Von Elsa Koester

Facebook-Wahnsinn: 45 deiner Freunde sind in Sicherheit

Katastrophen-Alarm und die Konstruktion von Besorgnis: Wie der Safety-Check auf den sozialen Medien uns in den Wahnsinn treibt

Bitte nicht, ich habe keine Lust, zu arbeiten. Das war mein erster Gedanke, als die Eilmeldung kam: Ein LKW fuhr in den Berliner Weihnachtsmarkt vor der Gedächtniskirche. Ein Toter. Naja, ein Toter, da muss man nicht gleich einen Newsblog machen. Dann kamen die WhatsApp-Nachrichten. Are you ok? Ca va? Alles ok bei dir?

Ich gebe es auf und schnappe mir das Handy. »‘Der Vorfall am Berliner Weihnachtsmarkt‘: Lieschen Müller fragt, ob es dir gut geht«, steht da auf Facebook. Safety-Check. Informiere deine Freunde. Diese Funktion hat der Socialmedia-Konzern 2014 eingeführt, für Naturkatastrophen, und 2015 bei den verheerenden Erdbeben in Nepal erstmals eingesetzt.

Als es nach dem Anschlägen in Paris vom November 2015 rege Aktivitäten auf Facebook gab, wurde der Safety Check auch für einen Anschlag aktiviert. Nach dem Bombenanschlag in Beirut zur gleichen Zeit oder für den Krieg in Syrien allerdings nicht, was dem Konzern viel Kritik einbrachte. In einer langen Erklärung rechtfertigte sich Facebook: »Safety Check ist in seiner jetzigen Form nicht nützlich für die Leute dort: Weil es keinen klaren Anfang oder kein klares Ende gibt, und es, leider, unmöglich ist zu wissen, ob jemand wirklich ›sicher‹ ist.«

Ich erinnere mich: Bei den Anschlägen von Paris fand ich die Funktion super. Ich habe Familie und FreundInnen dort, so konnte ich direkt nachschauen, wer sich als sicher abgemeldet hat, und musste nicht jeden einzeln mit meiner Besorgnis nerven. Na gut, dann gebe ich eben Facebook Bescheid, denke ich. Ich klicke auf »Ich bin in Sicherheit« - und denke: Sicherheit, was soll das eigentlich sein?

»Moritz, Anna, Elena und fünf weitere Freunde waren während ‘Der Vorfall am Weihnachtsmarkt in Berlin’ in Sicherheit«, steht da jetzt. Hmm. Ich klicke auf die Meldung, um zu sehen, wer die weiteren fünf sind. Darüber wird mir angezeigt, wer den Safety-Check noch nicht angeklickt hat. Schon klar, denke ich, die haben alle nicht so viel Bock auf Facebook. Oder. Oder sie waren auf diesem dämlichen Weihnachtsmarkt in Charlottenburg. Aber wer geht da schon hin? Außerdem: Neun Tote, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit. Also.

Ich beschließe, mich nicht von diesem verdammten Socialmedia-Konzern verrückt machen zu lassen, und packe das Handy wieder weg. Keine zwei Minuten später vibriert und leuchtet es erneut. Seufz. Ich nehme es und schaue, welche Nachricht gekommen ist. Auf dem Bildschirm steht: »Luisa Meier, Max Müller und drei weiteren Freunden gefällt dein Status während ‘Der Vorfall am Weihnachtsmarkt in Berlin’«. Ach ja?! Ist ja toll, dass sie mir nicht einen LKW an den Hals wünschen. Und was ist mit meinen ganzen anderen Freunden? Denen ist das egal, oder was?! Wütend schmeiße ich mein Handy wieder auf den Tisch.

Da leuchtet und vibriert es wieder. »Michael Schmidt und 26 weitere Personen waren während ‘Der Vorfall am Berliner Weihnachtsmarkt’ in Sicherheit«, steht da. Am nächsten Morgen sind es rund 50 Freund*innen. Keine Ahnung, wer noch fehlt. Aber ganz ehrlich: Wenn ein Mensch, der mir nahe steht, im Krankenhaus landet oder stirbt, dann werde ich es wohl erfahren. Und hoffentlich nicht über Facebook.

Meine Mitbewohnerin neben mir zieht eine Schnute. »Mich hat noch keiner auf Facebook gefragt, ob es mir gut geht«, sagt sie bedrückt.

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