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Zeitungszusteller bleiben unter dem Mindestlohn

Zeitungsboten verrichten eine Knochenarbeit, ab heute für 8,50 Euro in der Stunde

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Um 4 Uhr beginnt die Schicht von Björn Kaczmarek (Name von der Redaktion geändert). Der 38-Jährige ist Zeitungsbote, bis 7 Uhr bringt er die Zeitungen zu den Abonnenten. Sein Arbeitsbereich: innerhalb des S-Bahn-Rings, genauer will er es nicht in der Zeitung lesen. Heute ist ein kalter und nasser Dienstagmorgen im Dezember. Und wenn es stark regnet oder hoher Schnee liegt? »Dann wird trotzdem ausgeteilt«, sagt Kaczmarek. So einfach ist das. »In fünfzehn Jahren habe ich es noch nie erlebt, dass mal nicht ausgetragen wurde.«

Die Tour beginnt bei einer Ablagestelle. Dort liegen die Zeitungen bereit, Kaczmarek sortiert sie in den blauen Zeitungswagen, packt riesige Schlüsselbünde in eine Umhängetasche - los geht es. In das Zustellbuch, in dem die Abos aufgelistet sind, schaut er kaum. Er weiß aus dem Kopf, wer welche Zeitung bekommt. »Heute Nacht ist Böllerwerbung dabei, da sind die Zeitungen besonders dick und schwer zu stecken«, sagt er.

Kaczmarek arbeitet für eine Agentur der Berliner Zustell- und Vertriebsgesellschaft (BZV). Die BZV wird seit 1994 von den drei konkurrierenden Berliner Großverlagen getragen. Über ihre Agenturen sind eigenen Angaben zufolge 1800 Boten tätig, die täglich 300 000 Tageszeitungen und wöchentlich drei Millionen Anzeigenblätter ausliefern.

Der Wecker von Kaczmarek klingelt um 3 Uhr, sieben Nächte die Woche, 48 Wochen im Jahr. Die Sonntagsdienste schiebt er, weil er das Geld braucht. Die meisten Boten arbeiten sechs Nächte pro Woche. Einige verteilen tagsüber zudem Anzeigenblätter. Anerkennung gibt es dafür wenig. Im Gegenteil: Die Arbeit gilt als gering qualifiziert, sie ist ein Knochenjob. Ein unterbezahlter obendrein: Die Zeitungszusteller waren eine der großen Ausnahmen im Mindestlohngesetz, das vor zwei Jahren in Kraft trat. Für sie galt vor dem 1. Januar 2017 nur ein verminderter Mindestlohn von 6,38 Euro (2015) und 7,23 Euro (2016). Selbst das war schon ein kleiner Fortschritt, denn vorher wurde nach Stückzahl bezahlt. Seit es einen Stundenlohn gebe, sagt Kaczmarek, bekomme er monatlich fast 200 Euro mehr, insgesamt seien es rund 700 Euro netto.

Die Ausnahmeregelung für Zusteller hatten die Zeitungsverleger erwirkt, die hinter den Zustellagenturen stehen. Damit waren sie erfolgreicher als andere Unternehmer, die für ihre Branche ebenfalls Ausnahmen forderten. Die Verleger hatten mit einer Verfassungsklage gedroht: Der Mindestlohn - so die Argumentation - gefährde die Existenz der Zeitungen und damit auch die Pressefreiheit. Sie verwiesen auf den Auflagenrückgang: Tatsächlich sanken in Berlin zwischen 2009 und 2016 die Zeitungsauflagen um 27,5 Prozent. Seit 2012 schreibt die BZV rote Zahlen.

Auf dem Weg durch Kaczmareks Zustellbezirk ist es nicht nur kalt, uns begegnen auch mehrfach Partygänger. Einer macht einen doofen Spruch, die Situation ist unangenehm. »Das passiert regelmäßig«, sagt Kaczmarek. »Mir wurde auch schon der Wagen geklaut, einmal hat einer reingepinkelt, sowas halt.«

Ab 2017 bekommen Zeitungsboten allerdings nicht den inzwischen geltenden Mindestlohn von 8,84 Euro, sondern den ursprünglich vereinbarten von 8,50 Euro. Gleichzeitig werden Zuschläge gekürzt. In Kaczmarek Arbeitsvertrag beispielsweise steht: Statt 50 Prozent im Jahr 2015 und 35 Prozent im Jahr 2016 gibt es ab 2017 nur noch 20 Prozent Sonntagszuschlag. Der Nachtzuschlag sinkt von 25 auf 15 Prozent. So wird der Effekt des Mindestlohns wieder geschmälert.

Wer macht diese Arbeit? »Rentner, die ihre Rente aufbessern, Arbeitsmigranten, oft mit mehreren Jobs, Hartz-Aufstocker«, sagt Kaczmarek. »Unsere Arbeit wird als primitive Tätigkeit betrachtet, daher die schlechte Bezahlung. Mag sein, das ist keine intellektuelle Herausforderung, eine physische und psychische aber allemal. Gibt nicht viele, die das machen wollen. Wir suchen ja immer Personal.«

Nach der Tour, beim Bäcker, kommt die Sprache auf die Zeitungsbranche. »Wenn man mich fragt, was ich mache, sage ich manchmal aus Spaß, dass ich bei der Zeitung bin«, sagt Kaczmarek und lacht. »Dann denken die, ich bin Journalist.« Aber irgendwie, findet er, stimmt es ja. Auch wenn seine Arbeit oft unsichtbar bleibt, gehört er dazu. Er trägt die Verantwortung für das letzte Stück Weg der Zeitung zum Leser.

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