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»Heute gelte ich als Terrorist«

Ercan Karakoyun, ein führender Kopf der Gülen-Bewegung in Deutschland, über Anfeindungen und Transparenz

  • Von Stefanie Schoene
  • Lesedauer: 4 Min.

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Herr Karakoyun, wie sind Sie zur Gülen-Bewegung gekommen?
Während meiner Abiturzeit in Schwerte lernte ich in der DITIB-Moschee zwei Männer kennen, die mir imponierten. Der eine war Unternehmer, der andere ein Telekommunikationsfachmann. Sie luden mich zu einem sogenannten sohbet, einem Gesprächskreis, ein. Wir lasen die Schriften von Fethullah Gülen und diskutierten seine Thesen. Ich war fasziniert, denn es ging nicht nur um traditionelle islamische Tugenden, sondern um die Verbindung von Wissenschaft, Religion und Gesellschaft. Wir diskutierten viel, Zweifel und Fragen waren - anders als im Koranunterricht der Moschee - erlaubt. Das gefiel mir.

Auch die »Botschaft des Lichts«, der 6000 Seiten starke Korankommentar des türkischen Gelehrten Said Nursi, gehört zum Schriftenkanon der Gülen-Anhänger. Er und Gülen rufen zu mehr weltlicher Bildung auf, um die Gesellschaft als Muslime mitgestalten zu können. Wollen Sie Deutschland muslimischer machen?
Nicht das Land, aber die Muslime hier schon, ja. Und das nicht etwa in abgeschotteten, traditionellen Communities. Wir Muslime müssen uns öffnen. Vernunft, wissenschaftliches Debattieren und zum Beispiel die Gleichberechtigung von Mann und Frau müssen zu alltäglichen Selbstverständlichkeiten werden. Väter sollten Töchtern nicht mehr befehlen, ihrem kleinen Bruder Tee zu bringen.

Seit Mitte der 1990er Jahre leugnen Gülen-Vereine in Deutschland, zum Netzwerk zu gehören. Verstehen Sie, dass kommunale Akteure misstrauisch sind, wenn sie die Verbindungen entdecken?
Ja, das ist verständlich. Die deutsche Gesellschaft, mit der wir ja den interkulturellen Dialog wollen, hat ein Recht zu erfahren, wer wir sind. Wir, das heißt die Stiftung Dialog und Bildung, wollen den Öffnungsprozess für die Hizmet-nahen Schulen, Nachhilfeinstitute und Unternehmerverbände einleiten und unsere Beziehungen, Hierarchien und Finanzierungen offen legen.

Ihre Stiftung in Berlin und die Dialoginstitute in den Ländern gelten als Zentralen der Gülen-Bewegung in Deutschland. Haben Sie Weisungsbefugnis für die lokalen Vereine?
Nein. Wir sind eben nicht der klar hierarchisch organisierte Konzern, für den uns manche halten. Für die neue Transparenz werde ich intern mit Vorträgen und Diskussionen werben. Bisher stoße ich auf viel Zustimmung.

Welche Auswirkungen hat die Verfolgung der Gülen-Anhänger in der Türkei auf die etwa 100 000 Anhänger und die türkische Community in Deutschland?
Die Propaganda der türkischen Medien schwört leider auch die Deutschtürken hier auf uns als »Terroristen« ein. Zwar habe ich noch von keiner Gewalttat gehört, aber Anfeindungen im Internet und auf der Straße sind an der Tagesordnung. Ich habe Hausverbot in Berliner DITIB-Moscheen. Die türkische Religionsbehörde hat im September ihre Auslandsimame offiziell aufgefordert, Berichte über Hizmet-Vereine, -Schulen und -Wohnheime zu erstellen und an die Behörde zu schicken. Die Anmeldezahlen an unseren Schulen und Nachhilfe-Instituten gehen leicht zurück, auch weil Eltern nicht mehr - wie zuvor - mit Aufstiegschancen für ihre Kinder rechnen. Die Abonnentenzahlen und Werbeeinnahmen unserer Tageszeitung Zaman Avrupa brachen so stark ein, dass die gedruckte Zeitung seit Ende November nicht mehr erscheint.

Ihre Beziehungen in die Türkei waren bis zum Putschversuch stark, auch wenn das hierzulande meist geleugnet wird. Ist die Bewegung dort zerschlagen?
Die Verbindungen in die Türkei sind gekappt, unsere Bildungsreisen dorthin mit deutschen Politikern, Akademikern, Diplomaten und Unternehmern auf Eis gelegt. Bis 2014 war ich bis zu fünf Mal im Jahr in der Türkei, meist beruflich. Vor ein paar Jahren noch bot mir ein Minister ein Amt in seinem Stab an. Heute gelte ich als Terrorist und habe Einreiseverbot.

Vor 2012 haben Staatsanwälte und Polizeioffiziere des Gülen-Umfelds selbst kritische Autoren und Journalisten ins Gefängnis gebracht.
Ich sehe das wie der Soziologe Günter Seufert: In der Türkei hatte sich die Bewegung überdehnt, sie war zu einem Karrieristennetzwerk geworden. Viele schwarze Schafe, die eher Machtpolitik im Sinn hatten als die Werkethik Fethullah Gülens, mischten dort mit. Jetzt wird die Bewegung als Ganzes verantwortlich gemacht. Wir haben unsere demokratischen Fähigkeiten dort wohl überschätzt.

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