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Weihnachten, auch ohne Wohnung

Das »Fest der Obdachlosen« findet zum 19. Mal in Kreuzberg statt

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Eine Lichterkette schmückt den Eingang der verkehrsumtosten Heilig-Kreuz-Kirche an der Blücherstraße. Rauch steigt aus einem der Kamine auf. Zehn Tage vor Weihnachten findet hier das »Fest der Obdachlosen« statt. Junge Ehrenamtliche mit freundlichen Gesichtern sausen an den langen Tischen entlang und schenken Getränke aus. An den roten Tafeln mit Kerzen und Tannenbaumschmuck sitzen junge und alte Gäste, Menschen mit rauchigen Stimmen, Männer mit langen grauen und weißen Bärten. Um die Tische herum reihen sich Krücken, Gehhilfen, Isomatten, Schlafsäcke und Einkaufsroller auf. Viele der Gäste sind mit ihren Hunden gekommen. Es ist eine etwas andere Weihnachtsfeier.

Zum Fest sind Menschen eingeladen, die in Obdachlosigkeit und Armut leben, aber auch jene, die sich ehrenamtlich in der Wohnungslosenhilfe einsetzen. Für Christiane Pförtner, Sprecherin des Fests, ist es so etwas wie eine »Betriebsweihnachtsfeier«. Gekommen sind rund 400 Personen, viele aus Kältehilfe-Einrichtungen wie Wärmestuben, Suppenküchen oder Notübernachtungen.

Gemeinsam mit den anderen warten Tomas X. und Janusz Y. auf das Essen. Als die ersten Getränke und Kuchen verteilt werden, regt sich die Stimmung in der Kirche, es wird laut, viele reden durcheinander.

Tomas ist am Tag vorher 21 Jahre alt geworden. Der blonde Pole spricht fließend Englisch und Italienisch, vorher hat er in Bari gewohnt. Janusz, 48 Jahre alt, ist leicht schwerhörig und hat ein breites Lächeln. Beide sind erst seit drei Monaten in Berlin und somit das erste Mal beim »Fest der Obdachlosen«. »Ich hoffe, dass es das letzte Mal sein wird«, sagt Janusz. Denn die nächsten Weihnachtsfeiertage möchte er nicht obdachlos verbringen. Er hofft, dass es ihnen beiden bald besser geht. Zur Zeit schlafen sie draußen, in Parks. Ihre Schlafsäcke liegen zusammengerollt unter dem Tisch. Kennengelernt haben sie sich in der Bahnhofsmission. Um über die Runden zu kommen, sammeln sie Pfandflaschen. Nach Berlin kamen sie, um zu arbeiten, wurden aber bestohlen. Nun, da sie wieder ihre Ausweise haben, wollen sie einen Job finden und weg von der Straße. Wo sie am 24. Dezember sein werden, wissen sie noch nicht. Beide haben niemanden, Tomas ist in einem Heim aufgewachsen. Jetzt sind sie einander Familie. Das Fest gefällt ihnen gut. Als der Chor »Different Voices of Berlin« von Jocelyn B. Smith auftritt, klatschen und singen die beiden mit, freuen sich, machen Stimmung am Tisch.

Eine halbe Stunde später döst Tomas, den Kopf auf dem Tisch, vor sich hin. Die Stimmung auf dem »Fest der Obdachlosen« ist zwiegespalten. Viele stimmen in den Gesang mit ein, Textfetzen wie »Halleluja«, »Überall zu Hause« und »Merry Christmas« tönen durch die Kirche. Aber es sind auch bedrückte Gesichter zu sehen, die nicht von der Weihnachtsstimmung erhellt werden. Sie blicken trüb und müde vor sich hin, für sich allein in dem Feiergetöse. Sie haben ihre Mützen aufgelassen und ihre dicken Jacken noch an, manche sogar zugeknöpft. Sie scheinen auf dem Sprung.

Das Fest wurde 1996 ins Leben gerufen, damit obdachlose Menschen nicht aus der Öffentlichkeit der Stadt verdrängt werden. »Es ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen. Wir haben auch politische Forderungen«, sagt Pförtner. Sie beobachtet in den letzten Jahren, dass es immer mehr Obdachlose gibt. Gefordert werden deshalb mehr Schlaf- und Wohnplätze, ebenso wie mehr kleine Einrichtungen statt große Massenunterbringungen. Das bisherige Angebot reiche einfach nicht mehr aus, die 700 Plätze der Kältehilfe seien zu wenig.

Sozialsenatorin Elke Breitenbach (LINKE) war schon mehrmals auf dem »Fest der Obdachlosen«, lange bevor sie ihr jetziges Amt angetreten hatte. Sie unterstützt die Forderungen. »Sie müssen jetzt nur umgesetzt werden«, sagt sie. Es liege nicht am Geld, dass Übernachtungsplätze fehlen. Die Wohnungslosenhilfe müsse sich an die aktuelle Lage anpassen. Die Bedürftigen werden zunehmend internationaler, auch immer mehr Frauen und Familien finden sich ohne Obdach wieder. Um auf die sich verändernde Situation reagieren zu können, werde eine konkrete Datenlage zur Obdachlosigkeit benötigt, sagt Breitenbach. Bisher gibt es nämlich nur Schätzungen darüber, wie viele Menschen in Berlin tatsächlich obdachlos sind.

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