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Der »Neue Mensch« hat nichts zu lachen

Humorfreiheit als konstitutives Element von Erlösungsideologien. Von Ingolf Bossenz

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Zwischendurch gibt’s schon mal was zu lachen. Den »Brandner Kaspar« zum Beispiel. Oder - wie vor zwei Jahren - Shakespeares »Sommernachtstraum«. Aber alle zehn Jahre, 2020 wieder, gehört die 42 Meter breite Bühne im berühmten Oberammergauer Passionsspielhaus dem »Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus«. Ein ausgesprochen ernstes Spiel.

Der Neue Mensch, der nebenher noch Gottes Sohn und mithin selbst göttlich war, erstrebte schließlich keine Spaßgesellschaft, sondern »einen neuen Himmel und eine neue Erde«, wie es im Buch der Offenbarung steht. Mit Neuen Menschen. Und »das ist nicht lustig«, wie meine Enkelin Una bisweilen zu bemerken pflegt. Jesus verkündigt zwar in der Bergpredigt: »Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.« Doch so weit ist es noch nicht. Zunächst gilt: »Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen.«

Erlösungslehren, die den Menschen in seiner Unvollkommenheit, seiner Sündhaftigkeit, seiner Verworfenheit auf eine andere, höhere Stufe heben wollen, sind in ihrer Ernsthaftigkeit, ihrer Hartnäckigkeit, ihrer Verbohrt- und Verbissenheit kein Boden, dem Humor und Heiterkeit entspringen. Die Figur des herzhaft lachenden Buddhas sollte darüber nicht hinwegtäuschen: Der Buddhismus will zwar die Überwindung des »alten« Menschen, der in seinem permanenten Leiden ohnehin nichts zu lachen hat. Aber das Ziel ist kein »neuer« Mensch, sondern das Nirvana. Nichts ist besser als das Nichts. Einigermaßen paradox klingt auch der Slogan »Der Islam - witziger als gedacht« als Verlagsankündigung eines demnächst erscheinenden islamischen »Lexikons für Durchblicker«.

Bleiben wir bei der Lach- und Lustfeindlichkeit des Christentums. Dieser hat Umberto Eco (1932-2016) mit »Der Name der Rose« einen literarischen Denkstein des Anstoßes gesetzt, der für Eiferertum jeglicher Provenienz gilt. Für den Bibliothekar einer ligurischen Benediktinerabtei, so Ecos Roman-Plot, stellt ein Buch des griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.) über das Lachen eine solche Gefahr dar, dass er dessen Publikwerdung mit allen Mitteln, bis hin zum Mord, zu verhindern trachtet. Das Lob des Lachens als Bedrohung des Christentums. Auf jeden Fall, und das sah dieser mittelalterliche Mönch durchaus richtig, eine Bedrohung des auf Angst und Einschüchterung basierenden christlich-kirchlichen Systems geistig-seelischer Knechtung.

Für Søren Kierkegaard (1813-1855) war das Lachen ein Abwehrmechanismus gegen den Kontrollzwang des Bewusstseins. Durch Lachen, so der dänische Religionsphilosoph, vermag der Mensch, sich von seiner Angst zu befreien. Doch die Angst ist nun einmal für das Vollstreckungspersonal von Willkür-, Wahn- und Welterlösungsideologien unverzichtbares Element einschüchternder Exekution. Das Spektrum der Angst ist dabei unerschöpflich: Das kann die Angst vor der Allmacht Gottes und dem Abgrund der Hölle ebenso sein wie die Angst vor irdischer Ächtung und wirtschaftlichem Ruin. Es kann die Angst sein vor Verfolgung durch die gewissenhaft-gewissenlosen Gehilfen gestriger und heutiger Hohepriester, aber auch Angst vor Verfolgung durch das eigene gemarterte und marternde Gewissen.

Und virtuell immer dabei: der Neue Mensch. Der indes keine originäre Hervorbringung des Christentums und seines Erfinders und ersten Chefideologen, des Apostels Paulus, ist. Allerdings erfuhr die eifernde Humorlosigkeit, mit der Paulus als Saulus Christen verfolgt hatte, bei dessen nunmehr von ganz oben oktroyierter Mission, wie sie ihm aufgrund seiner Jesus-Vision vor Damaskus erschien, eine beträchtliche Steigerung. Noch schwieriger ließ sich das Projekt »Neuer Mensch« angehen, nachdem Kirchenvater Augustinus (354-430) die ohnehin bereits reichlich abstruse Kirchenlehre mit der sogenannten Erbsünde angereichert hatte. Zwar wurden Paulus, Augustinus und Hunderte andere heiliggesprochen und aufgrund ihres Lebens (oder auch ihres Sterbens) dem Pantheon des »Neuen Menschen« zugeführt. Doch die Masse der Gläubigen wie Ungläubigen blieb resistent gegen die fleischfeindlichen (und ebenso geistfeindlichen) Verlockungen religiöser Reinheit und frönte weiter einem Leben in Saus und Sünde. Allem propagandistischen, agitatorischen und inquisitorischen Aufwand von Kirche und Klerus zum Trotz.

