von Thomas Brasch gehört. Was Kunst sei? »Die genaue oder scharfe und sehr persönliche Formulierung der eigenen Sicht.« Striese Holger Stockhaus spricht jetzt über dieses Eigene - das dich auszeichnet, mit dem du aber immer auch geschlagen bist. Du, jeder. Tust, was du kannst, stößt an Verständnisgrenzen, ans Missverständnis, an die Missachtung. Auch Striese bittet: einfach nur Striese sein zu dürfen. Wer bestimmt, was du wert bist? Jeder Künstler, jeder Mensch malt doch mit einer Farbe, die recht hat.

In dieser Striese-Rede fleht kein Geringerer als der bildschwere Regisseur Hartmann, der nämlich auch in Stuttgart erfuhr, was sein Œuvre oft genug begleitet: Kopfschütteln, Abkehr. Wie aber bleibt man ganz bei sich - in einem Gewerbe, das von Publikum abhängt? Die Theaterfrage. Die Politikfrage. Die Parteienfrage. Die Gesellschaftsfrage. Hartmann weiß ja aus Erfahrung, was los ist, wenn Hartmann Regie führt: Ein Theaterstück muss erst mal Angst haben, denn er ist der Chirurg, der Auf-Schneider, der Zu- und Hinrichter. Bis Trauerspiel und Lustspiel die Tränen tauschen - wer weint vor Lachen, wer aus Leid? Eine Dichtung killen, um sie zu erwecken. Ihr das Historienkostüm in Fetzen reißen, bis wir unserer eigenen Blöße begegnen. Wir Lumpen.

Die Komödie, das ist weiblich - Hartmann tätschelt ihr grinsend den pointenrunden Arsch, aber er hirnt doch unentwegt: Was kann Theater, was soll das ganze Theater drumherum? Der Vorhang hebt sich: Drei hohe antike Säulen, ein Nebelwallen. Das erstarrte Ensemble wird auf einen Karren geladen und wie Figurengips von der Bühne geschoben. Wohl in den Fundus. Ein paar Schauspieler kehren zurück, in Römerkluft. Ein Mahler-Lied. Iphigenies Ambiente. Pathetische Posen unter den Säulen - die sich nach vorn senken. Minutenlang. Sehr, sehr langsam.

Einstürzende Altbauten. Das Klassische kippt, das Eherne bröckelt. Die kaputten Wirbelsäulen der moralischen Anstalt. Explosionsfeuer. Palmyra in Stuttgart. Bitterster Niedergang. Ein großes Bild. Die Mittelsäule knickt wie ein Blumenstengel. Lustiger Niedergang. Dazu passt Hans Moser, dem Holger Stockhaus eh sehr ähnlich sieht. Er singt zur Gitarre: »Renn nur nicht gleich verzweifelt und kopflos herum,/ denn der Herrgott weiß immer warum.« Gilt für alles, für Wetter und Wahlen, für Moden und Merkel, für Trump und Theater.

Thomas Brasch sprach im Off-Ton von »Entzündungen, Brüchen, Verletzungen«, die sich eine Gesellschaft durch Kunst »deutlicher, schmerzhafter« bewusst machen möge. Aber darf man deshalb das Bedürfnis der Leute, von der eigenen Lage auch mal verschont zu bleiben, kalt ins Lächerliche ziehen? Ist flach nicht manchmal tief genug? Dieser Abend nickt und erntet »Bravo!«

Weitere Aufführungen: 20. und 30. Dezember

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