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Uni-Start-ups erwirtschaften drei Milliarden Euro

Umfrage ergibt: 22 000 Arbeitsplätze geschaffen / Müller startet Verhandlungen zu Hochschulverträgen

  • Von Ellen Wesemüller
  • Lesedauer: 4 Min.

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Anika Tüngerthal wartet im Lichthof der Technischen Universität an einem Stehtisch. Vor ihr ist ein Laptop aufgeklappt, ein Youtube-Video soll ihr Unternehmen erklären. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) ist zu Besuch, er hat gerade die zweite Umfrage bei Start-ups aus dem Jahr 2015 verkündet, die sich aus den Hochschulen heraus gegründet haben. Jetzt will er sich ein eigenes Bild machen.

Tüngerthal ist ein gutes Beispiel, zumal ein seltenes Exemplar. Heute ist sie die einzige Frau unter zehn Start-up Vertretern, die sich Müller und der Presse vorstellen. Frauen sind in der Gründerszene unterrepräsentiert, auch das belegen die Zahlen der Umfrage: Nur an jeder zweiten Teamgründung ist mindestens eine Frau beteiligt, nur jedes dritte Mitglied eines Gründungsteams ist weiblich. Klaus Semlinger, Präsident der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) sagt, es liege daran, dass vor allem technikaffine Start-ups gegründet werden, Frauen diese Fachrichtungen aber eher nicht studierten. Und noch etwas hat er beobachtet: »Frauen sind sicherheitsbewusster und weniger wachstumsorientiert.« Die HTW reagiere auf diesen Umstand mit »ladies nights«, wo Gründerinnen sich interessierten Studentinnen vorstellten.

Davon hält Tüngerthal gar nichts. Warum es für Frauen schwieriger ist, zu gründen, darüber kann oder will sie nichts sagen. »Ich kann nur sagen, warum ich es gemacht habe.« Sie sei »auch nicht für reine Frauengruppen«. Sie selbst habe vier Kinder, Abitur und Studium auf dem zweiten Bildungsweg abgeschlossen. »Man hat es oder man hat es nicht«, sagt sie. Und: »Man sollte sich eher von erfolgreichen Männern Rat holen.«

Tüngerthal repräsentiert heute die Freie Universität (FU), sie hat Geologie und Geochemie sowie Digitales Marketing studiert. Ihr Start-up gibt es nun seit fast zwei Jahren. »Wir sind ›break even‹«, sagt sie stolz. Das heißt: sie erwirtschaftet Gewinne.

Damit ist sie eins der mehrheitlich erfolgreichen Unternehmen, denn laut Umfrage schaffen es 79 Prozent der Unternehmen, die Gewinnzone zu erreichen, 60 Prozent davon bereits im ersten Jahr. Auch der Umsatz kann sich sehen lassen: Bei 605 der erfassten Unternehmen lag dieser zusammen bei drei Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Grundfinanzierung der staatlichen Hochschulen durch den Senat liegt bei rund 1,7 Milliarden Euro im Jahr.

Es ist bereits die zweite Umfrage dieser Art, die erste wurde 2014 veröffentlicht. An der Umfrage beteiligten sich neun Hochschulen und 745 Unternehmen. Wie viele Gründungen es insgesamt gibt, könne man nicht eruieren: »Wir haben ja keine Meldepflicht«, sagt Semlinger. Er schätzt, dass einer von 500 bis 1000 Studenten ein Start-up gründe. Weil sich die Beschäftigungsverhältnisse verbesserten, ginge die Gründungsquote bundesweit zurück. »Hier bleibt sie hoch, das ist ein positives Signal.«

Müller, der sich an diesem Tag zum ersten Mal auch als Wissenschaftssenator vorstellt, sagt: »Ich habe das auch schon in den letzten Jahren deutlich gemacht, dass die Forschung eine große wirtschaftspolitische Komponente hat. Das wollen wir weiter unterstützen.« Ein erster Schritt sei die Zusammenlegung von Wissenschaft und Forschung in seinem Ressort (»Das war in der Vergangenheit nicht nicht glücklich.«) Zudem wolle er stärker mit außeruniversitären Zentren zur Spitzenforschung zusammenarbeiten und diese ausbauen.

78 Prozent der befragten Unternehmen bieten Dienstleistungen an, die meisten davon in der IT-Branche. Auch Tüngerthal bietet ihre Dienste an, tut sich aber etwas schwer, auf den Punkt zu bringen, für was genau. Das mag auch daran liegen, dass ihr Start-up sehr viel anbietet: Auf der Webseite ist ein »Mütter & Töchter Beauty Lab«, das Seife herstellt, genauso vertreten wie ein Workshop zu Astronautenforschern an Schulen. Tüngerthals neuster Coup: »Haptische Mitmachlabore«, Räume, in denen Kinder Berufe praktisch erforschen können - zum Beispiel den des Dachdeckers. Das ist auch im Sinne der Unternehmen. Tüngerthal erzählt, dass diese teilweise jeden zweiten Ausbildungsplatz nicht besetzen können - und das bei einer Jugendarbeitslosigkeit von elf Prozent. Das Start-up will den Unternehmen helfen, neue Auszubildende zu bekommen - daher kommt der Profit. Und es hilft Kindern und Jugendlichen, sich an die Berufswelt heranzutasten. Seit Gründung nahmen 7000 Jugendliche an so einem Lab teil, das Unternehmen hat 20 Mitarbeiter.

In seiner neuen Funktion als Senator für Wissenschaft und Forschung begrüßte Müller am Montag zudem die Mitglieder der Landeskonferenz der Rektoren und Präsidenten der Hochschulen sowie den Vorstandsvorsitzenden der Charité zum Auftakt der Verhandlungen der Hochschulverträge im Rathaus. Die derzeit gültigen Verträge laufen Ende 2017 aus. In den kommenden Monaten finden die Verhandlungen über die Verträge für die Zeit danach statt.

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