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Eine harte Nuss selbst für Nussknacker

In Neuhausen werden die erzgebirgischen Figuren gesammelt, in Freiberg tüftelt man an ihrer Optimierung

  • Von Hendrik Lasch, Neuhausen
  • Lesedauer: 5 Min.

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Diese Verwandtschaft sieht man nicht einmal auf den zweiten Blick. Was soll die Drahtspirale in der Form einer Zipfelmütze, die in Freiberg auf dem Tisch vor Matthias Kröger steht, mit dem hölzernen Kerl gemeinsam haben, der in Neuhausen im Erzgebirge hoch über das Dach einer früheren Stuhlfabrik aufragt und seine Zähne bleckt? Sie sind so unterschiedlich wie Rose und Apfel, und doch gehören sie wie diese einer Familie an: Beide sind Nussknacker.

Der 10,10 Meter hohe Lulatsch, den das Guinnessbuch als weltgrößten seiner Art führt, wäre zwar nur mit Nüssen in Medizinballgröße zufrieden. Ein nicht einmal fünf Millimeter großer Kollege, der in Europas einzigem Nussknackermuseum nur unter einer Lupe zu erkennen ist, bräuchte derweil Nüsse so winzig wie ein Samenkorn. Die meisten anderen der über 5500 Nussknacker, die Uwe Löschner und sein Vater Jürgen in 50 Jahren gesammelt haben, erfüllen jedoch ihren Zweck: Hebel lupfen, Nuss einlegen, kräftig drücken - losessen!

Beziehungsweise: Nussbruch von Schalensplittern trennen. Viele Nussknacker zerlegen nicht nur die harte Schale, sondern gleich auch noch den weichen Kern. Ein Übel, vor dem auch die Spirale in Krögers Büro nicht gefeit ist - obwohl sie sogar einen Designpreis gewonnen hat. Kröger, Professor für Konstruktionslehre an der TU Bergakademie, platziert eine Nuss unter der Drahtwendel, zieht sie an ihrem kugeligen Ende auseinander und lässt los. Zack - kaputt, die Nuss. Die Schalensplitter liegen säuberlich unter der Haube aus Draht. Der Kern auch - leider in Fragmenten.

Es ist erstaunlich: Die Menschheit ernährt sich seit Jahrtausenden von Nüssen, und seit ewigen Zeiten nutzt sie technische Hilfe, um diese zu knacken. Ein Bild in Löschners Museum zeigt eine 2400 Jahre alte bronzene Nusszange in Form gefalteter Hände, die im süditalienischen Tarent in einer Grabkammer gefunden wurde.

Seither hat man unzählige Modelle entwickelt: filigran geschmiedet oder fein geschnitzt, mit Hebelarmen oder raffinierter Mechanik. Seit 1870 gibt es den erzgebirgischen Nussknacker: ein hölzernes Mannsbild in meist gehobener gesellschaftlicher Stellung - König, Offizier, Polizist -, das Nüsse im kantigen Maul zerlegt. Auch später haben Tüftler immer neue Varianten auf den Markt gebracht. Das perfekte Modell aber, sagt Kröger, »ist noch immer nicht dabei«.

Die Stärken und Schwächen einzelner Modelle demonstriert der Wissenschaftler kurz vor Weihnachten in einer launigen Vorlesung seinen Studenten. Der erzgebirgische Nussknacker etwa: sehr dekorativ, aber eher ungünstig dimensionierte Hebel. Die klassische Nusszange: sorgt gern auch für Quetschungen des Handballens.

Zu den unorthodoxen Modellen gehört eine Dose aus Metall, an der ein Säckchen aus Gummi befestigt ist. Er wird samt eingelegter Nuss in die Länge gezogen und losgelassen; die Nuss zerschellt im Inneren der Dose. Auch hier aber mischen sich Schalen- und Kernsplitter.