Auch die Reformatoren hatten sich den Neuen Menschen ganz vorn ins Programm geschrieben. Und sie standen in ihrem dogmatisch-fanatischen Eifern, diese Spezies möglichst noch zu ihren eigenen Lebzeiten beseelt und verkörpert zu sehen, der von ihnen bekämpften Romkirche in nichts nach. »Der Hexen-, Ketzer- und Sektenjäger Luther verteufelt und verfolgt in seinem Wahn, der einzige wahre Verkünder des Evangeliums zu sein, alle, die von seiner Glaubens- und Moraldoktrin abweichen«, so der Kirchenkritiker Hubertus Mynarek.

Das morbide Menschenbild des deutschen Thesen-Herolds wurde noch übertroffen von seinem französisch-schweizerischen Pendant. Johannes Calvin errichtete in Genf eine Diktatur des Tugendterrors, in der selbst einfachste Vergnügungen wie Tanz und Karneval verboten waren. In diesem von »Zucht und Ordnung«, Fleiß, Sparsamkeit und Disziplin geprägten Real-Utopia war die Freiheit von jeglicher Art des Humors die wohl auffälligste Form von Freiheit. Immerhin: Calvins Prädestinationslehre, die wirtschaftlichen Erfolg als Zeichen göttlicher Erwählung sah, schuf zwar keinen Neuen Menschen, trug aber zum Entstehen eines neuen Gesellschaftssystems bei. Zumindest sah das so der deutsche Soziologe Max Weber, der diesem Gedanken mit seinem epochalen Werk »Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus« Weltgeltung verschaffte.

Die Exekution säkularer, auf die Hervorbringung des Neuen Menschen zielender ideologischer Konstrukte war dann vor allem eine Obsession des 20. Jahrhunderts. Eine Obsession, die maßgeblich zur Monstrosität dieses »Zeitalters der Extreme« (so der Titel eines Buches des britischen Historikers Eric Hobsbawm, 1917-2012) beitrug: Systeme mit faschistisch-nationalsozialistischer Prägung auf der einen, mit stalinistisch-kommunistischer Programmatik auf der anderen Seite.

Bei allen Antagonismen, die Gegnerschaft, ja, Todfeindschaft zwischen diesen mehr oder weniger totalitären Gesellschaften begründeten: Durchzogen wurden sie von Wille und Wahn, einen Neuen Menschen zu schaffen nach Maßgabe ihrer ideologischen Väter (und wenigen Mütter) und Geburtshelfer zur massenhaften Absicherung der sich letztlich als katastrophal erweisenden Konstrukte. Hier sollen keinesfalls nivellierende Gleichheitszeichen gesetzt werden zwischen rassistisch-völkischem Züchtungswahn und sozialistisch-doktrinärer Volkserziehung. Krachend gescheitert sind beide und weder das eine noch das andere sollte wiederbelebt werden.

Das ist wohl auch der entscheidende Grund, dass mit dem Entwurf eines Neuen Menschen heute kaum mehr offen und offensiv geworben wird. Aber die Idee, der Traum sind weiter da.

Auch Jesus muss dafür herhalten. Denn Jesus ist »der erste neue Mann«, der »das Weibliche in sich nicht verdrängt«, für den Frauen »Partnerinnen« und nicht »Lustobjekte« sind und der die »Brutalität des Patriarchats« bekämpft. So zumindest sieht der Publizist Franz Alt den Nazarener in seinem 1989 erschienenen Buch »Jesus - der erste neue Mann«. Ein programmatischer Titel, der darauf verweist, welchem Teil der Gesellschaft bei einer Erneuerung des Menschentums die erste und größte Bringepflicht auferlegt ist.

Dass es in diesbezüglichen Diskursen und Debatten nichts mehr zu lachen gibt, ist seit der flächendeckenden Herrschaft von Twitter weitgehend Konsens. Despektierliches Gebaren wird umgehend per Hashtag geahndet. Selbstironische Reflexionen mit Blick auf zunehmend aus dem rhetorischen Ruder laufende ideologische Angestrengtheiten? Fehlanzeige. Auch, wenn manch flotte Formulierung den Verdacht satirischer Zuspitzung erweckt - wie beispielsweise die »positive Besinnung auf die Menstruation und ein Plädoyer für die Enttabuisierung von Masturbation« als linksfeministische Forderungen (so unlängst in einer nd-Kolumne). Es ist Ernst. Bitterer.

Interessanterweise hat es auch der Begriff des Neuen Menschen nicht geschafft, ironische Metapher eines ewig missglückten und missglückenden, weil anti-anthropologischen Projekts zu werden. »Der Mensch! Das ist groß! Das klingt ... stolz!«, heißt es in »Nachtasyl« von Maxim Gorki. Das war Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals waren die grausamen Jahrzehnte von Versuchen des Menschen, einen Neuen Menschen zu erschaffen, noch nicht ahnbar.

Pathetische Erhöhung, politisches Experimentieren, politkorrektes Räsonieren - der Neue Mensch hatte dabei nie etwas zu lachen. Der »alte« Mensch erst recht nicht.

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