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Das Kollektiv ist keine schnurgerade Reihe

Arthur Honeggers Oratorium »Le Roi David« - aufgeführt mit dem Deutschen Symphonieorchester, dem Rundfunkchor Berlin und Solisten

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Vielleicht das musikalische Ereignis in den vorweihnachtlichen Tagen in Berlin - diese Aufführung im Berliner Dom am Lustgarten. Sämtliche Bänke waren besetzt, die Kirche gut geheizt. Und hoch inspiriert das Ensemble. Ein Drama erstand, kompositorisch ersonnen von dem 1892 in Le Havre geborenen Schweizer Arthur Honegger, um 1920 Mitglied der avantgardistischen »Groupe des Six«. »Le Roi David« ist Nachhall. Jene eben hinter den Menschen liegende Katastrophe des Ersten Weltkriegs führt das Werk in allegorischen Elementen mit, verbunden mit dem biblischen Signum der Erlösung aus den Qualen.

Arthur Honegger hatte »Le Roi David« 1921 an sich für die Bühne vorgesehen. Aber das Projekt zerschlug sich. Der besseren Aufführbarkeit wegen hat er es dann als Symphonischen Psalm in drei Teilen komponiert. Das Werk, es wirkt in seiner Kleinteiligkeit wie ein Opernszenario, erzielte über die Zeiten große Erfolge. Sie dauern fort. Das Libretto folgt dem gleichnamigen Drama von René Morax (freie deutsche Nachdichtung Hans Reinhart, die neben der französischen Version im Programmheft nachzulesen war).

Gut, das »Roi David« jetzt im Dom gespielt wurde. Das Haus hat hohen Ruf, geadelt seinerzeit bei der Neueröffnung durch Kanzlerin Angela Merkel persönlich. Alle Herrschaftlichkeit der Bundesrepublik Deutschland hat sich in dem so kompakten wie wenig ansehnlichen, weil viel zu dick aufgeschwungenem Gebäude seither herumgetrieben. Es wundert, dass noch kein groß aufgezäumter Trauergottesdienst dort stattgefunden hat.

Im Übrigen: Der Berliner Dom hat immer noch einiges wieder gut zu machen. Nicht vergessen sind die den Krieg verherrlichenden Kanzelsprüche gewisser Domprediger 1914, die ganze Hohenzollernsche Ausrichtung noch später und die Verquickung mit dem Nazitum. Längst nicht alles davon ist wirklich erledigt worden, im Gegenteil, so der Eindruck, manches schwappt wieder hoch.

»Roi David« ist mit Chor, Solisten, Sprecher, Orchester groß besetzt und durchaus schwierig aufzuführen in monumentalen Kirchenräumen wie dem betreffenden mit übermäßigen Nachhallzeiten. Kriterium sind die Lautstärkebalancen im polyfonen Ablauf und Gefüge der Stimmen wie Gruppen. Die müssen trotz Widrigkeiten - teils schon berücksichtigt in den Noten - stimmen.

Dirigenten Gijs Leenaar gelang mit dem DSO, dem Rundfunkchor Berlin und der Ansammlung derer, die die Texte transportierten, eine höchst ausgewogene Aufführung. Keine schnurgerade Reihe bildet das Solistenkollektiv wie üblich vorn: Beschäftigt waren Sopran, zwei Mezzosoprane, Alt, Tenor (in der Reihenfolge Iwona Sabotka, Christine Lichtenberg, Solisten des Staats- und Domchores Berlin, Steve Davislim), dazu die Stimme des »Schatten Samuels« (Michael Timm) und die Sprechstimme der Hexe (Isabelle Vosskühler). Sondern jeder tritt einzeln oder zu zweit hervor, um zu singen oder zu sprechen, bald wie auf der Opernbühne, und zieht sich wieder zurück. Der die Geschichte erzählende Sprecher (Sascha Glintenkamp) steht rechts in einem extra erleuchteten Rondell. Enormer Eindruck die Sprechstimmenmelodik des Schattens Samuel.

Vielfach stellen Responsorien zwischen Chor, Solisten und Sprecher sich her. Und gelegentlich sprengen auch avantgardistische Mittel ein. Etwa in der »Beschwörung der Hexe von Endor«. Grell die Szenerie. La Pythonisse gibt sich auf Schlagzeug, Celesta und Bläsern mit Piccolo unheimlich und schreit drohend hinein in den Kirchenraum.

In »Marche des Philistins« erwecken allseits tiefe Register und schwere Marcati Schrecken. Klagegesänge schließen sich an, fröhliche Tänze, Ausdruck von Schlachtengetümmel. Im »Roi David« steigt ein einfacher junger Hirte zum König und Propheten auf. Im Zeichen des Jahwe, des Gottes von Israel. Vielerlei Konflikte und Gefechte begleiten den Werdegang des Mannes und verwickeln ihn darin. Das Werk endet mit einem unerhört wirkungsmächtigen »Halleluja«. Sämtliche Texte erscheinen in der Originalsprache, was der Authentizität der Wiedergabe zugutekommt.

Es gab in den 1990er Jahren im Berliner Dom einen Mitarbeiter, der alles daran setzte, die regressive Geschichte des Doms aufzuhellen: Heinz Hoffmann. Er organisierte Bildbetrachtungen, Lesungen und gab Kompositionen in Auftrag. Ein bedeutendes Werk wurde 1992 dort aufgeführt: »Menetekel« von Paul-Heinz Dittrich. Über gesungene und gesprochene Bibeltexte und Dokumente erzielt es die größten Wirkungen. Das Werk gehörte wieder aufgeführt. Nach Honeggers »Le Roi David« könnte sich die Kirche damit weitere Reputation verschaffen.

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