Fein abgestimmten Krafteinsatz erlaubt ein Gerät, dass in Teilen an eine Drehbank erinnert und bei dem die Schale von einem Dorn zerdrückt wird, der über einen langen Hebel bewegt wird. »Für den Maschinenbauer ein Traum«, sagt Kröger. Allerdings gab ein genietetes Gelenk binnen Tagen den Geist auf, und insgesamt ist die Konstruktion kompliziert und die Produktion teuer. Das ganze Gegenteil ist der »Herzensknacker«, ein simples Blech in Herzform, dessen Spitze zwischen die Schalenhälften der Walnüsse getrieben wird. Klappt prima, beschränkt aber die kulinarische Vielfalt, sagt Kröger: »Haselnüsse öffnet man damit nicht.«

In der weihnachtlichen Vorlesung sind Nussknacker eigentlich Mittel zum Zweck: Die angehenden Kon-strukteure erhalten auf amüsante Weise einige nützliche Erkenntnisse vermittelt, etwa die, wonach es für ein- und dieselbe Aufgabe unendlich viele Lösungen gibt und in aller Regel kaum ein Entwurf allen Anforderungen gerecht wird. »Nicht immer ist die erste Idee die beste, und es lohnt sich, immer neu nachzudenken«, sagt der Professor, bei dem die Befassung mit Nussknackern freilich auch den Ehrgeiz angestachelt hat, deren Entwicklung voranzutreiben.

Konkret geht es um ein Gerät, um Macadamia-Nüsse zu öffnen - eine kugelrunde Vertreterin der Früchte, deren Schale äußerst dick ist und keinerlei Spalt aufweist. Um sie zu öffnen, braucht es ein Vielfaches der Kraft, die eine Walnuss zersprengt. »Daran scheitern alle herkömmlichen Nussknacker«, sagt Kröger. Bisher werden diese Nüsse daher oft erst angesägt und dann mühsam aufgehebelt.

Der Professor grübelt nun an einem Gerät, dass diese härteste aller harten Nüsse knackt, dabei aber einfach konstruiert, leicht reparabel und so preiswert ist, dass es sich auch afrikanische Bauern leisten können. Ihnen wäre es damit möglich, die Nüsse bereits ohne Schale zu verkaufen - was höhere Einnahmen ermöglicht.

Auf der Suche nach konstruktiven Lösungen hat Kröger auch dem Museum in Neuhausen einen Besuch abgestattet und ist beispielsweise auf eine Maschine gestoßen, bei der ein Exzenter und ein Hebel kombiniert sind. Der Konstrukteur tüftelt aber auch in andere Richtungen. Bisher, sagt er, setzten Nussknacker auf Kräfte, die in Richtung Kern drücken. Soll dieser aber makellos bleiben, müsste man vielleicht auf Kräfte setzen, die in die Gegenrichtung wirken.

Wenn Kröger und seine Studenten fündig werden, wäre ihr Produkt vielleicht auch ein Fall für Löschners Museum. Dort gibt es schon jetzt eine beeindruckende Vielzahl von Nussknackermodellen zu sehen: aus Rhön und Tirol, Frankreich und England - und natürlich aus dem Erzgebirge. Die heimische Variante ist meist gedrechselt und mit bis zu 40 Teilen ein »echter Holzfresser«, sagt Löschner. In der DDR waren die hölzernen Gesellen beliebte Tauschobjekte; in den Neunzigern trieben Billigimitate aus Fernost den Kunsthandwerkern Sorgenfalten auf die Stirn. Inzwischen bewirke ein »Trend zum Traditionellen«, dass die Kunden wieder Wertschätzung für Handarbeit empfinden und »bewusster einkaufen«.

Gut 30 Hersteller gibt es im Erzgebirge noch; einige ihrer Modelle landen jedes Jahr auch bei Löschner im Museum. Wobei sich Hersteller und Kunden wieder auf die Ursprünge zu besinnen scheinen: Es dominieren Könige, Polizisten, Förster. Dass der Freiberger Professor ihnen konstruktive Schwächen attestiert, dürfte ihnen egal sein. Sie wissen, dass sie vor allem eines sein sollen: attraktiv. An Nüssen die Zähne ausbeißen sollen sich andere.

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