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Auf Flügeln der Fantasie

Nicht nur in der Weihnachtszeit bevölkern himmlische Gäste St. Gallen

  • Von Manfred Lädtke
  • Lesedauer: 5 Min.

Hunderte Sterne erleuchten Weihnachten die krummen Gassen von St. Gallen. Halleluja, da müssen sich Engel ja heimisch fühlen. Überall sind sie zu sehen. Mehr als 600 Lichtgestalten bevölkern im Stiftsbezirk der ostschweizerischen Stadt prachtvolle Erker und Friese.

No Angels? Für die 1000-jährige Stadt im Appenzellerland gilt das nicht. The Beach Boys, Klaus Hoffmann und Rammstein haben die überirdischen Wesen besungen. Ulrike Brülisauer kann sie sogar leibhaftig sehen, sagt sie - und spricht darüber. In der Adventzeit wartet sie vor der Touristeninformation auf Gäste und verleiht der Fantasie von Gläubigen und Skeptikern Flügel. »Kommen Sie näher«, ruft die Stadtführerin. Dann bittet sie mit Blick in den verschneiten Abendhimmel um Segen für den Spaziergang in jenseitige Welten. »Warum begeben Sie sich heute auf Engelsspuren?«, fragt die Stadtführerin in die Runde. »Aus Sentimentalität«, antwortet eine Studentin, und ein älterer Herr hofft, Antworten für eine »schwebende Ungewissheit« zu finden.

»Mit Engeln kann man normal reden, zu Gott muss man beten«, favorisiert die Führerin die Kommunikation mit den pausbäckigen Gesellen. Vor einem der schmucken Giebelhäuser bleibt sie stehen. Auf bunten Vorbauten tummeln sich Scharen kleiner himmlischer Aufpasser mit kindlichen runden Gesichtern. Sie sollten die reichen Kaufmannsfamilien beschützen und trösten. Früher sei in St. Gallen die Kindersterblichkeit besonders hoch gewesen. Wenn die Aufpasser mal keinen guten Job gemacht hatten, lebten die Kinder für ihre Eltern in Putten weiter.

Derartiges Wach- oder Trostpersonal konnten sich Anfang des 18. Jahrhunderts freilich nur gut betuchte Kaufleute aus der damals florierenden Textilindustrie an ihren Häusern leisten. Für die geschnitzten oder in Stein gehauenen wachsamen Mitbewohner fehlte den irdischen Herren aber schon bald das Geld. Engel, die ihr Plätzchen als Hausschmuck gefunden hatten, blieben und wechselten später von der Schutz- und Trostbranche in den Tourismusbereich. In Scharen schauen sie nun treuherzig von den Fassaden. Sie posieren als göttliche Nackedeis für klickende Kameras, und manchmal scheint es, als würden sie unter der Bürde ihres artfremden Amtes seufzen.

Ein paar Flügelschläge weiter singt vor einem 25 Meter hohen Christbaum an der gewaltigen Kathedrale ein Kinderchor. Leise rieselt der Schnee auf die charakteristischen Doppeltürme und legt sich wie Puderzucker auf die ehemalige Stiftskirche. Kaum zu glauben, dass allein 587 Engel unter der kühnen Kuppelkonstruktion in dem Gotteshaus ihr Zuhause haben. Ulrike Brülisauer sind die kleinen Kirchenbewohner bestens vertraut. Manche der androgynen Wesen seien ganz schön freche Lausbuben. So wie die beiden Putten über dem Beichtstuhl. Während die eine mit einladender Geste Gläubige zu sich winkt, scheint die andere ihnen einen Tritt in den Hintern versetzen zu wollen.

»Schweigen Sie ein paar Minuten und gehen Sie in sich«, bittet Brülisauer ihre Gäste. Jeder Mensch habe einen Schutzengel, jeder könne ihn wahrnehmen. Seine Botschaft gehe nicht ins Ohr, er berühre mit Gesten und Stimmungen. Oft sei es nur eine Schwingung oder ein Gefühl. »Wenn Sie sich bei Sorgen und Rückschlägen getragen und zu einem Lächeln ermuntert fühlen, das Sie im Weitergehen beflügelt, dann steht er hinter Ihnen«, ist die Engelflüsterin überzeugt. »Zu mir ist aber noch keiner gekommen«, winkt eine Teilnehmerin ab und erfährt von Ulrike Brülisauer: »Dann haben Sie auch noch keinen eingeladen.«

Vor der Kirche wuseln Menschen mit Einkaufstüten geschäftig über den Klosterplatz. Am Winterhimmel funkeln im Dezember fast 700 Sterne mehr über der Stadt und hüllen ihre Jahrhunderte alten Hausfassaden in festlichen Weihnachtsglanz. Jeder der zwei Meter großen Leuchtkörper hat 14 Strahlen. Sie stehen für die 14 Stadtquartiere St. Gallens zwischen Bodensee und Säntis. Und jedes der Altstadtgässchen hat sein eigenes Licht. In Gassen scheinen sie wie Tropfen vom Himmel zu regnen, und am Spisertor glimmen und verblassen sie sanft.

Ob sich der Stadtgründer die Zukunft seiner Eremitenzelle so vorgestellt hatte? Die Stadtführerin erzählt von einem irischen Mönch. Das wilde Hochtal des Appenzellerlandes war 612 noch Urwald, als der heilige St. Gallus stolperte und in einen Dornenbusch fiel. Einer frommen Legende nach soll ihm in der Nacht ein Bär Feuerholz gebracht haben. Gallus deutete das als ein himmlisches Zeichen, zu bleiben. Hundert Jahre später gründete ein Priester zu Ehren des tiefgläubigen Eremiten an dem Wallfahrtsort ein Kloster.

Während der Theologe Rudolf Bultmann (1884-1976) Engel als »metaphysische Fledermäuse« deklassiert und andere Skeptiker Engel als poetische Zugabe zum Glauben abtun, gibt Ulrike Brülisauer zu bedenken, dass das Wort »Engel« 305 mal in der Bibel vorkomme. Auch auf die provokante Frage, ob Engel Nahrung zu sich nehmen und die römische Küche bevorzugen, bleibt die Stadtführerin eine Antwort nicht schuldig. Danach habe sie noch nie geforscht. Da Engel aus Licht geschaffene Wesen seien, glaube sie aber eher nein. Und wenn doch? Dann essen sie bestimmt etwas Leichtes - damit sie nicht abstürzen.

Infos

www.st.gallen-bodensee.ch

Engelstour: Individuelle Führungen können unter (0041) 7122 73737 vereinbart werden.

Spezialitäten: Die St. Galler Lebkuchenspezialität »Biber« probiert man am besten in der Confiserie Roggwiller, Multergasse 17 www.roggwiller.ch

Allgemeine touristische Infos zur Schweiz: www.myswitzerland.com

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