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Antiquiertes Taktgefühl?

Freitags Wochentipp: »Kommissar Maigret« mit Rowan Atkinson

Wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt, beginnt die Zeit der Rückblicke. Von satirisch bis sportlich, von ernst gemeint bis unfreiwillig komisch ist dann auf fast allen Kanälen alles dabei, was viele in dieser schnelllebigen Epoche schon Tage nach dem Ereignis vergessen haben, weil es vom nächsten überlagert wurde. Wofür das Rückblicksfutter in zwölf Monaten ungeachtet des zynischen Verdrängungswettbewerbs gesorgt hat, ist aber ein Zuspruch für seriöse Medien wie lange nicht.

Auch das ZDF hat ähnlich der ARD vom Bombardement harter Nachrichten profitiert und zum fünften Mal in Folge den inoffiziellen Titel des meistgesehenen Senders errungen. Dazu muss allerdings dringend ergänzt werden: Ohne Zuschauermagneten wie Fußball-EM oder die Doping-Olympia läge das Zweite wohl kaum mit 13 Prozent Marktanteil knapp vorm Ersten, sondern womöglich hinterm Dritten.

RTL hat ja nicht nur in der Zielgruppe oft die Nase vorn, sondern überzeugt dank solider Blockbuster wie »Winnetou« (fünf Millionen Zuschauer) auch das Gesamtpublikum. Der ARD bleibt aber immer noch King »Tatort« - sofern er regieren darf. Diesmal indes wurde der Dortmunder Fall »Sturm« auf Ende Januar verschoben, da der Selbstmordattentäter-Terrorismus darin zu nah an der Berliner Realität lag. Antiquiertes Taktgefühl oder zeitgemäße Pietät? Es gibt Gebräuche, die trotzen jedem Zeitgeist.

So wie manch Fernsehermittler. Georges Simenons Groschenromanfigur Jules Maigret zum Beispiel wurde schon 1932 erstmals zum Filmpolizisten umfunktioniert und seither von knapp 30 weiteren Darstellern verkörpert. Darunter vor allem Jean Richard, der von 1967 bis 1990 das Bild des Pariser Kommissars auch im ZDF prägte. Sein neuester Nachfolger geht nun im Ersten auf Mörderjagd: Rowan Atkinson. Ausgerechnet. Als stumme Witzfigur »Mr. Bean« ist der Brite bislang schließlich nur durch lustige Rollen bekannt geworden. Und genau das ist vorerst auch das Problem seines BBC-Charakters.

Denn wann immer er nun als melancholischer Pfeiferaucher ins Bild kommt, erwartet man instinktiv irgendwas Ulkiges von ihm. Allein - es kommt nicht, niemals. Im Gegenteil: Wie beim gestrigen Debüt verkörpert Atkinson seinen Maigret auch am kommenden Sonntag (21.45 Uhr) mit Eleganz und Zurückhaltung, wenn er im Fall eines Bauernkillers auf dem Land tätig wird. Weit eindrücklicher als Mr. Beans Profilwandel ist allerdings das Setting ringsum.

Ashley Pearce hat sein Faible für historische Kulissen schon in »Downton Abbey« gezeigt. Nun inszeniert der Regisseur die 50er Jahre in einer sepiafarbenen Noblesse, die für wahre Zeitreisen sorgt. Füllfederhalter und Notizblöcke, Pfeifentabak und Wählscheiben, Männer mit Hut und Gangster mit Fliege in einem Paris voll Patina, aber ohne Terroranschläge - Kommissar Maigret verweist auf Zeiten, in denen das Fernsehen sein Publikum noch wirklich zu entführen vermochte. Da darf man dann ruhig gelegentlich vergebens auf einen Scherz der Titelfigur warten.

ARD, 8. Januar, 21.45 Uhr

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