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In der DDR kein Wegwerfartikel

Junger Sammler Tobias Bank aus Wustermark besitzt rund 200 Plastetüten aus alter Zeit

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Als die Mauer fiel, war Tobias Bank noch ein Kleinkind. Dass er Plastetüten aus der DDR sammelt und ausstellt, hat für ihn nichts mit Ostalgie zu tun. Für ihn sind die rund 200 Exemplare, die er bei sich daheim in Wustermark lagert, kulturhistorisch bedeutsam. »Ich möchte objektiv über die Geschichte informieren«, betont der 31-Jährige, der Kommunalwissenschaften und Geschichte studierte und als Referent bei der Linksfraktion im Bundestag angestellt ist.

Aus wissenschaftlicher Sicht findet er an den DDR-Tüten praktisch, dass sich jeweils das Jahr, der Ort und der historische Hintergrund leicht ablesen lassen. Ein Beispiel: »Gruß den Teilnehmern der XIV. Delegiertenkonferenz der Parteiorganisationen der SED in der Nationalen Volksarmee und den Grenztruppen der DDR.« Den Gruß übermittelte via Aufdruck der VEB Buch und Zeitschriftenvertrieb der NVA.

Die Plastetüte war in der DDR nicht zuletzt wegen des dafür benötigten Rohstoffs Erdöl selten, und anders als im Westen war sie auch kein Wegwerfartikel. Der Staat wollte Ressourcen schonen und dachte dabei durchaus auch an den Umweltschutz. Die Bürger trugen ihre Einkäufe in Netzen oder Dederonbeuteln nach Hause. Plastetüten wurden in der Regel zu besonderen Anlässen hergestellt. Sie waren aufwendig gestaltet und haltbar, weil das Material dicker war und weil es zum Tragen fast immer einen Steggriff aus stabilem Kunststoff gab. Nicht selten entwarfen Künstler farbenprächtige Motive. Aus all diesen Gründen, so vermutet Tobias Bank, haben sich so viele dieser Tüten in gutem Zustand erhalten.

Schon mit 14 Jahren fing Bank damit an, Orden, Medaillen und Münzen aus der DDR zu sammeln. Die Objekte erhielt er häufig in DDR-Plastetüten und dachte sich, diese seien zu schade, um sie wegzuwerfen. Der junge Mann sammelt auch Armbanduhren sowie alle möglichen Taschen und Koffer aus DDR-Produktion und zeigt alle diese Dinge regelmäßig bei verschiedenen Ausstellungen. Doch die meisten Besucher kommen, so erzählt er fasziniert, wenn es Plastetüten zu sehen gibt. Gleich die erste dieser Ausstellungen 2015 im Gemeindezentrum in Heidesee (Dahme-Spreewald) sei von 1000 Menschen besichtigt worden.

In den Ausstellungen zeigt Bank die eine oder andere Auswahl von 35 Tüten, wenn die Räumlichkeiten es zulassen auch mehr. Die Tüten legt er in Bilderrahmen hinter Glas, präsentiert dazu auch ein paar Stoffbeutel, etwa einen von den Arbeiterfestspielen 1986 in Magdeburg. Derzeit hängen beispielsweise einige Tüten im Berliner Büro der südbrandenburgischen Bundestagsabgeordneten Birgit Wöllert (LINKE), die in Heidesee zur Eröffnung der besonders erfolgreichen Ausstellung gesprochen hatte. »Meine Gäste nehmen die Plastetüten sehr interessiert zur Kenntnis«, berichtet Wöllert.

Darunter ist auch Banks Lieblingsstück, ein Beutel mit der Aufschrift »125 Jahre Uhrenwerk Ruhla 1862-1987«. Die stilisierte Darstellung von drei Armbanduhren aus verschiedenen Zeiten gefällt dem Sammler außerordentlich. Eine der originalen Uhren, ein viereckiges Modell, trägt er selbst. Die hat er morgens ausgewählt - wie immer farblich passend zur Kleidung. Während es für Orden, Medaillen und Münzen eine eigene Szene gibt, sammeln nur sehr wenige Menschen Plastetüten aus der DDR. Darum haben diese Tüten auch nur einen ideellen Wert, sagt Bank. »Von einem materiellen Wert kann man nicht sprechen.« Wenn er versuchen würde, die Tüten im Internet zu versteigern, würde er, wenn überhaupt, sicherlich nur geringe Beträge erzielen. Aber er will sich natürlich keineswegs von den Stücken trennen. Im Gegenteil: Er ist bemüht, die Sammlung noch zu erweitern.

Bank besitzt außerdem etwa 150 bedruckte Papiertüten und ungefähr 200 Koffer, Rucksäcke und Taschen. Besonders stolz ist er auf zwei Aktentaschen von SED-Politbüromitglied Werner Lamberz. Der zeitweise als möglicher Nachfolger von Staats- und Parteichef Erich Honecker gehandelte Hoffnungsträger starb 1978 bei einem Hubschrauberabsturz in Libyen. Seine Aktentaschen bekam Bank von Sohn Ulrich Lamberz, also von einem Kollegen. Denn Ulrich Lamberz arbeitet ebenfalls für die Linksfraktion im Bundestag.

Eine weitere Aktentasche aus seiner Sammlung habe früher dem Schauspieler Jaecki Schwarz gehört, schwärmt Bank. Außerdem besitze er eine Sporttasche des letzten DDR-Ministers für Elektrotechnik Felix Meier (SED). Bank zählt auf, was er sonst noch ergatterte: eine nummerierte und abschließbare Kuriertasche aus dem Strafvollzug mit Siegelfleck, eine Kosmetiktasche der Airline Interflug und eine Sporttasche der Volleyball-Nationalmannschaft der Frauen von den Olympischen Sommerspielen 1988 in Seoul.

Wer etwas dieser Art bei sich im Keller findet, soll sich gern an Tobias Bank wenden. Er hat extra für diesen Zweck eine E-Mail-Adresse eingerichtet.

ddr.exposition@gmail.com

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