Pazifismus zum Fest

RTL zeigt einen neuen Winnetou-Dreiteiler

  • Von Marc Hairapetian
  • Lesedauer: 3 Min.

Winnetou ist auferstanden! Und das auch noch zu Weihnachten! Doch ist auch Winnetou drin, wo Winnetou draufsteht? Bei der auf Remakes spezialisierten Rat Pack Filmproduktion (»Das Haus der Krokodile«, »Jerry Cotton«), die unbeirrbar ihre liebsten Kindheitserinnerungen als Real-Filme auf die große Leinwand bringt (für März 2018 ist gar »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer« angekündigt), ist einiges anders geworden, als es vielleicht eingefleischte Hardcore-May-Fans erhofft haben. Dennoch bleibt man in vielem dem sächsischen Schriftsteller treu. Vor allem, was sein Anliegen von Brüderlichkeit, Nächstenliebe und Friedfertigkeit anbelangt.

Mit der Rialto Film, die in den 1960er Jahren die legendären Winnetou-Streifen herstellte, setzte man zumindest auf einen Co-Partner mit Tradition, etwas, das RTL verständlicher Weise abhanden geht. Dennoch ist Regisseur Philipp Stölzl, der mit »Nordwand«, »Goethe!« und »Der Medicus« schon so manchen geschichtsträchtigen Stoff vorsichtig modernisiert hat, voll des Lobes über die Zusammenarbeit: »Sie ließen uns ein sehr erwachsenes Fernsehprogramm machen, das bewusst kein Popspektakel sein will.«

Gedreht wurde wieder nicht in den USA, sondern wie schon früher in Kroatien. Der großartige Soundtrack von Martin Böttcher wurde von Komponist Heiko Maile nicht immer gelungen »recycelt«. Das Besserwissertum und der religiöse Bekehrungseifer von May sind (zum Glück) weggefallen. Sein Alter ego Old Shatterhand wird von Wotan Wilke Möhring nicht so heldenhaft verkörpert wie einst von Lex Barker, sondern eher anrührend, aber in jedem Fall hochsympathisch.

Ganz anders Winnetou: Der Albaner Nik Xhelillaj ist durch besonderes Training und eine strenge Diät viel muskulöser als Pierre Brice. Die himmelwärts gerichtete, reine Aura des Franzosen fehlt ihm jedoch. Er wird erst im Lauf der sechs Filmstunden vom virilen Krieger zum glühenden Pazifisten.

Eigentlich war Brice noch für die Rolle eines uralten Schamanen vorgesehen. In gewisser Weise hat diesen Part nun seine (Roman- und Film-)Schwester Nscho-tschi übernommen, die von der Mexikanerin Iazua Larios (»Apocalypto«) sehr selbstbewusst verkörpert wird. Ihre Vorläuferin Marie Versini ist mit einem kleinen Auftritt auch wieder dabei, ebenso Mario Adorf, der nun den Vater des von »Burgtheater«-Akteur Michael Maertens pointiert verkörperten Oberschurken Santer mimt. Und natürlich Gojko Mitić , der mit 76 Jahren athletisch wie eh und je, Winnetous weisen Vater Intschu tschuna gibt. Er war der einzige Star, der sowohl in den westdeutschen Karl-May-Filmen als auch in den mehr gesellschaftskritischen Indianer-Streifen der DEFA mitwirkte.

Kapitalismuskritik gibt es im gesamtdeutschen Winnetou aber auch anno 2016. Wenn Drehbuchautor Jan Berger dem verzweifelten Old Shatterhand, der die weißen Gleisbauarbeiter und Siedler mit ihren modernen Feuerwaffen vor einem Massaker an den Roten abbringen will, den Satz »Das ist Völkermord!« herausschreien lässt, geht er allerdings zu weit. Den Begriff gab es es im Wilden Westen des Jahres 1860 nämlich noch nicht.

RTL, 25., 27. und 29.12., 20.15 Uhr.

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